Wegwerf-Mode führt zum Kollaps beim Textilrecycling: Billig produzieren, billig verkaufen, schnell wegwerfen #bvse #Studie

Das bisher kostenfreie System des Alttextil-Recyclings steht vor dem Kollaps. „Die Auswirkungen textiler Massenproduktion, der Hyperkonsum qualitativ minderwertiger Fast Fashion Mode, die anhaltende Wegwerfmentalität – und nun, on Top – die Auswirkungen der COVID-19-Krise – all diese Faktoren machen ein wirtschaftlich tragfähiges Textilrecycling zunehmend unmöglich“, so Martin Wittmann bei der Vorstellung der Alttextilstudie 2020 des bvse, ein Verband, der die mittelständische Recyclingwirtschaft repräsentiert.

Schon vor der Corona-Krise habe sich die Marktsituation für die gesamte Kette des Textilrecyclings seit der letzten bvse-Textilstudie verschärft.

Die tatsächliche Sammelmenge habe sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Von rund 1 Million Tonnen im Jahr 2013 stieg das Sammelaufkommen von Alttextilien in 2018 um 300.000 Tonnen auf rund 1,3 Millionen Tonnen.

Seit 2015 hat sich das Sammelaufkommen pro Einwohner und Jahr von rund 14 kg auf zuletzt über 15 kg im Jahr 2018 erhöht.

Auch die Menge an Textilien in Deutschland (Inlandsverfügbarkeit) hat sich im Jahreszeitraum von 2013 auf 2018 erhöht, und zwar von rund 1,3 Millionen Tonnen um mehr als 200.000 Tonnen auf deutlich über 1,5 Millionen Tonnen. Dabei wird deutlich: Deutschland verliert als Produktionsstandort für Textilien weiter an Bedeutung, während Textilimporte aus sogenannten Billiglohnländern den Textilmarkt beherrschen und durch ein stetig wachsendes Netz an Fast Fashion Retailern und Textildiscountern an die Konsumenten gebracht werden.

Rückmeldungen der Textilrecycler lassen den Schluss zu, dass diese Entwicklung weiter anhalten wird. Die stetige Zunahme der Sammelmengen liegt insbesondere darin begründet, dass sich das Konsum- und Entsorgungsverhalten der Verbraucher in den vergangenen Jahren mit dem Fast Fashion Trend grundlegend geändert hat. „Bis zu 12 neue Kollektionen werden pro Jahr auf den Markt geworfen. Billig produzieren, billig verkaufen, schnell wegwerfen: Kleidung degeneriert zum Wegwerfprodukt. Zwar sehen wir einen leichten Anstieg der Wiederverwendungsquote, im Zeitraum von 2013 bis 2018 von 54 auf 62 Prozent, jedoch konnte dies angesichts der insgesamt schlechten Sammelqualität nur durch einen hohen kostenintensiven händischen Sortieraufwand erreicht werden“, kritisiert Wittmann.

In meinem Wirtschaftsethik-Kurs an der Hochschule Fresenius haben wir den Zwiespalt von immer kürzeren Modezyklen und der Primarkisierung des Konsums intensiv behandelt – vor allem mit Blick auf die Nachhaltigkeit. Am Ende der Verwendungskette bekommen wir jetzt die Rechnung präsentiert.

Auch die für die Wiederverwendung geeignete Ware stößt auf eine immer schwächere Nachfrage. Das hatte schon vor Corona zur Folge, dass dem erhöhten Aufwand deutlich geringere Verkaufserlöse gegenüberstehen. Durch Corona ist diese inzwischen völlig weggebrochen.

Eine rückläufige Tendenz zeigt sich dementsprechend in den Zahlen zur Weiterverwendung der Alttextilien zu Putzlappen und Dämmstoffen. Die Weiterverwendung hat gegenüber dem Jahr 2013 von 21 auf 14 Prozent der Gesamtmenge in 2018 abgenommen.

Die Verbrennungsquote hat sich von 8 Prozent im Jahr 2013 auf 12 Prozent in 2018 erhöht. Die hierin befindlichen Abfälle zur Beseitigung aus der Sortierung haben sich gar verdoppelt.

Absolut hat sich die Menge sogar mehr als verdoppelt, rechnet man die deutlich gestiegenen Schad- und Störstoffanteile, die bereits bei der Entleerung erfasst und separiert werden, hinzu. Da sich in den vergangenen Jahren jedoch auch die Müllverbrennungspreise deutlich verteuert haben, bedeutet das für die Textilrecycler einen erheblichen Kostenblock, der die Marge deutlich drückt und gleichzeitig die CO2-Bilanz belastet.

Zusätzlich hat die durch COVID-19 ausgelöste Krise die im Alttextilrecycling tätigen Unternehmen mit voller Wucht getroffen. Den großen Mengen an eingehenden Altkleidern stehen so gut wie keine Absatzmärkte mehr gegenüber, denn der Export in die Top- Abnehmerländer von Sammelware wie Osteuropa und Afrika ist durch die Corona-Restriktionen über Nacht völlig zum Erliegen gekommen.

In den vergangenen Wochen haben wir erhebliche Mengen an Beseitigungsmüll in und neben unseren Containern aufgefunden. Das hatte direkt etwas damit zu tun, dass die kommunalen Wertstoffhöfe ganz geschlossen wurden oder der Betrieb nur eingeschränkt aufrechterhalten wurde.

Unter den vorherrschenden Umständen steht das bestehende selbstfinanzierte System vor dem unverschuldeten Kollaps. „In dieser Situation wünschen wir uns, dass sich insbesondere unsere kommunalen Vertragspartner mit uns gemeinsam an einen Tisch setzen und über Lösungswege sprechen. Gebühren für Mieten und Standplätze müssen auf den Prüfstand gestellt und eine Lösung für die Übernahme der Kosten zur Beseitigung von Fehlwürfen und Störstoffen gefunden werden“, so Wittmann.

Der künftige Fokus im Sinne von Nachhaltigkeit muss sich auf Qualität statt Quantität und Design for Recycling richten.

In diese Überlegungen gehört langfristig natürlich auch der Einsatz von Recyclingfasern. Momentan noch in den Kinderschuhen, sind sowohl Faserrecycling als auch dessen Produkte teuer.

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