Virtuelle Kommunikation in Zeiten des Virus

In der Mittagszeit soll ich für Kommunikationsexperten ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern und über meine Erfahrungen mit den Remote-Veranstaltungen in den vergangenen zehn Wochen berichten.

Im prmagazin hatte ich das ja in der Printausgabe schon ausgebreitet. Dann werde ich das für heute auch für die Nicht-Abonnenten veröffentlichen 🙂

Virtuelle Kommunikation in Zeiten des Virus

Wir sollen möglichst auf Sozialkontakte verzichten, verkündete die Bundeskanzlerin zur Eindämmung des Corona-Virus. Das war richtig und wichtig. Nur fehlte ein weiterer Satz: Wir sollten unsere Sozialkontakte privat und beruflich anders organisieren. „Wir sollten schauen, so viel normale Kommunikation und Interaktion sicher zu stellen, wie es möglich und auch erträglich ist. Wir wollen ja nicht nur vor dem Bildschirm verbringen. Aber wir sollten uns nicht unterkriegen lassen“, schreibt Stefan Pfeiffer in seinem Blog.

Wenn die Kunstausstellung, bei der man eigentlich mit rekordverdächtigen Besucherzahlen gerechnet hat, nun geschlossen ist, dann sollten virtuelle Besuche möglich sein. So könnte man jedes einzelne Exponat in einem Livestream vorstellen und einen Experten oder Kuratoren dazu schalten, die den Hintergrund der Darstellung erläutern und auf Fragen direkt eingehen. So etwas ist sonst nur bei der Ausstellungseröffnung möglich (den Bonnern hatte ich so ein Konzept vorgeschlagen, ist nichts daraus geworden).  

Die Lebendigkeit einer Präsenzveranstaltung kann auch über Live-Interaktionen im Netz erzeugt werden. Nach der Absage der Leipziger Buchmesse wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung binnen weniger Tage unter dem Hashtag #Leipzigstreamt eine virtuelle Buchmesse auf die Beine gestellt. So gab es Interviews mit Buchmesse-Chef Oliver Zille, Verlegern und Autoren über die Konsequenzen der Messe-Absage für die Buchbranche. Autoren konnten in der langen virtuellen Lesenacht in fünf Stunden ihre Romane und Gedichte vorstellen. An drei Tagen wurde über Bücher, Verlage, Autoren und dem Buchhandel gesprochen.

Insgesamt 21 Stunden sind die Live-Formate gesendet worden und erzielten weit über 50.000 Abrufe (da müsste man am Buchmesse-Stand schon lange stricken, um solche Zahlen zu erreichen). Die Themen reichten vom Leben im Kloster bis zur isländischen Lyrik mit Skype-Schaltungen von Bukarest bis Tel Aviv. Auch in Nach-Corona-Zeiten sollten sich Veranstalter über die Verlängerung ihrer Inhalte ins Netz Gedanken machen, um die Kommunikation mit Abwesenden zu berücksichtigen, die ja dann virtuell um so anwesender sind.

Im unternehmerischen Kontext sollten Live-Videos an oberste Stelle stehen, wenn sie denn ohne vorgestanzte Redetexte laufen. Stefan Pfeiffer spricht von direkten und rauen Livestreaming-Projekten, die er favorisiert. 

Solche Videos werden generell und auch im Marketing immer relevanter. So schauen laut Forbes drei von vier Führungskräften jede Woche Videos im geschäftlichen Kontext. 59 Prozent rezipiert lieber Videos im Vergleich zu Texten. Interessant ist, was beim Bewegtbild via LinkedIn Live zu beachten ist: Die ideale Länge für Live-Formate liegt zwischen 15 und 60 Minuten. Man soll dem Event mindestens 15 Minuten Zeit geben, damit es sich „aufbaut“. Die Moderation ist ein wichtiger Erfolgsfaktor – das entspricht auch meinen Erfahrungen: Keine Fragen vorlesen, keine monotonen Ansagen vom Teleprompter, Verzicht auf Drehbücher.

Ich bevorzuge echte Gespräche, die auch in der Kneipe laufen. Dialog ohne Skript und ohne aseptische Freigabeprozeduren.

Wer so agiert, kann auf wichtige Äußerungen der Session-Teilnehmer nicht reagieren, verpennt Statements mit Nachrichtenwert und erzeugt gähnende Langeweile.

Und für die Netzpiloten schrieb ich folgendes Stück:

Livestreaming 3.0 – Politische Bildung im virtuellen Raum

Bereits 2011 formulierte die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) einen Leitsatz, der ihr in Viruszeiten das virtuelle Arbeiten in der Netzöffentlichkeit erleichtert: Die Livedokumentation sei eine Möglichkeit, die bpb-Veranstaltungen einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und das nicht nur während der Veranstaltung, sondern auch für einen längeren Zeitraum. „Politische Bildung findet in diesem Denken nicht ’nur‘ in Seminar- oder Konferenzräumen statt, über sie wird nicht nur in den ‚traditionellen‘ Printmedien oder Jahresberichten geschrieben, sondern sie wird über verschiedene Plattformen und sozialen Netzwerke zeitnah und für alle zugänglich im Internet. Ziel damals wie heute ist es, dass sich Nutzende in einer Diskussionsrunde durch Kommentare zu Wort melden und sich so in die initiierten Debatten einklinken“, so der bpb-Sprecher Daniel Kraft, mit dem ich in den vergangenen Jahren einige Live-Formate auf die Beine gestellt habe.

Mit Livestreaming-Formaten, so Kraft, könnten Tagungen und Konferenzen begleitet und kontextualisiert werden, die ansonsten nur einem kleinen, auserwählten Fachpublikum zugänglich sind. Eine einordnende Begleitung und Erweiterung der diskutierten Inhalte erschließe nicht nur ein gänzlich neues Publikum, sondern sorgt für Transparenz und kann unter dem Gesichtspunkt der Öffentlichkeitsarbeit neue Debatten überhaupt erst hervorbringen. Bei Unternehmen und anderen Organisationen habe ich mir in den vergangenen Jahren den Mund fusslig geredet, um genau diesen Aspekt in den Vordergrund zu stellen: Die Verlängerung von Content in die digitale Sphäre und die Kommunikation für Abwesende, die mein Freund und Kollege Hannes Schleeh als Vorteil fürs Livestreaming sieht. Zudem kommt die Kunst der Dokumentation hinzu, sagt die Bonner Bloggerin Annette Schwindt:

„Es gibt jeden Tag unglaublich interessante Projekte, die Unternehmen, Verbände, Vereine, NGOs oder andere Initiativen auf die Beine stellen. Häufig bekommt man davon wenig mit. Man begleitet das Ganze im Internet mehr schlecht als recht. Kuratieren, dokumentieren, in Echtzeit reagieren, Ereignisse im Kontext einordnen, schnelle redaktionelle Aufbereitung, Einbettung von Fotos und Videos, Social Web-Dienste bedienen, all das bleibt häufig auf der Strecke.“

Und jetzt kommen eben noch Veranstaltungen hinzu, die ausschließlich im digitalen Raum stattfinden.

Daniel Kraft nennt das Livestraming 3.0, denn es geht bei diesen ortsungebundenen Ausstrahlungen nicht um das reine Abfilmen von Frontalreden oder das Einblenden von Powerpoint-Folien, sondern um das Kuratieren, Moderieren und Inszenieren von spannenden, überraschenden, diskussionsfreudigen und abwechslungsreichen Inhalten. Bei der bpb kann man das am Beispiel der „größten Konferenz der politischen Bildung aller Zeiten“ ablesen, die zu den Aktionstagen Netzpolitik & Demokratie auf die Beine gestellt wurde. Das mit der größten Konferenz aller Zeiten war allerdings eher als witzige Übertreibung gemeint. Der Ablauf war dennoch höchst anspruchsvoll. Ein Programm von morgens bis abends (12 Stunden), 31 Standorte in Deutschland und Europa sowie 46 Referentinnen und Referenten, das war am Abend des 7. Juni die Bilanz dieser ersten Streaming-Konferenz. Neben zahlreichen „Schalten“ – durchschnittlich rund 15 Minutengespräche mit den unterschiedlichsten Protagonisten gab es Einspielungen, Studiogespräche und Parallelübertragungen. „Das Experiment war geglückt. Und auch wenn es vielleicht am Ende nicht ganz die größte Konferenz der politischen Bildung aller Zeiten war, so war es doch vielleicht die erste, die komplett ohne Konferenzsäle, Bahnfahrten, Flüge und Hotelbuchungen auskam und trotzdem in Panels, Hintergrundgesprächen, Diskussionsrunden und Vorträgen ein Thema mit Tiefgang für ein interessiertes Publikum aufbereitet hat“, erläutert Kraft. Welche Variante auch immer favorisiert wird, mit Livestreaming erweitere man den Werkzeugkoffer der klassischen PR um wichtige Tools. Das alles macht es für die bpb einfacher, in der Phase des Virus mit
neuen Formaten aufzuwarten, wie etwa die tägliche #Politikstunde oder #Leipzigstreamt.

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