Besteht die #VWL nur noch aus Datenanalysen ohne Denkschulen? @VfS_econ @DrLutzBecker1 @AlexandVerne #EconTwitter

41 Millionen Euro Staatsknete für die Propheten ohne Durchblick

„Reiner Empirismus (Reinhard Pfriem nennt es Erbsenzählerei) führt auch in die Irre. Es ist immer ein ‚Sowohl als auch‘. Empirie braucht Einordnung, neue Interpretationen, Theorie halt“, schreibt Professor Lutz Becker auf Facebook mit Verweis auf den Beitrag „The Changing Face of Economics“.

Das sieht die Chefin des Vereins für Socialpolitik im Interview mit der Wiwo anders:

„Vor 30 Jahren war die deutsche VWL zum Teil sehr ideologisch. Vor allem bei den jüngeren Forschern ist das passé. Sie gehen ergebnisoffen an alle Fragen heran“, glaubt Professorin Nicola Fuchs-Schündeln.

Die VWL sei eine Sozialwissenschaft mit exzellenten Berufsaussichten. „Wir beschäftigen uns mit breiten sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Es geht zum Beispiel um Bildung und Bildungsgerechtigkeit, um Umweltfragen, die globale Ordnung und die Strukturen in Entwicklungsländern, um Anreize in Firmen und Korruption. Die Mathematik ist dabei die Sprache der VWL, wir gehen viele Fragen empirisch-statistisch oder mit mathematischen Modellen an. Das hat viele Vorteile bei der Analyse komplexer Zusammenhänge. Allerdings müssen wir uns in der Lehre mehr Mühe geben“, sagt Fuchs-Schündeln.

Sie ist sogar der Ansicht, dass man die ökonomische Dogmengeschichte nicht kennen muss, um ein guter Ökonom zu sein. „Wer aus Daten wegweisende Erkenntnisse etwa zu Fragen der sozialen und ökonomischen Durchlässigkeit der Gesellschaft gewinnt oder die Effekte einer CO2-Steuer in Modellen oder empirisch analysiert – warum sollte das kein guter Ökonom oder keine gute Ökonomin sein?“, fragt Fuchs-Schündeln.

Hinter der Interpretation von Daten stecken keine Dogmen, keine vorgefassten Meinungen oder gar auch politische Absichten?

Ich halte das für erschreckend naiv.

An der wirtschaftswissenschaftlichen Mindestlohn-Debatte kann man das gut ablesen. Da gab es sogar Wirtschaftsethiker, die spieltheoretisch nachweisen wollten, das Mindestlöhne schädlich für die volkswirtschaftliche Prosperität seien. Alles schön unter dem Deckmantel der Neutralität und dem Verzicht auf Werturteile.

„Ich habe den Eindruck, dass durch den Begriff ‚ideologisch‘ verschleiert wird, dass die Ökonomik immer normativen Charakter hat. Der Terminus ‚ideologisch‘ dient gerne dazu, heterodoxe und unbequeme Denkweisen auszugrenzen. Die Realität sieht anders aus: Die neoklassische Schule dominiert immer noch das ökonomische Denken und damit auch die Politikberatung. Aber wir haben natürlich ein breiteres Feld, das vor allem durch die Pluralisten erschlossen wird. Insofern besteht Hoffnung“, sagt Professor Becker.

Nach Ansicht von Lars Immerthal seien Kenntnisse über die Denkschulen unabdingbar. Dahinter stecken bestimmte Rationalitätsannahmen – auch bei den stärker mathematisch ausgerichteten Denkrichtungen. Man braucht sich nur die Spieltheoretiker etwas genauer anschauen. „Da kann es dann auch sein, dass man sich in längst überholten Rationalitätskonzepten bewegt oder nicht verstanden hat, dass bestehende Annahmen schon unterlaufen werden – gerade mit und durch die Digitalisierung“, erläutert Immerthal.

Zu bestreiten, dass es in der Wirtschaftswissenschaft verschiedene Ansätze, Sichtweisen und Orientierungen gibt, die sich nicht nur marginal voneinander unterscheiden – ob man von „Denkschulen“ sprechen will, ist eine Geschmacksfrage –, sei ein Zeichen von Realitätsverweigerung, so die Replik von Professor Heinz D. Kurz: 

„Wer von Obst spricht, leugnet üblicherweise nicht, dass es Äpfel, Birnen oder Kirschen gibt. Wer von Volkswirtschaftslehre spricht, hat keinen Grund, die existierende Heterogenität der Lehrmeinungen zu bestreiten. Zu behaupten, dass die Auseinandersetzung zum Beispiel mit Ricardo nichts bringe, setzt voraus, dass sie erfolgt ist. Ansonsten handelt es sich nur um  unwissenschaftliches Geschwätz eines/einer Hochmütigen. Ein besonders krasses Beispiel derart unwissenschaftlichen Hochmuts ist Robert Lucas‘ Behauptung, in der ‚General Theory‘ Keynes ‚doesn’t cite anyone but crazies like Hobson‘. Ob Hobson es verdient hat, so genannt zu werden, sei dahin gestellt. Es genügt der Hinweis darauf, dass Keynes folgende Ökonomen zitiert: Bentham, Böhm-Bawerk, Cassel, Edgeworth, Irving Fisher, Alvin Hansen, Harrod, Hawtrey, Hayek, Jevons, Kahn, Kuznets, Marshall, Marx, J.S. Mill, Pigou, D.H. Robertson, Sraffa, Walras und Wicksell. Zwei Fragen: 1. Alles ‚crazies‘? 2. Welche Ausgabe der ‚General Theory‘ hat Lucas gelesen?“, fragt Kurz.

Wie seht Ihr das?

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