„Der Zynismus ist die Form der Rede und die innere Kündigung ist die Form des Handelns“

In einem bemerkenswerten Interview wurde der Bielefelder Soziologieprofessor André Kieserling zu den unterschiedlichen Rollen in der Schule gefragt – also zu den formellen und informellen Rollen. So kann eine Schülerin oder ein Schüler auch gleichzeitig Klassenclown sein. Was für eine Unterscheidung. Ich habe mich in der Grund- und Mittelstufe nur als Klassenclown in Szene gesetzt. Kieserling hat vollkommen recht, wenn er das Spektakel als Show bezeichnet – also die Begegnung der Schüler und Lehrer im Unterricht:

„Und diese Show wird vorbereitet in den Lehrerzimmern und auf den Schulhöfen und dort vielleicht vor allem in den Raucherecken, wo man sich überlegt, wie man mogelt oder wie man Lehrer ärgert oder wie man andere unerlaubte Aktionen koordiniert. Und die Lehrer tauschen sich in Lehrerzimmern natürlich auf eine respektlose Weise über die Schüler und Schülerinnen aus. Und diese Hinterbühne, auf der die Show vorbereitet wird, ist dadurch charakterisiert, dass die Regeln, die auf der Vorderbühne – also dort, wo man sich gegenseitig etwas vormacht und so tut als würde man sich gegenseitig respektieren – diese Regeln sind dort eben aufgehoben und ersetzt durch andere Regeln. Und diese anderen Regeln nennt man, weil sie offiziell natürlich gar nicht existieren dürften, informal. Und das ist ein universelles Phänomen. Das gibt es in allen Schulen, in allen Organisationen, ja in allen sozialen System überhaupt.“

Da hat Kieserling ins Schwarze getroffen. Meine Schulhof-Vorbereitungen waren an der Walter-Gropius-Schule gefürchtet: Vom Fenster mit Wasserfall bis zu Dosen mit Raketenantrieb (was zu lustigen Löchern an der Decke des Klassenzimmers führte). Pusterohr, Juckpulver, knallendes Fünfmarkstück und dergleichen zählten zu meiner Standardausrüstung. Alles besorgt bei Zauberkönig – ich liebte diesen Laden. Den gibt es übrigens heute noch in der Hermannstraße in Neukölln – meine bevorzugten Scherzartikel rangierten in der Kategorie „Diverse Scheisse“.

Im Wirtschaftsleben oder besser gesagt im Büroleben ist es doch nicht anders. Nach außen und nach innen wird ein Stakkato aus positiven Floskeln inszeniert. Das wirkt nicht nur extern lächerlich, sondern auch intern. „Das kann so mit der Realität einer Organisation nicht übereinstimmen. Keine Organisation der Welt ist nur positiv. Deshalb entsteht ein riesiger grauer oder gar schwarzer Bereich an nicht formulierten Negativeindrücken. Und die braucht ein Ventil und das ist der Zynismus“, erklärt der Soziologe Dirk Baecker im ichsagmal.com-Interview.

Zynismus sei eine Form der extrem intelligenten Beobachtung. Der zynische Kommentar ist in der Regel der letzte Kommentar zu einem Sachverhalt. Vorher schaltet man in den Modus „Dienst nach Vorschrift“, was nach Analysen von Gallup bei 70 Prozent der Beschäftigten der Fall sein soll. „Der Zynismus ist die Form der Rede und die innere Kündigung ist die Form des Handelns“, konstatiert Baecker.

In meinem kurzen Leben als Manager gab es noch die Kategorie „Diverse Scheiße“ – also Methoden, um nervige, autoritäre und schmierige Vorgesetzte ein wenig zu ärgern. Statt Scherzartikel, waren es scherzhafte und anarchische Hackermethoden. Mehr sag ich nicht.

2 Gedanken zu “„Der Zynismus ist die Form der Rede und die innere Kündigung ist die Form des Handelns“

  1. Pingback: „Der Zynismus ist die Form der Rede und die innere Kündigung ist die Form des Handelns“ — ichsagmal.com – #WirtschaftimRheinland

  2. Mir fällt schon länger auf, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Zunahme an Floskeln, die mich an das Singen im Wald erinnern, und dieser Erosion an Glaubwürdigkeit, Transparenz, und so einer Art echtem Interesse an grundsätzlich menschlichen Arbeitsbedingungen

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