Wie man die Energiewende besser nicht kritisieren sollte @haucap @CKemfert @KeineWunder @MFratzscher @handelsblatt

Energiewende

Justus Haucap kramt wieder seine „Studie“ in einer Replik auf einen Beitrag von Claudia Kemfert heraus. Ich werde das noch ausführlich würdigen. Hier schon mal meine Replik auf die Rechnungen von Haucap:

Der Wettbewerbsökonom kritisierte schon im Sommer 2017 in einem FAZ-Gastbeitrag Deutschlands teuren Energie-Irrweg (eigentlich ist das ja ein Buchbeitrag, wo sich Haucap, Norbert Bolz, Thilo Sarrazin, Roland Tichy, Birgit Kelle und andere auf Angela Merkel einschießen. War Dir eigentlich klar, in welcher Gesellschaft Dein Buchbeitrag erscheint, Justus?).

Die milliardenschwere Förderung „grünen“ Stroms in Deutschland habe praktisch null Klimaschutzwirkung, führt aber zu einem gefährlich steigenden Strompreis, behauptet Haucap:

“Das reine Subventionsvolumen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) beträgt mittlerweile mehr als 25 Milliarden Euro im Jahr, also mehr als 300 Euro je Bürger jährlich ( das sind, lieber Justus, 25 Euro pro Monat oder rund 83 Cent pro Tag. Ich rauchte vor gut zwei Jahr so pro Tag knapp eine Schachtel Zigaretten – dat waren damals pro Monat 180 Euro. Was ist uns die Energiewende wert? Man kann das auch mit Brötchen rechnen. Da gebe ich rund 40 Euro pro Monat aus. gs).”

Haucaup erwähnt noch die Kosten für Netzausbau, erhöhten Ausgleichsenergiebedarf, Offshore-Haftungsumlagen, Investitionsförderungen und vieles mehr.

“Bis 2015 beliefen sich die Kosten der Energiewende auf rund 150 Milliarden Euro. Aufgrund bereits eingegangener Verpflichtungen und Netzausbaubedarf werden diese Kosten in den nächsten zehn Jahren um ein Vielfaches auf insgesamt 520 Milliarden Euro steigen, so das Ergebnis einer Studie des Instituts für Wettbewerbsökonomik DICE an der Universität Düsseldorf (warum schreibst Du “einer” Studie – dat is “Deine” Studie? gs).

Von 2016 bis 2025 ist mit Kosten von rund 37,50 Euro je Monat und Einwohner zu rechnen (siehe Zigarettenbeispiel, gs).

Die ‚exorbitanten‘ Kosten (dat is Framing, Justus) für die Förderung erneuerbarer Energien werden von vielen (wie viele????) Ökonomen schon lange aus zwei Gründen kritisiert. “Zum einen führt die massive Förderung erneuerbarer Energien – paradoxerweise – nicht zu einer Reduktion der Treibhausgasemissionen in Deutschland oder der Europäischen Union. In Deutschland hat sich zwar die EEG-Umlage über die letzten beiden Legislaturperioden, also von 2009 bis 2017 mehr als verfünffacht. Die Treibhausgasemissionen lagen jedoch in Deutschland im Jahr 2016 über dem Niveau des Jahres 2009, auch im Energiebereich”, schreibt Haucap.

Der Grund liege in der fehlenden Rückkopplung zwischen der im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems europaweit festgelegten Obergrenze für CO2-Emissionen einerseits und der Förderung und dem Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien andererseits.

„Werden in EU-Land X (zum Beispiel Deutschland) die Emissionen reduziert, so können – über den Handel der Emissionsrechte – Unternehmen in Land Y ihre Emissionen erhöhen. Der massive Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland führt daher nur dazu, dass die deutschen Energieversorgerunternehmen weniger Emissionsrechte nachfragen und verbrauchen und so der Preis für Emissionsrechte sinkt. Ohne eine Stilllegung von Emissionsrechten oder eine anderweitige Kopplung zwischen dem Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und der Mengen an Emissionsrechten verpufft die Förderung der erneuerbaren Energien klimapolitisch komplett.”

Das spricht doch nicht gegen die Energiewende, sondern eher gegen das handwerklich schlecht gemachte Emissionshandelssystem und die zweifelhafte Politik der großen Energiekonzerne.

Mit den Milliarden-Förderungen werde bisher keine einzige Tonne CO2 in Deutschland oder der EU eingespart, schreibt Haucap. Warum Angela Merkel, die als Physikerin und kluger Kopf diesen Zusammenhang wohl verstanden haben wird, den teuren, klimapolitisch nutzlosen Irrweg nicht beende, gehört zu den großen Rätseln. Zudem würden “viele” Ökonomen (wieder die vielen Ökonomen, gs) schon lange den in der Energiewende verfolgten planwirtschaftlichen Subventions- und Förder-Ansatz kritisieren, das Ausschalten jeglicher Markt- und Wettbewerbsmechanismen.

“Mit einem System von inzwischen mehr als 5000 verschiedenen Einspeisevergütungen, also staatlich garantierten Abnahmepreisen, die den Erzeugern von EEG-Strom in der Regel für zwanzig Jahre sicher gewährt werden, wurden aufgrund der in den Vergütungen enthaltenen Traumrenditen sehr starke finanzielle Anreize gesetzt, in den Ausbau erneuerbarer Energien zu investieren. Das Tempo des Ausbaus der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ist seit 2005 atemberaubend. Jedoch explodieren die Kosten gleichermaßen, wie oben beschrieben. Der Grund für die Kostenexplosion lag vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, in der exorbitanten Förderung der Solarenergie. Während die Preise für Solarpanels seit 2005 drastisch fielen, wurden die Einspeisevergütungen nur sehr, sehr langsam angepasst”, so Haucap.

Wie war das nur vor dem Atomenergie-Ausstieg, lieber Justus Haucap?

“Entgegen der Prognose vieler Ökonomen (viele Ökonomen, die Dritte gs) versprach Bundeskanzlerin Merkel im Jahr 2011, dass „die EEG-Umlage … nicht über ihre heutige Größenordnung hinaus steigen (soll); heute liegt sie bei etwa 3,5 Cent pro Kilowattstunde. Schon im Jahr 2013 war dieses merkelsche Versprechen Makulatur, da die EEG-Förderung nahezu ungebremst weiter betrieben wurde. Nichts wurde getan, um das Versprechen Realität werden zu lassen. Fünf Jahre nach dem Versprechen der Bundeskanzlerin war die EEG-Umlage um fast 100 Prozent gestiegen”, kritisiert der Wettbewerbsökonom.

Das Ganze sei eine große Energie-Planwirtschaft mit einer kleinen Prise Markt. Aus ordnungspolitischer Sicht wäre daher zu fordern: “Der Einspeisevorrang für erneuerbare Energien sollte vollständig aufgegeben werden, und Erzeuger ‘grünen’ Stroms sollten endlich selbst für seine Vermarktung verantwortlich sein, so wie es auf allen anderen Märkten der Volkswirtschaft üblich ist. Wer Geld verdienen will, muss sich um die Vermarktung seiner Erzeugnisse kümmern oder zumindest andere damit beauftragen.”

Hast Du das früher auch in Richtung der Atomenergie-Freunde gefordert, lieber Justus? Stichworte: Zentralistisch, großindustriell, subventionsbelastet, wettbewerbsfrei – auch die Atomindustrie und ihre Lobbyisten waren ein Fossil.

Wer von den Preisrisiken der Energiewende redet, sollte über das Abwälzen von Kosten und Risiken der Atomenergie auf die Steuerzahler nicht schweigen. Würde man die Gesamtkosten in den Strompreis einrechnen und die Milliarden Euros an Fördergeldern für AKWs raus rechnen – Ökonomen nennen das Internalisierung externer Effekte – müssten wir schon längst weitaus mehr für eine Kilowattstunde berappen.

Die Atomenergie bindet gigantische Finanzmittel, personelle Ressourcen und konserviert unwirtschaftliche Großorganisationen der Energiewirtschaft. Eine höchst merkwürdige Logik der Stromkonzerne, die über Jahrzehnte Subventionen kassiert und Sonderrechte genossen haben sowie die Folgen ihrer Atompolitik auf die Allgemeinheit abwälzen. Gewinne privatisieren, Kosten sozialisieren – ein prima Geschäftsmodell. Das fehlt in Deiner Auflistung, Justus.

„Billiger Strom aus Atom und Kohle“ – das war schon immer ein Märchen. Für die Zeit von 1970 bis 2008 ergibt sich eine Summe von rund 165 Milliarden Euro, die von den Atomfreunden als Staatsknete kassiert wurde. Dann kommen noch die Kosten für den Rückbau der Atomkraftwerke dazu – etwa 42 Milliarden Euro. Zusammen ergibt das Subventionen von über 200 Milliarden Euro. Aber damit sind wir nicht ganz fertig mit der Vollkostenrechnung, lieber Justus. Es folgen Rückbaukosten für die noch laufenden Atommeiler, die mit 34 Milliarden Euro beziffert werden. Konservativ geschätzt. Dann fehlen die Kosten für die Endlagerung für den hochradioaktiven Abfall, für den es bislang kein Endlager gibt. Hierfür stehen die Kosten in den Sternen. So, nun kannst Du ja mal in Deiner Studie noch aufführen, was wir als Steuerzahler für die unberechenbare Atomenergie zahlen müssen.

Professor Lutz Becker von der Hochschule Fresenius erwartet von der Politik, dass sie ein Konzept für eine mittelständisch geprägte Energiewende vorlegt.

„Die deutsche Solarindustrie ist am ausgestreckten Arm verhungert. Den Bürger Windparks werden alle erdenklichen Steine in den Weg geworfen, den Ausbau machen andere. Also was ist zu tun, um etwa bürgerliches/mittelständisches Engagement, etwa im Smart Grid Bereich zu fördern? Ich habe zunehmend den Eindruck, dass solche Fragestellungen viele überfordern.“

Becker, Professor Uwe Schneidewind vom Wuppertal Institut und der Wuppertaler Unternehmer Jörg Heynkes halten es nicht für sachgerecht, die Energiewende und das Erneuerbare-Energien-Gesetz zu zerreden, wie es Haucap getan hat.

„Es gibt ja eine Tatsache, die man schon mal gar nicht leugnen kann, was das EEG mindestens bewirkt hat: In der Photovoltaik und in der Windenergie. Vor allem in der Photovoltaik haben wir einen Preissturz erlebt, der ohnegleichen ist. Vergleichbar nur mit Speichertechnologie und Prozessortechnologie. Wir können uns das als Steuerzahler oder Stromzahler auf die Fahnen schreiben. Diese Technologie ist durch die Massenproduktion unfassbar günstig geworden. Wir erleben heute einen weltweiten Solarboom. Die einzigen, die sich gerade abkoppeln, sind die Deutschen. Das ist das Absurde daran. Jetzt, wo es richtig preisgünstig ist. Wenn man heute eine Solaranlage baut, dann rechnet sie sich selbst in einer Stadt wie Wuppertal. Man hat nach rund sechs bis sieben Jahren die Investition amortisiert. Danach bekommt man 35 Jahre Strom umsonst. Wir reden von Netto-Renditen zwischen acht und zehn Prozent. Soll mir irgendein Ökonom eine gute Geldanlage empfehlen, die auch nur ansatzweise eine solche Rendite verspricht, und zwar sicher verspricht, mit Steigerungspotential bei steigenden Strompreisen. Von daher finde ich die Aussage von Haucap absurd. Wir sind in Deutschland aktuell bei knapp 38 Prozent Grünstromproduktion (der Anteil ist ja bis heute deutlich gestiegen, gs)“, sagt der Wuppertaler Unternehmer Jörg Heynkes.

Das alles sei durch das EEG in Gang gesetzt worden. Das es bei Emissionen gegenläufige Effekte über den Individualeffekt gibt, könne man nicht dem EEG anlasten.

„Hier versagen wir bei der Mobilitätswende“, betont Heynkes.

Diese pauschale Kritik an der Energiewende hängt noch Meinung von Schneidwind mit einer sehr starken disziplinären Verengung der Wirtschaft zusammen.

„Erst mal ist es ja durchaus ein richtiger Impuls, dass die Ökonomen sagen: Wofür wir verantwortlich sind, ist, dafür zu sensibilisieren, dass wir auch volkswirtschaftlich effizient mit unseren Ressourcen umgehen.“

Der Emissionshandel sei völlig falsch konstruiert worden. Auch das habe mit dem EEG nichts zu tun.

„Wir haben einen Emissionshandel, der nur ganz bestimmte Teile von Sektoren erfasst, der mit viel zu vielen Emissionsrechten am Anfang ausgestattet war, der überhaupt nicht antizipiert hat, dass da vielleicht mal eine Finanzkrise kommt, die dann diese Emissionspreise radikal in den Keller fallen lässt und damit alles andere als Erwartungssicherheit auch für die Akteure erzeugt, und man dann ganz viele Schlupflöcher und Kompensationsmöglichkeiten hat. Unter einem reinen Emissionshandels-Regime wäre es nie zu den von Jörg Heynkes skizzierten diesen technologischen Entwicklungen gekommen“, so Schneidewind.

Das EEG habe etwas ganz Entscheidendes geleistet.

„Es hat Erwartungssicherheit geschaffen für alle, die investiert haben, und damit haben wir ja auch erreicht, dass plötzlich in der Energiewende Investitionen von Akteuren kamen, die vorher überhaupt nicht in diesem Bereich unterwegs waren. Die Tatsache, dass wir so viel privates Kapital mobilisieren konnten, hat erst mal Vorteile. Was eben gar nicht in den Blick genommen wird, weil es eben nur eine rein nationale Betrachtung ist: Global ist das vermutlich die effektivste Entwicklungshilfe gewesen, die Deutschland je geleistet hat. Das deutsche EEG gekoppelt mit einer subventionierten, aufgebauten chinesischen Solarindustrie führt heute dazu, dass für sehr viele Entwicklungs- und Schwellenländer in ihrem Ausbau der Energieinfrastrukturen der regenerative Pfad dem fossilen auch ökonomisch überlegen ist. Dass das möglich wurde, ist ein Erfolg des EEG. Ich setze noch einen drauf und sage: Gerade weil uns die saubere Preissteuerung von Energie nicht gelingt, ist vielleicht das Allerbeste an der EEG-Umlage, dass sie Strom teurer macht. Denn die eigentliche Reserve, die wir brauchen, ist die Mobilisierung von Energieeffizienz. Günstige Energiepreise sind ein Horror. Wir müssen natürlich über soziale Folgen reden, und die lassen sich auch anders abfedern. Aber Energie muss teurer werden, das ist der einzige Weg, mit dem wir die Energiewende und den Klimaschutz hinbekommen“, erläutert Schneidewind.

Er könne sich einen Pfad konstanter Erhöhung eines CO2-Preises vorstellen – die Volatilität in den Weltmärkten sei ja das Gift für erwartungssichere Investitionen, meint Schneidewind:

„In Phasen, in denen die Ölpreise an sich schon höher gehen, setzt man es ein Stück aus, und in Phasen, in denen sie sehr unten sind, baut man das über entsprechende Fonds auf. So ist für jeden klar, was der Liter Sprit in zehn Jahren kostet, was das Heizen mit fossilen Brennstoffen in zehn Jahren kostet. Man kann mit einer ganz anderen Sicherheit sehr weitgehende Investitionsentscheidungen treffen. Wir müssen uns also sehr viel mehr in solche Dinge hineindenken.“

Natürlich sei das EEG noch nicht perfekt, kommentiert Heynkes.

„So ganz lange brauchen wir das auch nicht mehr, denn wir haben jetzt schon in der Offshore-Windenergie die Situation, dass die Preise für die Errichtung der Anlagen mittlerweile so runtergegangen sind, dass es überhaupt keine Förderung mehr braucht. Wir werden das in der Onshore-Situation wahrscheinlich auch bald erleben, in der Photovoltaik sind wir wahrlich nicht weit davon weg. Insofern glaube ich, das EEG ist auf die nächsten Jahre betrachtet ein Auslaufmodell, gar keine Frage. Wir müssen es nur klug ersetzen. Da ist eben die CO2-Steuer aus meiner Sicht das einzige vernünftige Instrument. Wenn ich auf jedes Produkt, das in diesem Land verkauft wird, eine faire CO2-Besteuerung hätte, dann könnten wir jede Menge andere Steuern streichen, einfach verschwinden lassen.“

Fortsetzung folgt.

4 Gedanken zu “Wie man die Energiewende besser nicht kritisieren sollte @haucap @CKemfert @KeineWunder @MFratzscher @handelsblatt

  1. Anonymous

    Leider, lieber Gunnar, ist von dem was Du in Beug auf die Kernkraft behauptest, so ziemlich alles bestenfalls „halbwahr“, das meiste aber komplett unwahr.

    Wir können ja einfach mal damit anfangen, welche „Subventionen“ angeblich in die Kernkraft geflossen sind – nämlich pro erzeugter kWh…

    …GAR KEINE.

    Ja, es gab Investitionen in Forschung(s-Reaktoren), aber kein Energieunternehmen hat jemals für eine durch Kernkraft erzeugte Kilowattstunde auch nur einen müden Cent kassiert.

    Auch externe Effekte gibt es durch Kernkraft so gut wie keine – sie ist faktisch emissionsfrei, müllfrei und damit insbesondere unter Einrechnung externer Effekte die wohl billigste Art, verlässliche Energie zu erzeugen.

    Überdies war die französische Energiewende 1978-1988 die bis heute mit Abstand schnellste, vollständigste und vor allem effizienteste Dekarbonisierungsmassnahme der Geschichte.

  2. Markus Roder

    Kommentar oben von @markusvonroder – leider funktioniert die Log-In-API scheinbar weder von FB noch von Twitter aus.

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