Management-Komödien ohne Krawattenzwang – Von der Lächerlichkeit der „Büro-Präsenz-Kultur“

Bürokraten-Regime

Ein Tweet von @bmzimmermann erinnert mich wieder an den legendären Film „Office Space“ als Gegenbild zur wieder stärker werdenden Sehnsucht nach der Präsenzkultur im Büro – ich konnte und kann diese Sehnsucht nicht nachvollziehen. Die Dämlichkeit der ach so coolen und hemdsärmeligen Vorgesetzten wie Bill Lumbergh begegnet einem doch in jeder Büroetage.

Ich sitze im Büro, also bin ich? Diesen Mythos verbreiten vor allem Konzerne mit allerlei Bespaßungsmaßnahmen, um zu kaschieren, dass das Angestelltendasein immer noch in einem „Gehäuse der Hörigkeit“ stattfindet. Nachzulesen im Werk von Max Weber. Je kühner Architektur-Avantgardisten und Management-Gurus die Perfektionierung des arbeitsteiligen Miteinanders im Büro auch vorantreiben – heraus kommt immer nur eine weitere Mode der humanen Käfig- und Kleingruppenhaltung.

Letztlich versteckt sich hinter den modernen Lichtsuppen-Fassaden die alte Ideologie des industriekapitalistischen Taylorismus, der auch die Büroabläufe auf Fließband-Effizienz trimmt – mit digitalen Nasenringen. Was an Freiheiten im Bürokomplex zugelassen wird, sind reine Simulationsübungen, um die Mitarbeiter bei Laune zu halten. In der Regel tauchen ganzheitliche Phrasen auf, die in speziellen Motivationsseminaren vermittelt werden. Die lieben Kolleginnen und Kollegen stellen sich im Kreis auf, greifen zum feuchten Händchen des Nachbarn und rufen im Chor: „Es beginnt ein kreativer Tag und ich fühle mich gut.“ Gestresste Mitarbeiter bauen ihren Frust in albernen Rollenspielen ab. Managementaufgaben werden mit Knetmasse nachgestellt, weil man ja alles etwas spielerischer angehen will. Mir ist noch eindrücklich der erste Auftritt meines neuen Chefs bei o.tel.o im Gedächtnis. Nennen wir ihn Mister K. – ein Stiefbruder von Bill Lumbergh. Mit seinen Autoverkäufersprüchen (oder war es Vertreter-Geschwätz über die Vorzüge von Tiernahrung?) und Angeber-Geschichten über Ski-Urlaube in Kitzbühel brachte er in wenigen Minuten die Motivation der kompletten Kommunikationsabteilung auf eine Raumtemperatur von -20 Grad.

Es sind eben häufig Psychopathen-Systeme mit digitaler Tarnung, auch wenn es ein sehr traditionell gestrickter Unternehmensberater bei einem Talk in Fresach empört zurückweist:

Unternehmen können mit digitalen Technologien und neuen Geschäftsmodelle ihre Effizienz relevant erhöhen sowie ihre Wertschöpfung massiv verbessern. Solche Sätze werden einem in unterschiedlichen Variationen jeden Tag an den Kopf geballert. Egal, ob es um Plattform-Ökonomie, Internet der Dinge, vernetzte Fabriken oder gähnend langweilige Powerpoint-Monologe zur Digitalen Transformation geht. Die immer gleichen Wortkaskaden werden zu neuen Geschichten über den Wandel der Wirtschaft in Zeiten des Internets zusammen gewürfelt. Es regiert eine offiziöse Sprache mit leeren Floskeln und positiven Formulierungen, die kaum auf Ablehnung stoßen. Denn schließlich geht es um Ziele, Strategien, Agilität, Innovationen, Kundenorientierung, offene Kommunikation und Kollaboration. Das kann auf jeder digitalen Konferenz und in jeder internen Sitzung in Organisationen beliebig kombiniert werden – es bleibt folgenlos. 

Wir erleben auf unterschiedlichen Bühnen eine postfordistische Management-Komödie, die Mark Fisher in einem Beitrag für das Buch „Schöne neue Arbeit – Ein Reader zu Harun Farockis Film ‚Ein neues Produkt’“ beisteuert. Was sich in der Wirtschaft hinter einer Fassade der digitalen Modernität abspielt, ist die heuchlerische Inszenierung des Peinlichen und Absurden. Man vermittelt das Glaubensbekenntnis, lockere Netzwerke seien offener für grundlegende Umstrukturierungen als die überkommenen pyramidalen Hierarchien, die die Ford-Ära der industriellen Massenproduktion beherrschten. Die Verbindung zwischen den Knotenpunkten ist loser, man verzichtet auf Krawattenzwang, verordnet das kollektive Duzen und produziert kecke Imagevideos für Youtube – fertig ist die vernetzte Metamorphose. Hinter den Plattitüden der digital-darwinistischen Führungskräfte wuchert weiterhin eine bürokratische Mikroherrschaft, kaschiert mit einer durchsichtigen und schmierigen Onkelhaftigkeit – siehe Mister Bill Lumbergh. 

Digitale Coolness kaschiert Narzissten-Herrschaft

Fast jeder durchschaut dieses Spektakel und weiß, dass jede Hoffnung auf Freiheit nur außerhalb der Arbeit zu suchen ist. Wie kann man das in einer Netzökonomie ändern, ohne in einem fatalistischen Sumpf des Selbstbetrugs zu landen? Wenn an die Unternehmensspitze in erster Linie Borderliner und Narzissten gelangen, ist das nur schwer zu ändern. So beschreibt der Psychologe Dr. Robert Hare die Einstellungen und Handlunge vieler Führungskräfte im Unternehmen als psychopathisch. Es gilt, „Konkurrenten zu vernichten oder auf die eine oder andere Weise zu schlagen. Sie zerbrechen sich nicht lange den Kopf darüber, wie sich ihr Verhalten auf die breite Öffentlichkeit auswirkt, solange die Leute die Produkte des Unternehmens kaufen.“ Nachzulesen in dem Joel Bakan-Opus „Das Ende der Konzerne“.

Große Unternehmen unterliegen komplett der Psychopathie-Diagnose von Hare. Sie handeln unverantwortlich, weil bei der Verfolgung ihrer Ziele jeder gefährdet ist, der ihnen in die Quere kommt. Sie versuchen, alles und jeden zu manipulieren, einschließlich der öffentlichen Meinung. Im Social Web wird das mit dem Weihrauch digitaler Coolness kaschiert. Hare verortet bei Konzernen – bei großen Mittelständlern ist das nicht anders – einen Hang zum Größenwahn, wenn sie ständig behaupten, die Nummer eins zu sein. 

Zu beobachten bei jedem so genannten „Kickoff“ mit Tschakka-Gebrüll. Asoziale Neigungen sind ebenfalls typisch und die Unfähigkeit, Schuldgefühle zu empfinden. Wenn sie wie VW bei einem Gesetzesverstoß erwischt werden, zahlen sie den Ablass und machen unbeirrt weiter. Bei Großunternehmen regieren oberflächliche Kontakte: „Ihr einziges Ziel besteht darin, sich der Öffentlichkeit auf eine Weise zu präsentieren, die anziehend wirkt, aber nicht kennzeichnend für ihre wahre Natur sein muss“, so Hare. Das zählt zu den herausragenden Kennzeichen von Psychopathen. Sie sind berüchtigt für ihre Fähigkeit, ihre egozentrische Persönlichkeit hinter einer einnehmenden Fassade zu verbergen. Man braucht nur auf die unrühmliche Geschichte des Energiekonzerns Enron blicken, die sich mit großzügigen Unterstützungen von Kommunen, Kunstprojekten, Museen, Bildungseinrichtungen und Umweltschutzgruppen hervortaten. Am Ende brach der Wohltätigkeitsaktionismus unter der Last von Habgier, Überheblichkeit und krimineller Energie zusammen. 

3 Gedanken zu “Management-Komödien ohne Krawattenzwang – Von der Lächerlichkeit der „Büro-Präsenz-Kultur“

  1. Pingback: Ich sitze im Büro, also bin ich? – Von der Lächerlichkeit der „Büro-Präsenz-Kultur“ — ichsagmal.com – Homeoffice-Kurator

  2. Katrin Streeck

    Das gleiche traurige Spiel findet im Öffentlichen Dienst statt. Ich empfinde das als noch unverschämter, weil die Psychopathen auf der Leitungsebene aus Steuergeldern bezahlt werden. Den Mitarbeitern bleibt nur Krankheit, innere Kündigung oder ein Versetzungsantrag.

  3. gsohn

    Das kenne ich nur zu gut. Ist meiner Frau ähnlich ergangen im Geschäftsbereich des BMI.

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