Inlandsnachfrage als Konjunkturmotor fällt aus: Über existenzielle Nöte und elitären Scheiß #EconTwitter

Ein Schutzschirm für Wirtschaft und Gesellschaft ist der erste Schritt in einer umfassenden wirtschaftspolitischen Antwort auf die Corona-Krise, um Schlimmeres zu verhindern.

Doch das wird nicht reichen, um eine schwere Rezession zu verhindern oder abzuschwächen.

„Ohne weitere staatliche Impulse besteht die Gefahr, dass Wirtschaft und Gesellschaft dauerhaften Schaden erleiden werden – der sogenannte Hysterese-Effekt einer Rezession. Die Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre hat eindrucksvoll gezeigt, welche erheblichen gesellschaftlichen Schäden falsche wirtschaftspolitische Entscheidungen verursachen können“, schreiben Sebastian Dullien (Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung), Michael Hüther (Institut der deutschen Wirtschaft), Tom Krebs (Universität Mannheim), Barbara Praetorius (Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin) und C. Katharina Spieß (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Berlin) in einer gemeinsamen Stellungnahme unter dem Titel „WEITER DENKEN: EIN NACHHALTIGES INVESTITIONSPROGRAMM ALS TRAGENDE SÄULE EINER GESAMTWIRTSCHAFTLICHEN STABILISIERUNGSPOLITIK.

Die Hysterese (von griech. ὑστέρεσις Hystéresis „Fehlen, Mangel, Zurückbleiben“) bezeichnet in der VWL die Reaktion auf externe Einflüsse, nach deren Abklingen ein System nicht mehr in seinen Ausgangszustand zurückkehrt. Dies bedeutet vereinfacht, die Ursache ist weggefallen, die Wirkung dauert dennoch weiter an. Soweit die Wikipedia-Erläuterung.

Die Existenz von Hysterese-Effekten bedeutet unter anderem, dass eine Politik des Abwartens hohe Kosten verursachen könne, so die Autoren. „Hingegen gibt es auch das Risiko, dass zu früh eingeführte Maßnahmen wirkungslos verpuffen und zukünftige Spielräume unnötig einengen. Darüber hinaus ist die Wirtschaftskrise 2020 – anders als vorherige Krisen – geprägt durch zwei weitere Herausforderungen. Erstens werden weitere wirtschaftspolitische Maßnahmen zu einem Zeitpunkt greifen müssen, an dem gesundheitspolitische Restriktionen immer noch in Kraft sind. Es besteht somit die Gefahr, dass Maßnahmen zur Stimulierung der Konsumnachfrage die gesundheitspolitischen Maßnahmen konterkarieren (Bofinger et al. 2020). Zweitens ist der Effekt traditioneller Fiskalpolitik auf Beschäftigung und Wachstum geringer in der aktuellen Krise als in vorherigen Krisen, weil Arbeitsrestriktionen in Teilen des Konsumsektors den keynesianischen Multiplikator-Effekt verkleinern (Guerrieri, Lorenzoni, Straub, Werning, 2020).“

Die Politik stehe also vor einem Dilemma. Wirtschaft und Gesellschaft brauchen sehr bald einen Anschub, um die Gefahr einer lang anhaltenden Wirtschaftskrise abzuwenden. Eine starke wirtschaftliche Erholung bereits bis zum Ende des Jahres 2020 werde es voraussichtlich nur geben, wenn die Politik ein Maßnahmenpaket zur Stärkung der Konjunktur in den kommenden Monaten verabschiedet.

Allerdings sind viele wirtschaftspolitische Maßnahmen, die in vergangenen Krisen die Konjunktur über die Konsumnachfrage stimuliert haben, in dieser Krise weniger effektiv und haben eventuell unerwünschte Nebenwirkungen.

„Weniger effektiv“ ist wohl etwas zu harmlos ausgedrückt. Die Inlandsnachfrage war in den vergangenen Jahren – vor allem nach der Lehman-Krise – ein verlässlicher Konjunkturmotor.

Die Vorzeichen sind diesmal ungemütlicher als zur Zeit der Finanzkrise 2007/2008.

2009 reagierte die Bevölkerung relativ gelassen auf den Crash der Finanzmärkte. In den Medien sah man das dramatischer. Dort überschlugen sich die Meldungen über eine drohende Weltwirtschaftskrise. Also ein doppeltes Meinungsklima.

Die Gelassenheit der großen Mehrheit ging vor elf Jahren auf die Kluft zwischen der Nachrichtenlage über die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und den eigenen Erfahrungen zurück. Die meisten Erwerbstätigen konnten in ihrem Unternehmen keine Anzeichen der Krise erkennen. Eine Analyse nach Branchen zeigte, wie unterschiedlich einzelne Wirtschaftszweige betroffen waren. Während sich die Automobilindustrie und ihre Zulieferer im Auge des Taifuns befanden und auch der Maschinenbau stark betroffen war, erlebten die Beschäftigten der Bauwirtschaft, im Handel oder des Gesundheitswesens die Krise überwiegend über die Medien aber nicht in der Realität. Heute ist eher umgekehrt. Die Medien berichten über die Corona-Lage und wenig über eine bevorstehende Rezession. Die Menschen erleben es in ihren Unternehmen und in ihrer Lebensumgebung gerade anders.

Siehe auch: Einkommenserwartungen und Konsumklima auf historischem Tiefpunkt.

Also wieder ein doppeltes Meinungsklima nur mit umgekehrten Vorzeichen. Für alle wirtschaftspolitischen Akteure wird es schwieriger, die drohende Rezession abzuwenden oder zu bekämpfen.

Bei #SohntrifftBecker sprachen wir ausführlich über dieses Dilemma mit dem Wettbewerbsökonomen Justus Haucap.

In dem Positionspapier werden Vorschläge gemacht, wie man private und öffentliche Investitionen jetzt mobilisieren könne, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Die Vorschläge könnt Ihr in dem pdf-Dokument nachlesen.

Was davon überhaupt noch realisiert werden kann und welche Effekte damit ausgelöst werden, ist die große Frage.

Es bleiben mit Sicherheit irreversible Schäden – etwa wenn inhabergeführte Unternehmen vom Markt gefegt werden, es zu einer weiteren Monopolisierung kommt und Menschen keine Perspektiven mehr haben. Wir sollten also aufpassen, nicht an den Sorgen und Nöten vieler Menschen vorbeizureden und elitären Scheiß zu verbreiten – wie die Dieter-Kolumne in der Zeit.

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