@dieterschnaas, Rüstow, Röpke und die theoretische Fundierung des Konjunkturpakets

In einem privaten Brief an Wilhelm Röpke hat sich der deutsche Ökonom Alexander Rüstow in den Dreißigerjahren einmal über Ludwig von Mises lustig gemacht. „Der Laissez-faire-Theoretiker aus Wien sehne sich wohl zurück in eine Zeit vor 1914, so Rüstow, als der Staat noch meinte, sich aus der Sphäre der Wirtschaft heraushalten zu sollen. Rüstow hielt Mises deshalb für ‚paläoliberal‘ – für einen Dinosaurier der Ökonomie, zum Aussterben verdammt. Und tatsächlich: Der prononcierte Staatsekel von Mises’ (‚Jeder Anwalt des Wohlfahrtsstaats ist ein potenzieller Diktator‘) ist heute mausetot, zirkuliert allenfalls noch in anarcholibertären Sekten, in denen trivialfreiheitliche Gemeinsinnsflüchtlinge Schnipsel von Ayn Rand und Friedrich August von Hayek wie die Offenbarung des Johannes herumreichen“, schreibt Dieter Schnaas in einer bemerkenswerten Kolumne der Wirtschaftswoche.

Aber wie sieht es nun mit dem aktuellen Konjunkturpaket aus, dass von vielen Ökonomen begrüßt wird. Der Wirtschaftsweise Lars Feld sieht „viel Licht“, wenn er sich das neue 130-Milliarden-Paket der Bundesregierung ansieht. IW-Direktor Michael Hüther attestiert „wichtige Impulse“ und eine „soziale Balance“. Der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum lobt die Umwidmung der Überbrückungshilfen in „echte Solvenzhilfen“ für kleine und mittelständische Unternehmen.

Das alles sei, für sich genommen, mikroökonomisch und augenblicksaktuell, womöglich nicht falsch – so wenig womöglich die Kritik falsch ist, die sich am schieren Ausmaß der Berliner Füllhornpolitik und an Defiziten ihrer Zielgenauigkeit entzündet, an der Adressierung von Konsumenten, Angestellten, E-Auto-Käufern (und nicht etwa von fahrradfahrenden Solo-Selbstständigen in den Städten…) – oder auch nur an einzelnen Maßnahmen, etwa an einer Mehrwertsteuersenkung, von der womöglich der US-Konzern Amazon überproportional profitiert.

„Man gewinnt den Eindruck, die Beispiellosigkeit der Krise und die Beispiellosigkeit der politischen Maßnahmen zu ihrer Eindämmung korrespondiert mit der Beispiellosigkeit eines eklatanten Theoriedefizits in der Volkswirtschaftslehre: Welche Ordnung folgte der Ordnungspolitik?“, fragt Schnaars.

Wer wagt einen neo-neo-liberalen Ordnungsruf im Geiste von Röpke oder Rüstow, nicht im Geiste der vulgärkapitalistischen Auslegung des Neoliberalismus?

Rüstow würde es mit Sicherheit begrüßen, dass der Staat als wichtiger Akteur auf der Bühne der Wirtschaftspolitik zurückgekehrt ist. Zudem käme es ihm gelegen, mit den libertär-marktreligiösen Protagonisten vom Schlage eines Aktenkofferträgers wie Christian Lindner abzurechnen und Milton Friedman, Hayek und seine heute noch lautstarken Jünger in den Senkel oder in Spiritus zu stellen. Es wäre an der Zeit, sich von der Trias Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung zu verabschieden. Er würde hart ins Gericht mit jenen gehen, die die antizyklische Wirtschaftspolitik von Keynes desavouierten.

Rüstow würde das Kriegsbeil ausgraben gegen die Vulgärkapitalisten des Silicon Valley, die einer globalen Finanzindustrie das Wort reden und den chaotischen Zuständen in der Weltwirtschaft mehr Auftrieb gegeben haben als die Thesen von Milton Friedman.

Rüstow würde das Konjunkturpaket der Bundesregierung als kurzfristige Maßnahme begrüßen, weil wir eine beispiellose symmetrische Krise erleben, die vom Staat schnell mit Nachfrageschüben auf der Seite der Unternehmen und der Konsumenten bekämpft werden muss.

Rüstow würde allerdings auch fordern, das Konzept einer internationalen sozial-ökologischen Marktwirtschaft auf den Weg zu bringen, die die internationalen Finanzsysteme kontrolliert, die Off-Shore-Center schließt, eine internationale Spekulationssteuer einführt (die diesen Namen auch verdient), die europäischen und amerikanischen Agrarsubventionen beschränkt (mit denen Millionen Afrikaner arbeitslos gemacht werden) und die globalen Institutionen wie Weltbank, IWF und WTO reformiert.

Und was würde Wilhelm Röpke zum Konjunkturpaket sagen: Es geht um psychologische Faktoren, die zu Auswirkungen auf die Konjunktur führen. Darauf verweist Röpke bereits in seinem Opus „Krise und Konjunktur“, erschienen 1932. Also eine erste Analyse der Weltwirtschaftskrise von 1929. Röpke, der später zum Beraterkreis von Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard gehörte, reiht in seiner Veröffentlichung Joseph A. Schumpeter in die psychologische Schule der Konjunkturtheorie ein (gemeinsam mit Pigou und Lavington). Er betont die Wichtigkeit von Stimmungen und mentalen Epidemien, die zu einem wirtschaftlichen Absturz führen können – etwa bei „spekulativen Ausschreitungen“ an der Börse.

Die Mangelhaftigkeit der wirtschaftlichen Informationen und die Unsicherheit der Zukunft bieten nach Ansicht von Röpke einen breiten Spielraum für bloße Vermutungen und unbestimmte, stark gefühlsmäßig gefärbte Prognosen und damit für Irrtümer aller Art. Hier gelte das Wort eine griechischen Philosophen, dass nicht die Tatsachen die Handlungen der Menschen bestimmen, sondern die Meinungen über die Tatsachen.

Narrative Economics nennt sich das heute und ihr prominentester Vertreter ist Nobelpreisträger Robert Shiller.

Die Verknüpfung der psychologischen Schule der Konjunkturtheorie mit anderen Disziplinen, wie der Geld- oder Preistheorie, sei die eigentliche Herausforderung, schreibt Röpke. Die eigentliche Aufgabe der Krisen- und Konjunkturtheorie sei es zu zeigen, „wie sich diese seelischen Vorgänge mit den realen Tatsachen des Wirtschaftslebens zu einem Gesamtzusammenhang verknüpfen, welche Verschiebungen sich auf diese Weise im Produktionsgefüge, in der Einkommensschichtung, im Banksystem und im Aufbau der Preise und Kosten ergeben.“ Das Seelische könne sogar eine aktive und selbständige Rolle spielen bei der Überwindung des toten Punktes in der Depression.

Im Thread von Rudi Bachmann gibt es eine ausführliche Beantwortung der theoretischen Fundierung des Konjunkturpaketes und in unserer wöchentlichen Sondersendung von #NextTalk:

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