Live-Kommunikation mit Tiefgang: „Die Unternehmen sind künftig grün – oder gar nicht“

Lange Vorträge und passives Zuhören rücken in der Live-Kommunikation immer mehr in den Hintergrund. Das schreiben Mike Wutta und Thomas Wenger.

Veranstaltungen werden immer mehr für den direkten Austausch mit Stakeholdern, Partnern und Kunden genutzt – es wird also nicht länger nur in eine Richtung kommuniziert.

„Die Art und Weise, wie und warum Veranstaltungen realisiert werden, hängt stark mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen zusammen. Dominierte bei der Live-Experience in den letzten Jahren oft der Spaß-Faktor, geht es zunehmend um unternehmerische Verantwortung – und zwar nicht als Worthülse, sondern als erlebbare Realität. Organisatoren sind heute gefragt, Erfahrungen mit Bedeutung zu bieten – also weg vom ‚Meet & Greet‘, hin zu einem sinnhaften Zusammentreffen, das Spuren hinterlässt“, schreiben die Autoren. Dazu zählen Themen wie Klimawandel, Sicherheit oder Diversity.

Veranstaltungskonzepte „von der Stange“ seien passé – es geht immer mehr darum, maßgeschneiderte Formate zu entwickeln.

„Machten früher Events aufgrund ausgefallener Ideen und Locations von sich reden, wird es künftig vermehrt um Authentizität gehen. Wofür steht ein Unternehmen und welche Probleme will es lösen? Welche Beziehungen zu Kunden, Mitarbeitern und Partnern aufbauen? All dies sollte in der Live-Kommunikation spürbar sein.“

Unternehmen werden immer stärker als politische Akteure gesehen und nicht mehr einseitig nach den reinen Markterfolgen gemessen. Firmen geraten nach Einschätzung von Professor Lutz Becker von der Hochschule Fresenius immer stärker bei der CSR-Thematik in eine Sandwich-Position – es wachse von oben der regulatorische Druck (Laudatio Si, EU-Richtlinien, UNO etc.) und von unten der Druck über die kritische Zivilgesellschaft. Die Fridays for Future-Bewegung hat hier neue Akzente und Standards gesetzt. Das bekam Siemens-Chef Joe Kaeser zu spüren, als er die Klimaaktivistin Luisa Neubauer für seine Interessen vereinnahmen wollte und der Deutschland-Sprecherin von Fridays for Future einen Sitz im Aufsichtsrat der künftigen Siemens Energy AG anbot. Neubauer durchschaute das strategisch doch recht flache Manöver von Kaeser und sagte:

„Mit dem Posten wäre ich den Interessen des Unternehmens verpflichtet und könnte Siemens dann nicht mehr unabhängig kommentieren.“

Der Rest des PR-Desasters von Kaeser dürfte wohl in die Geschichte der Unternehmenskommunikation eingehen.

Fazit von Gabor Steingart in seinem morgendlichen Newsletter: „So wie einst die Arbeiterbewegung den Wolfskapitalismus zähmte, der schließlich als soziale Marktwirtschaft überlebte, hat nun die ökologische Domestizierung der Industrie begonnen. Die Unternehmen sind künftig grün – oder gar nicht. Die Restlaufzeiten für das alte Denken sind in den vergangenen Tagen erneut verkürzt worden.“

Das muss man bei allen Aktivitäten in der Live-Kommunikation berücksichtigen.

Ich habe das vor vier Jahren auf die Formel gebracht: Kant statt Hobbes – Mehr Pflichtethik für Unternehmen:

Die Autoren Scherer, Palazzo und Butz subsumieren das unter dem Begriff „Global Governance“. Es müssen neue Formen der politischen Steuerung gefunden werden, um die politische Ordnung mittels neuer demokratischer Institutionen und Verfahren wieder herzustellen. Das sei nicht nur eine Angelegenheit der nationalen Regierungen und internationalen Institutionen, sondern auch eine Sache der privaten Akteure wie Nichtregierungsorganisationen, zivilgesellschaftlichen Gruppen, Konsumenten, Arbeitnehmer und eben auch Unternehmen.

Runde Tische sollten im Lichte der Öffentlichkeit Standards für Arbeitsleben, Menschenrechte, Korruptionsbekämpfung, Gesundheitswesen, Umweltschutz und Bildung entwickeln. Im transnationalen Diskurs kann man sich dann nicht mehr mit netten PR-Sprüchen, CSR-Hochglanzbroschüren und semantischen Nebelkerzen über Wasser halten.

In diesem Demokratiemodell sind Unternehmen dann Gegenstand demokratischer Mitentscheidung und Kontrolle.

Auch die Wirtschaftstheorie sollte verstärkt die Legitimität unternehmerischen Handelns im Geiste des Pflichtethikers Immanuel Kant auf die Tagesordnung setzen.

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