Zerstörung ist Ausdruck des Verrücktspielens in der Krise: Zur minimalistischen Schumpeter-Rezeption

Wer meine Abhandlungen über die Bonner Zeit des Ökonomen Joseph A. Schumpeter kennt, der weiß, wie wichtig die Forschungsarbeiten des Berliner Sozialwissenschaftlers Ulrich Hedtke für die Erfassung dieser Phase an der Bonner Universität sind.

In meiner Korrespondenz mit Hedtke thematisierte ich vor einigen Wochen die verkürzte Wahrnehmung und Reduzierung von Schumpeter auf den Begriff der „kreativen Zerstörung“. Die meisten Bühnenredner, die das zitieren, haben wohl nur die Wikipedia-Eintrag gelesen – aber nicht mehr. Das sieht auch Hedtke sehr kritisch:

„Die Rede von der Innovation als einer besonderen Art von ‚Zerstörung‘ ist streng genommen soziologisch falsch. Das weiß auch Schumpeter und nirgends(!!) in seinen systematischen Hauptwerken zur Entwicklungstheorie taucht diese essayistische Verballhornung (oder Zuspitzung) auf!  1911 heißt es sogar ausdrücklich in der Theorie: Zerstörung ist Ausdruck des Verrücktspielens in der Krise und vom Standpunkt der Theorie keinesfalls ein notwendiger Ausdruck von Entwicklung.  Das soziologisch negative Komplement der Entwicklung ist nie die Zerstörung von Produzenten, sondern deren Deklassierung.  Bestehendes Wirkungsvermögen wird entwertet! Ich habe mir den Spaß gemacht und den Zeitgeist der  amerikanischen Tageszeitungen (die digitalen historischen Archive)  auf den Gebrauch der Phrase ‚creative destruction‘ hin besehen.“ 

Das führt zur Pointe, dass Schumpeter überhaupt erst Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre diesbezüglich öffentlich rezipiert wird. Also 30 Jahre nach dem zugrundeliegenden  Text und zwar in der Krise und da eher als Peitsche gegen die Gewerkschaften: Neuerung bedeutet nach Schumpeter eben Zerstörung! So ist das eben! Und nun Schnauze halten! 1968 ist „creative  destruction“ übrigens sehr  passend als der Akt von Studenten vorhanden, Wehrunterlagen öffentlich zu verbrennen um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. Vorher taucht die „c. d.“ in Predigten als mystische Eigenschaft des Schöpfergottes auf.

Das ist dann der negative Gipfelpunkt in der unwissenschaftlichen Auslegung von Schumpeter. Mit ökonomischer Theorie hat das nichts zu tun. Auch nicht die vulgärkapitalistische Auslegung der kreativen Zerstörung im Silicon Valley. Das ist Humbug.

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