Nissan, #Ghosn und die Schule des Wirtschaftskrieges

Repression verdünnen!

Wenn Adepten des freien Marktes über Wettbewerb, Oligopole oder gar private Monopole schwadronieren, wird einem das Ideal einer Marktwirtschaft als glorreiches Zeitalter einer privaten Eigentumsordnung verkauft.

Als Beispiel kann die libertäre Pippi-Langstrumpf-Ökonomie von Ubi Libertas herangezogen werden. Hier werden schlichtweg die Faktoren Macht, Manipulation und sogar Krieg ignoriert. Oder die antistaatlichen „Maßnahmen“ von Vulgärkapitalisten wie Peter Thiel, der nicht nur Donald Trump das Popöchen leckt, sondern über exterritoriale Inseln staatliche Abgaben umschiffen will.

Vor allem Konzerne spielen gerne Staat im Staate – allerdings mit politischen Machtmitteln, die sich der demokratischen Kontrolle entziehen. Am liebsten auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Eine Headline des Spiegels klingt so harmlos: „Ex-Nissan-Chef Ghosn soll getürmt sein, nachdem Nissan Beschattung stoppte“.

Äh, was? Nissan hat dem früheren Top-Manager eine Sicherheitsfirma auf den Hals gehetzt? Die so harmlos erscheinende süße Autofirma Nissan spielt Polizei und observiert ehemalige Mitarbeiter? Mich überrascht diese Schlagzeile nicht. Allerdings bin ich etwas verwundert über die „Vorwürfe“ gegen Ghosn: „Ihm wird unter anderem vorgeworfen, sein Einkommen als zu niedrig angegeben und Nissan um fünf Millionen Euro geschädigt zu haben“, schreibt der Spiegel. Als Chef der Renault-Nissan-Mitsubishi-Allianz beaufsichtigte der Geschäftsmann bis 2018 weltweit Fahrzeugverkäufe mit einem Umsatz von über 243 Milliarden US-Dollar. Und da stolpert jetzt Ghosn über fünf Millionen Euro?

Wir werden sehen, wie das weitergeht. Aber mit der Pippi-Langstrumpf-Marktordnung des libertären und strahlenden Atomfreundes @UbiLibertas
hat das nichts zu tun. Es geht eben um Macht, Intrigen, Betrug, Denunziation, Bestechung und dergleichen mehr. Es gibt beispielsweise PR-Experten, die sich darauf spezialisiert haben, unliebsame Führungskräfte in der Öffentlichkeit fertig zu machen.

Man beauftragt Detektive, lanciert gefälschte Dossiers an Medien, durchstöbert Konten, reagiert mit Strafanzeigen wegen angeblicher Rechtsverstöße, verschickt Abmahnungen von renommierten Anwaltskanzleien, bedroht Journalisten, vernichtet Konkurrenten, desavouiert Erfinder, kauft Patente auf, die dem eigenen Brot-und-Butter-Geschäft gefährlich werden können und so weiter und so fort.

Alles Dinge, die ich persönlich in meinen Recherchen erlebt habe in den vergangenen Jahrzehnten. Ich werde das hier jetzt nicht wiederholen, sonst flattern wieder Schreiben von Kanzleien aus Frankfurt oder Hamburg ins Haus – da fehlt mir das nötige Kleingeld, um mich zur Wehr zu setzen. Aber ein Interview mit Christian Harbulot, Direktor der Ecole de Guerre Economique in Paris kann ich anbieten, das zwar schon einige Jahre auf dem Buckel hat, aber nach wie vor hohe Aktualität aufweist, wie der Fall Ghosn unter Beweis stellt. Es geht um die Schule des Wirtschaftskrieges – es geht nicht um Märchenerzählungen aus dem Ökonomie-Lehrbuch:

Was bedeutet „Guerre Economique“?

Christian Harbulot: „Guerre Economique“ ist die direkte und indirekte Konfrontation von Staaten oder Unternehmen auf der Suche nach strategischer Überlegenheit und der Gewinnung größerer Marktanteile.

Befindet sich die Wirtschaft heute tatsächlich in einem Kriegszustand, der nur durch die von Ihnen gelehrten Taktiken zu gewinnen ist?

Es gibt eine gewisse Anzahl von Wegen und Lösungen, um die eigenen Interessen in einer wirtschaftlichen Konfrontation zu wahren. Wir lehren nur Techniken des Informationsmanagements, deren Ziel und Aufgabe es ist, Operationen mit dem Ziel der Einflussnahme und Destabilisationsmanövern durch Information zu begegnen.

Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um in der „Schule des Wirtschaftskrieges“ aufgenommen zu werden? Oder anders gefragt, welche Anforderungen stellen Sie an Ihre Schüler?

Man muss ein Hochschulstudium abgeschlossen haben. Wenn das Hochschulabschlussniveau des Kandidaten nicht ausreichend ist, sollte er zumindest über relevante Berufserfahrung verfügen.

Was genau lernt man bei Ihnen? Was beinhaltet ein „normaler“ Unterrichtsblock?

Die EGE hat mehrere pädagogische Zielsetzungen:

Die Vermittlung einer allgemeinen Kultur über die Problematik des Wirtschaftskrieges. Das Erlernen des Umgangs mit offenen Quellen. Nutzung des Internets in der Erkenntnis seiner Möglichkeiten und seines Potentials. Beherrschung und Umgang mit Informationsrisiken. Unser Unterricht beruht auf der praktischen Anwendung des erlernten Wissens in Übungen, die auf realen (Vor-)Fällen basieren….Unsere Absolventen verfügen über eine professionelle Umgangsweise des Informationsmanagements, die ihnen bei ihren zukünftigen Tätigkeitsgebieten sowohl inner- als auch außerhalb von Unternehmen weiterhilft. Bei der Studie von (Vor-) Fällen herrscht bei uns keine Autozensur. Unsere Ausbildung ist europaweit die einzige, die die offensiven Techniken des Wirtschaftskrieges, die weit über die industrielle Spionage hinausgehen, untersucht…..

Welche Rolle spielt das Internet Ihrer Meinung nach bei der öffentlichen Meinungsbildung? Haben sich die Taktiken dadurch verändert? Und wenn ja, inwiefern?

Es spielt eine konstruktive, aber nicht absolute Rolle, denn die menschlichen Vorgehensweisen wie Befragungstechniken, Management von Kontaktdatenbanken, Medienkonzepte, Belebung von Kontaktnetzwerken oder die Kunst der Polemik werden weiterhin bedeutsam bleiben. 

Die Taktiken des „Informationskrieges“ haben sich durch das Internet allerdings insoweit verändert, dass Informationen heute weltweit verfügbar sind und auf sie in Echtzeit reagiert werden muss.

In den USA sind die von Ihnen gelehrten Taktiken längst Tagesgeschäft. Woran liegt es, dass ihnen in Europa immer noch der Geruch des Unmoralischen anhaftet?

Die Europäer legen hinsichtlich der Zusammenhänge, dieser Art der Konfrontation eine gewisse Heuchelei an den Tag. Die Wirtschaftsexperten und Managementspezialisten prangern die Wirklichkeit an, indem sie sie als Verschwörungstheorie verharmlosen.

Aber diese Ablehnung, die Wirklichkeit zu akzeptieren, wie sie ist, geht fast schon ins Lächerliche. In Deutschland spricht man höchstens über Wettbewerb zwischen den Marken. Diese Sichtweise ist jedoch zu einseitig und birgt langfristig das Risiko, den Überblick darüber zu verlieren, wie Teile der weltweiten Wirtschaft wirklich funktionieren…..

Christian Harbulot ist Direktor der Ecole de Guerre Economique, der privaten Managementschule ESLSCA in Paris. Er ist einer der Vorreiter der Intelligence Economique in Frankreich, und war persönlicher Berater von Henri Martre, Präsident der Arbeitsgruppe „Intelligence Economique und Unternehmenstrategie“ am „Commissariat Général du Plan“.

Der ehemalige Schüler der IEP de Paris, besitzt unter anderem ein Diplom in Geschichte der Universität Paris VII und einen Abschluss in Politikwissenschaften der Universität Paris I.

Gegründet wurde die Ecole de Guerre Economique 1997 von General Jean Pichot-Duclos, Christian Harbulot und Alain Joseph an der in Paris ansässigen privaten Managementschule ESLSCA mit Unterstützung der halbstaatlichen Rüstungsberatungsgesellschaft DCI.

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