Schumpeter und der Strukturwandel zur digitalen Ökonomie

Kurzfassung: Wir ergehen uns in industriepolitisch motivierten Abwehrschlachten und vergeuden damit eine Menge Zeit beim Umbau der Arbeitswelt. Wenn wir uns mit Konjunkturprogrammen und Abwrackprämien beschäftigen, sollten wir das noch einmal genauer reflektieren: Ein Phänomen, das Joseph Schumpeter schon den 1920er Jahren feststellte. Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten? Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierter Prozesse beruhte.

Welchen wirtschaftlichen Strukturwandel erleben wir in Deutschland und wie wirkt sich das auf die Zukunft der Arbeit aus? Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte ist dabei hilfreich. Etwa die Abhandlung des Nationalökonomen Joseph A. Schumpeter„Die Tendenzen unserer sozialen Struktur“ aus dem Jahr 1928 (Schumpeter 1993, S. 177–193). 

Hier untersucht Schumpeter die Diskrepanz zwischen der Wirtschaftsordnung Deutschlands und der Sozialstruktur. Die Wirtschaftsorganisation war kapitalistisch, die deutsche Gesellschaft war aber in ihren Gebräuchen und Gewohnheiten nach wie vor in ländlichen, ja sogar feudalen Denkweisen gefangen – heute sind es industriekapitalistische Rezepte in einer digitalisierten Ökonomie. 

Zur Reichsgründung 1871 haben nahezu zwei Drittel der Bevölkerung auf Gütern oder Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern gelebt, noch nicht einmal 5 Prozent in Großstädten von mehr als 100.000 Einwohnern. Bis 1925 hatte sich der Anteil der Stadtbewohner verfünffacht, während der Anteil der Landbevölkerung um die Hälfte zurückgegangen ist. Ursache war vor allem ein sprunghafter Anstieg der Agrarproduktivität. Während 1882 in Deutschland nur 4 Prozent der kleinen Landwirtschaftsbetriebe Maschinen einsetzten, waren es 1925 schon über 66 Prozent. Die Mechanisierung löste eine Landflucht aus und trieb die Landarbeiter in die Städte.

1927 erschien „Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu“: Ein wegweisender Beitrag zur noch jungen Disziplin der Soziologie (Schumpeter 1927). Schumpeter selbst zählte den Aufsatz zu den wichtigsten Werken, was aus Notizen hervorgeht, die er gegen Ende seiner Forschungstätigkeiten schrieb. Grundthese: Der Klassenstatus ist das Ergebnis vorhergegangener Ereignisse und daher anachronistisch. Er weist daraufhin, dass die meisten reichen Familien, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts an der Spitze der Gesellschaft gestanden haben, drei Generationen später dort nicht mehr zu finden waren.

1. Die Kunst der Kombinatorik

Man könnte annehmen, dass nach der protestantischen Ethik von Max Weber vernünftige Sparsamkeit, eine bescheidene Lebensweise und der Erhalt einer soliden Grundlage für Unternehmen ausreichend seien, um an der Spitze zu bleiben. Schumpeter vertritt jedoch die These, jede Firma, die sich auf eine derartige Routine beschränkt, werde schon bald von offensiver agierenden, risikofreudigeren, wettbewerbsorientierten Unternehmen verdrängt werden.

Die Einführung neuer Produktionsmethoden, die Erschließung neuer Märkte, überhaupt die erfolgreiche Durchsetzung neuer geschäftlicher Kombinationen hat Fehlerquellen, Risiken und begegnet Widerständen, die in der Bahn der Routine fehlen.

In seinem Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ schreibt Schumpeter: Erfolge habe in erster Linie jener, der das Neue am besten organisiert. Die Deutschen verstanden es im 19. Jahrhundert besser als die Briten, die Textilindustrie zu organisieren, selbst wenn sie wenig zu deren maschineller Technologie beitrugen.

Ein Innovator zeichnet sich vor allen Dingen durch die Kunst der Kombinatorik aus. Innovationen entstehen eben nicht nur durch Erfindungen: 

„Nur dann erfüllt er [der Unternehmer; GS] die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt.“ (Schumpeter 2006, S. 174)

2. Konzepte für die postindustrielle Epoche 

Wer die ökonomische Welt nur in Aggregatzuständen betrachtet, verliert die wesentlichen Quellen wirtschaftlicher Kreativität und technologischer Entwicklungssprünge aus dem Auge. Das ist das Manko von Makroökonomen. Sie unterschätzen die tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle von unvorhersehbaren Innovationen, die zu nachhaltigen Veränderungen einer Volkswirtschaft beitragen. 

Wir setzen keine Akzente in der Wirtschaftspolitik, um uns von den Anachronismen der untergegangenen Industriewirtschaft zu befreien, wie es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser ausdrückt (Abelshauser 2004, S. 453).

Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten? Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, „dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierten Stoffumwandlungsprozessen beruhte“, schreibt Abelshauser. 

1980 zählte der Industriesektor das erste Mal nicht mehr zur dominanten Branche in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Den Gipfelpunkt hatte das produzierende Gewerbe 1960 erreicht, seitdem geht es stetig bergab. Seit den neunziger Jahren sind mehr als 75 Prozent der Erwerbstätigen und ein ebenso hoher Prozentsatz der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion entstanden. Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt. 

„Die Re-Industrialisierung hat vom Ton her etwas reaktionäres und gehört zur Vorstellungswelt der Volksparteien, die sich hier sehr einig sind. Sie sind in der Industriegesellschaft geboren worden und sind mit der Kultur der Industriegesellschaft eng verhaftet. Sie haben ein mechanistisches Menschenbild und gehen davon aus, dass Fabriken leichter zu kontrollieren sind. Mit der neuen Welt der Wissensgesellschaft können sie sich nicht anfreunden“, kritisiert brandeins-Autor Wolf Lotter.

Warum transportieren eigentlich Organisationen wie das Institut der deutschen Wirtschaft dann immer noch das Märchen von der heilsamen Wirkung der Re-Industrialisierung? Warum ist das so? Nach Ansicht von Schumpeter liegt es an Wirtschaftswissenschaftlern, die sich in erster Linie mit Aggregaten beschäftigen, also mit der Gesamtsumme der Mittel, die Volkswirtschaften für den Konsum und für Investitionen aufwenden. Einzelne Unternehmer, Firmen, Branchen, Konsumenten, die Rolle von staatlichen Institutionen und die Wirkung von Gesetzen verschwinden aus dem Blickfeld. Vor allem die Rolle von Innovationen werde heruntergespielt. 

Wir brauchen aber mehr Unternehmer, die das Neue organisieren und durchsetzen. Die Neukombination beruht nur wenig auf Faktoren, die von außen einwirken. Das Ganze ist primär auch kein Preisproblem. Es liegt am unternehmerischen Können und Wollen. Das Problem liegt auch in der klassischen Sichtweise von Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspolitik und Managementdenken: Ohne Neuerungen lassen sich zwar mit den klassischen makroökonomischen Instrumenten kurzfristig Wachstum und Beschäftigung erzeugen. Die Konsequenzen sind nach der Logik von Schumpeter für eine Volkswirtschaft allerdings fatal: Innovationsarmut erzeugt Einkommensarmut.

3. Perspektiven für den Homo Digitalis

Wenn es um die Netzökonomie geht, kommen wir mit dem geistigen Fundus der traditionellen Ökonomik nicht weiter: Wir sollten uns mit der Frage auseinandersetzen, ob wir in Deutschland mit der Digitalisierung wirklich nur Effizienz können und bei Innovationen versagen, wie es Detecon-Analyst Marc Wagner ausdrückt: „Beim Aufsetzen von Effizienzprogrammen und bei inkrementellen Verbesserungen sind wir in Deutschland total gut. Darauf sind wir konditioniert. Da werden die letzten fünf Prozent an Effizienz herausgeschwitzt. Was Unternehmer wie Robert Bosch gut konnten, das haben wir verlernt.“ Als aktionistische Ausweichaktion gründet so ziemlich jedes Unternehmen etwas und dem Stichwort ‚Lab‘ oder ‚Garage‘. Davor steht dann meistens ‚Digital‘. Beheimatet sind die Zukäufe oder Neugründungen meistens in San Francisco, Tel Aviv oder Berlin. „Man erhofft sich in einem fancy Umfeld tolle radikale Innovationen. Ausgestattet mit einem dicken Budget soll der Anschluss an Unternehmen in den USA, in Asien und Israel gelingen. Es geht aber in diesen Labs primär nur um den Anfang von Innovationen. Es geht um die Frage, mit welchen Ideen die Firmen antreten könnten. Die Umsetzung ist häufig ausgeklammert“, bemerkt Wagner. 

Das sei abhängig vom ‚Rest‘ der Organisation, und die beäugt das Lab-Spektakel kritisch. Im Brot-und-Butter-Geschäft werden Gehälter gekürzt, Konstrukte zur Kostensenkung in Gang gesetzt und Rationalisierung im Kundenservice durchgesetzt.  „In den Labs ballert man das Geld raus, pumpt den Kollegen die Finanzmittel in den Hintern, scheut keine Kosten und Mühen, wenn es um die Gestaltung des Arbeitsumfeldes und in der Stamm-Organisation geht, sitzen alle wie die Hühner auf der Stange. Solche Diskrepanzen motivieren nicht zur Umsetzung neuer Ideen.“ Einen weiteren Grund für die mangelhafte Innovationskultur sieht Wagner im klassischen Management, die er vor allen Dingen in Konzernen feststellt. Da werde viel von Innovationen und visionären Ideen gesprochen. In Wirklichkeit gehe es um eine gnadenlose Kapitalmarktorientierung und kurzfristige Optimierungen von KPIs – also Leistungskennzahlen, mit denen Mitarbeiter gegängelt werden. Da sei kein Platz für innovative Ideen. Die Hipster in den Labs sind eher Feigenblatt-Einheiten, die beim nächsten Vorstandswechsel wieder rausfliegen.

Irgendwann schlägt der Chef-Controller zu und macht die digitalen Ableger dicht. In deutschen Unternehmen gibt es extrem viele Manager, die dafür exzellent ausgebildet sind. Wir finden viele Controller, Finanzexperten und Juristen, die mit dem Kapitalmarkt umgehen können und die am Reißbrett von einer Restrukturierung zur nächsten jagen. Unternehmerischer Sachverstand ist im Top-Management aber Mangelware (Wagner/Sohn 2017).

Was macht also einen Unternehmer konkret aus, der es vermag, die Wirtschaft in neue Bahnen zu lenken? Heute müsste man fragen, wer ist wirklich ein Homo Digitalis, der im 21. Jahrhundert Akzente setzen kann? Es geht dabei um das schöpferische Gestalten und nicht um das passive Konsequenzen ziehen. Professor Reinhard Pfriem bringt Neugründungen ins Spiel, die die Welt wirklich besser machen. Nicht nur marktschreierisch, wie es Google & Co. im Gebetsmühlen-Jargon betonen. Pfriem setzt auf Social und Sustainable Entrepreneurship. Transformative Unternehmen sollten nicht-nachhaltiges Wirtschaften aus der Welt schaffen. Automobilindustrie, Energiewirtschaft und auch die Ernährungs- und Landwirtschaft verweigern sich, hier die nötigen schöpferischen Zerstörungen durchzuführen. „Das Zerstörerische muss zerstört werden, bessere additive Technologien reichen nicht aus“, kritisiert Pfriem (Sohn 2019). 

Literatur

Abelshauser, Werner (2004): Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart. München. C.H. Beck. 

Andersen, Esben Sloth (2015): Joseph A. Schumpeter – Eine Theorie der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Evolution. Berlin. Duncker & Humblot. 

Dahlmann, Jesko (2017): Das innovative Unternehmertum im Sinne Schumpeters: Theorie und Wirtschaftsgeschichte. Marburg. Metropolis.

Hedtke, Ulrich (1997): Desiderata der deutschen Schumpeter-Edition – Zur Neuveröffentlichung der nachfolgenden Reden Schumpeters. In: Berliner Debatte Initial 8, S. 57-92.

Lotter, Wolf/Sohn, Gunnar (2012): Gunnar Sohn im Interview mit Wolf Lotter. In: Sohn, Gunnar, Wolf Lotter und die Dampfmaschinen- Ideologie https://ichsagmal.com/2012/10/24/wolf-lotter-und-die-dampfmaschinen-ideologie-der-liebwertesten-industrie-gichtlinge/ (24.10.2012)

McCraw, Thomas K. (2008): Joseph A. Schumpeter – Eine Biographie. Hamburg. Murmann. 

Schneider, Erich (1970): Joseph A. Schumpeter – Leben und Werk eines großen Sozialökonomen. Tübingen. J.C.B Mohr. 

Schumpeter, Joseph A. (1927): Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Tübingen. Mohr. 

Schumpeter, Joseph A. (1993): Aufsätze zur Tagespolitik. Hrsg. und kommentiert von Christian Seidl und Wolfgang F. Stolper. Tübingen. J.C.B. Mohr. 

Schumpeter, Joseph A. (1994, orig. 1942): Capitalism, Socialism and Democracy. London/New York: Routledge.

Schumpeter, Joseph A. (2006, orig. 1912): Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung: Nachdruck der 1. Auflage von 1912. Hrsg. und erg. um eine Einführung von Jochen Röpke und Olaf Stiller. Berlin: Duncker & Humblot.

Sohn, Gunnar (2019): Das Zerstörerische kreativ zerstören – Wünsche an den Gründungsdirektor der Agentur für Sprunginnovationen @rafbuff. Berlin: Netzpiloten-Magazin https://www.netzpiloten.de/agentur-fuer-sprunginnovationen/ (24.10.2019)

Swedberg, Richard (1994): Joseph A. Schumpeter. Eine Biographie. Stuttgart: Klett-Cotta.

Wagner, Marc/Sohn, Gunnar (2017). Gunnar Sohn im Interview mit Marc Wagner. In: Wenn in Unternehmen nur noch Effizienz ausgeschwitzt wird. https://www.netzpiloten.de/unternehmen-effizienz-labs/ (25.08.2017)

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