Über den Alltagsrassismus der AfD-Klientel

Der frühere Pressesprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Christian Lüth, hat eingeräumt, in einem Gespräch mit einer Frau in einer Bar „unentschuldbare“ Äußerungen über Migranten gemacht zu haben. Gleichzeitig beteuerte er in einer persönlichen Erklärung, er sei nicht rechtsradikal. Schließlich habe er einen Großteil seines Lebens im Ausland verbracht und sei mit vielen verschiedenen Kulturen in Berührung gekommen. Zur Erinnerung: ProSieben hatte Anfang der Woche einen Dokumentarfilm über die rechte Szene ausgestrahlt, in dem ein namentlich nicht genannter AfD-Funktionär mit den Worten zitiert wird: „Die AfD ist wichtig; und das ist halt schizophren, das haben wir mit Gauland lange besprochen: je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD.“ Auf den Zuzug von Migranten angesprochen wird dem Mann, dessen Gesicht nicht zu erkennen ist, außerdem folgender Satz zugeschrieben: „Wir können die nachher immer noch alle erschießen, das ist überhaupt kein Thema, oder vergasen, oder wie du willst, mir egal.“

Die Erklärung von Lüth erinnert mich an eine Auseinandersetzung mit Alltagsrassisten auf einer Tour in Kroatien. Dort erlebte ich mit meiner lieben Frau Miliana im Brennglas die Lebenswelt des moralisch überlegenen Alltagsrassisten, der ohne mit der Wimper zu zucken von „Kanaken“ und „Negern“ redet, die sein deutsches Leben belasten.

Alles, was das Weltbild in Unruhe versetzen kann, wird als Naivität oder moralistisches Geschwätz abgetan. Und es muss doch noch erlaubt sein, vom „Neger“ oder „Kanaken“ zu sprechen. Schließlich arbeitet der Alltagsrassist hart für Staat, Volk und Familie und hält den Wohlstand zusammen. Für den Alltagsrassisten ist das Leben recht simpel.

Am laufenden Band erzählt der Alltagsrassist Horrorgeschichten

Er entscheidet, wer zu den guten oder schlechten Ausländern zählt. Da gibt es den guten Griechen, den guten Italiener oder den guten Jugo. Alle drei sind prächtige Exemplare im Wahrnehmungskosmos des Alltagsrassisten, mit denen keine Probleme bestehen. Schließlich zählen sie zu den bevorzugten Anlaufstellen, um sich mit scharfen Zwiebeln, Grill-Spezialitäten, gigantischen Pizzen oder Gyros-Komplett-Menüs den rassistischen Wohlstandsbauch anzufuttern. Regelmäßige Pauschalurlaube in der Türkei sind der Beleg für die polyglotte Lebenskunst des Alltagsrassisten.

Die meisten Bediensteten können Deutsch und seien ja nicht zu vergleichen mit den arbeitsfaulen, unberechenbaren, kriminellen und islamistisch-radikalen Kanaken im eigenen Wohnbezirk. Die würden doch nur die vom Staat gewährten Leistungen so schnell wie möglich in ihr Heimatland schleppen, um den Alltagsrassisten den wohlverdienten Ruhestand zu versauern. Es müsse in Deutschland endlich mal für Recht und Ordnung gesorgt werden, um diesem Gesindel zu zeigen, wo der Hammer hängt. Wer nicht spurt, werde ausgewiesen, da ihm der Alltagsrassist nicht die Gnade gewährt, zu den guten Ausländern gezählt zu werden. Herr Lüth erweist noch nicht einmal diese „Gnade“.

Am laufenden Band erzählt er Horrorgeschichten von bösen Ausländern, die die Bekannte eines Schwagers erlebt hat oder der Freund eines Arbeitskollegen. Alles ganz schrecklich, alles geduldet von einem Staat, der nicht mehr durchgreift, wie früher. Da der Alltagsrassist seine Kontakte auf die guten Ausländer und die Konversation auf das Ablesen der Speisekarte des guten Ausländers beschränkt, reduzieren sich die schrecklichen Geschichten auf Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung und die vielen Erzählungen von Bekannten, Verwandten und Freunden, die zur Entourage des Alltagsrassisten zählen.

„Aber“

Hier findet er die nicht endende Bestätigung seiner politischen Grundhaltung, die Deutschland vor dem Untergang rettet, wenn endlich die von Brüssel gesteuerte politische Klasse abgesägt wird und ordentliches Personal in die Parlamente kommt. Nur so lässt sich das Leben des Alltagsrassisten wieder ins Lot bringen. Info-Agenten im Auftrag der guten Sache. Schließlich darf sich Deutschland nicht abschaffen.

Fragen nach persönlichen Erlebnissen über den bösen Ausländer in den vielen Lebensjahrzehnten des Alltagsrassisten beantwortet der Befragte erst mit Schweigen. Nach dreimaligen Luftholen gelingt ihm dann doch noch eine faktenreiche Replik: Er habe schlichtweg Glück gehabt. Auch die Zahl der bösen Ausländer in der eigenen Wohngegend beschränkt sich auf die Finger seiner rechten Hand. „Aber“ seine vielen Verwandten, Bekannten und Freunde seien ja der lebende Beweis für die Untaten des bösen Ausländers.

Ein Foto aus glücklichen Tagen

Wie diese Erzählungen von meiner serbischen Ehefrau aufgenommen werden, deren Eltern als „Gastarbeiter“ am deutschen Wirtschaftswunder mitwirkten, kommt dem Alltagsrassisten nicht in den Sinn. „Du bist doch in Deutschland geboren worden und wirkst gar nicht wie eine Ausländerin.“ Im Gedankenkosmos des Alltagsrassisten wird sie zu den guten Ausländern gezählt. Wie großzügig. Was könnte man dem national gesinnten Alltagsrassisten in sein deutsches Stammbuch schreiben?

Nationalismus lehrt Dich, stolz auf Dinge zu sein, die Du nicht vollbracht hast und Menschen zu hassen, die Du nicht kennst. Dem Alltagsrassisten wird das egal sein. Er hat ja seine Verwandten, Bekannten und Freunde, die sein Vorurteilsbiotop immer aufs Neue speisen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.