Stanislaw Lem, ein kosmischer Flunkerer mit irdischen Wurzeln: „Drei Tage lang hatte der berühmte SF-Autor einen Schatten gescheuert.“

Franke-Interview über Science Fiction

Ich hatte ja vor einigen Tagen angekündigt, Schriften von Franz Rottensteiner zu publizieren, die er mir vor knapp 20 Jahren zur Verfügung stellte. Zu Rottensteiner sagte der Schriftsteller Herbert W. Franke im Interview mit mir:

„Der Suhrkamp Verlag kam mit Herrn Unseld auf die Idee, eine Science-Fiction-Serie zu publizieren. Er hat es damals mit phantastischer Literatur zusammen gebracht, und so erschien die violette Reihe. Und ein Glücksfall war auch, dass Franz Rottensteiner mit als Herausgeber beauftragt war, mit dem ich mich damals schon gut verstand. Es war nicht schwer zu erraten, dass er sich an mich wenden würde. Und so habe ich über viele Jahre für den Suhrkamp Verlag geschrieben.“

Hier nun das Stück von Rottensteiner über Stanislaw Lem:

In dem Roman Lokaltermin verschlägt es Ijon Tichy, Stanislaw Lems Serienhelden aus den Sterntagebüchern und Romanen wie Der futurologische Kongreß und Frieden auf Erden, in die Schweiz, wo ihm der „bekannte Millionär Doktor Wilhelm Küßmich“ über seinen Rechtsanwalt Dr. Trürli ein Schloss mit einigen Auflagen zum Geschenk macht. Tichy nimmt das Geschenk naiverweise an und beginnt den Bau aufwändig zu renovieren, nur um zu erfahren, dass er betrogen worden ist, und der philantropische Millionär durch die Schenkung, die sein Anwalt dann als arglistische Täuschung durch Tichy konstruiert und für unwirksam erklärt, bloß sein Vermögen dem behördlichem Zugriff in einem gegen ihn laufendem Verfahren entziehen wollte. Diese skurrile Episode, deren tieferer Sinn nicht sofort einsichtig ist, ist Lems Art und Weise, Rache an den Schweizern zu nehmen. Als er in Österreich lebte, erhielt er nämlich eine Einladung in die Schweiz, doch weigerten sich die sparsamen Veranstalter, ihm die Reiseunkosten zu bezahlen, worüber der Autor sehr vergrämt war und sich auf diese Weise revanchierte. Überhaupt ist vieles in Lems anscheinend so sternenfernen Visionen durch seine Biographie bestimmt.

Er geriert sich zwar gern als Philosoph, der in allgemeinmenschlichen, abstrakten Modellen von kosmischen Dingen schreibt, die weit über allem ephemeren politischem Gezänk, Geschlechter-Unterschieden und Verankerung in historisch bedingten gesellschaftlichen System stehen. Seine Helden wie Ijon Tichy, Pilot Pirx oder Rohan aus dem Unbesiegbaren, haben zwar weder Eltern noch Ehefrauen, Geliebte, Freunde, noch gehören sie einer spezifischen Gesellschaft an, doch oft drängen, vor allem in den Grotesken und Märchen der Sterntagebücher oder der Kyberiade, gesellschaftliche Spezifika durch. An den tragikomischen Missverständnissen, denen außerirdische Besucher in „Invasion vom Aldebaran“ ausgesetzt sind, erkennt man unschwer ein Abbild polnischer Verhältnisse aus der Zeit, als Trunksucht eine Alltagserscheinung war; und auch der korrupte afrikanische Staat in „Professor Dońda“, wo man für alles und jedes, selbst eine Beerdigung und eine Grabstätte Beziehungen braucht, ist ein Abbild der polnischen Realität im korrupten System des Kommunismus, das Lem verachtete, ohne je öffentlich dagegen Stellung zu beziehen. Mehr als einmal erklärte er im privaten Kreise, er habe keine Lust zum Märtyrer zu werden.

Ursprünglich wollte Lem (geb. 1921 in Lemberg, heute Ukraine), nach einem Medizinstudium in Kraków, das er ohne Titel abschloss, weil er sonst, wie zu der Zeit alle Mediziner, zum Militär eingezogen worden wäre, sich mit theoretischer Biologie beschäftigen, was aber die Vorliebe der Stalinzeit für die pseudowissenschaftlichen Theorien Lyssenkos, die zu kritisieren wenig ratsam war, nicht geraten erscheinen ließ. Daraus wird für diesen Autor charakteristischer Zug sichtbar ist: Er betont zwar gerne die Wichtigkeit der Wissenschaft und bezweifelt die wissenschaftliche Kompetenz anderer SF-Autoren, selbst wenn sie, wie etwa Prof. Gregory Benford, im Hauptberuf tatsächlich Wissenschaftler sind, aber er gehört nicht zu denen, die für die wissenschaftliche Wahrheit zu kämpfen bereit sind. Stattdessen wandte sich Lem, wie er zuweilen erklärt, nur durch Zufall, der Science Fiction zu, und ohne zu ahnen, in welch missliche Gesellschaft er dadurch geraten würde, was nach einer Schutzbehauptung aussieht, denn es gehört schon eine kaum glaubliche Naivität dazu, anzunehmen, dass sich ein ihrer Natur nach Genre der Unterhaltungsliteratur nach Höhepunkten wie H.G. Wells, Olaf Stapledon oder Karel Čapek zu einem literarischen Hochplateau aufschwingen würde. 

Gerade durch die SF wurde Lem ja berühmt, und diese Berühmtheit und vor allem seine Auflagenpopularität ist zu einem Großteil dem Genre zu verdanken, in dem er schrieb und das dem Publikumsgeschmack weitgehend entgegenkam; und dieser etwas schmuddeligen Umgebung war es auch leichter war zu reüssieren als in der Literatur strictu sensu. Dort war es auch leichter als in der Philosophie, sich den Mantel eines Philosophen umzuhängen. Zweierlei kam ihm dabei zugute: Erstens einmal profitierte die utopische Raumfahrtliteratur nach 1957 mit von dem Prestige, das das Raumfahrtthema durch die russischen Weltraumerfolge nach dem Start des Sputniks gewann und das auch auf sie abfärbte. Weiters waren die Leser im Realsozialismus, überdrüssig einer massiv parteiideologisch gefärbten Unterhaltungsliteratur, begierig auf Science Fiction, in der es in den kommunistischen Staaten kaum Konkurrenz aus dem Westen gab. Dies weniger aus ideologischen Gründen als auch ökonomischen, weil im Kommunismus nicht das Geld vorhanden war, Lizenzen westlicher Science Fiction in wesentlichem Umfang zu erwerben. Abgeschottet von der Welt, waren in dieser SF-Wüste Auflagen von hunderttausend Exemplaren auch in Polen möglich, wovon im gegenwärtigen Polen mit einem freiem Buchmarkt nicht mehr zu träumen ist. Schließlich wurde die Science Fiction auch im Kommunismus nicht für ganz voll genommen, was ihr eine gewisse Narrenfreiheit und eine laxere Zensur sicherte, speziell in Polen, wo man es mit der Ideologie nie sehr genau nahm.

Es war also auch leichter als in der „normalen“ Literatur, potentiell gefährliche Dinge zu behandeln und sogar satirische Seitenhiebe auf das System anzubringen, ohne in ernste Schwierigkeiten zu geraten. So entstanden vor allem etliche Grotesken in den Sterntagebüchern und Der Kyberiade, doch wurde jede verschleierte Kritik am östlichen System durch eine ebensolche am westlichen konterkariert, zuweilen platt polemische, wie in Gast im Weltraum und in der für „apokryph“ erklärten 26. Reise der Sterntagebücher. Und notfalls wurde in einem Vorwort, wie in Memoiren in der Badewanne, erklärt, die Ereignisse spielten nicht in einem von Geheimdienst durchdrungenen erkennbar katholischen Land, sondern in einem Amerika des 5. Pentagon. Manche Geschichten gleichen einem Slalom durch verschiedene Ideologien und Philosophien, die nur zu dem Zweck aufgestellt werden, um als Popanze geohrfeigt zu werden. 

Im deutschen Sprachraum feierte Lem seine größten Erfolge, sowohl mit Millionenauflagen beim lesenden Publikum wie bei der Kritik, die ihn zu einem wichtigen Denker erklärte und zu dem Autor, der die Science Fiction aus den Niederungen der Trivialität gerettet hat.

Es ist typisch für den Autor Lem, dass er sich stets auf Gebieten betätigte, auf denen es verhältnismäßig leicht war, als kluger Geist zu gelten, und von denen er sich zugleich „kritisch“ als von schlechter Gesellschaft distanzieren konnte. Das gilt für die Futurologie nicht minder, in deren Revier er mit seinem theoretischen Hauptwerk Summa technologiae eindrang.

Auch in der Futurologie ließ er es sich angelegen sein, über seine Kollegen wie vor allem Herman Kahn zu spotten und herauszustreichen, dass er als Ein-Mann-Unternehmen, ohne Rand Corporation im Hintergrund, isoliert vom Denken der Welt im provinziellen Kraków kühnere Gedanken hatte als sie, obwohl das, was er auf ernsthafte theoretische Weise behandelt, zum Großteil der Science Fiction entnommen ist, das stellare Ingenieurswesen oder die genetische Umgestaltung des Menschen (beides aus Stapledon) nicht minder wie die virtuellen Welten seiner Phantomalogie, die eine häufige Idee in der Science Fiction war, etwa bei Herbert W. Franke.

Die Welt hat das futurologische Vorläufertum Lems kaum zur Kenntnis genommen, so dass er im letzten Jahrzehnt gezwungen war, in zahllosen Artikeln der Welt immer wieder zu erklären, welch bahnbrechende Ideen er schon 1965 hatte, ohne indessen in den Feuilletons der letzten zehn Jahre mit irgendwelchen neuen Erkenntnissen aufzuwarten. Dafür lieferte er banale Wiederholungen in einer fremdwortgeladenen Sprache. Nicht zuletzt ist er als Schöpfer quasi-wissenschaftlicher Neologismen berühmt.

Als populärwissenschaftlicher Autor ist Stanisław Lem jemand, der eine Schaufel nie eine Schaufel nennt, wenn er sie ein von menschlicher Muskelkraft betriebenes Erdbewegungswerkzeug nennen kann. Aber es hat ihm, zumal in Deutschland, den Ruf eines Denkers, eines Philosophen unter den SF-Autoren und eines Autors futurologisch orientierter Science Fiction eingetragen. In der Naturwissenschaft hätte Lem schwerlich reüssiert, weil es ihm an elementarer Beobachtungsgabe fehlt, wofür eine Anekdote trefflich zeugt, die Christian Graf von Krockow in seinen Erinnerungen Zu Gast in drei Welten überliefert, der 1982/83 mit ihm ein Jahr am Wissenschaftskolleg zu Berlin verbrachte. Bald nach seiner Ankunft erschien Lem bei ihm und erklärte, er müsse wieder abreisen. 

„Um Himmels Willen, Herr Lem, warum denn?“ „Weil vor mir ein Schwein hier gehaust hat. Ja, ein Schwein, ein Schwein. Ich brauche meine Badewanne, sonst fällt mir nichts ein. Aber ich kann sie nicht benutzen.“ „Und was hindert Sie?“ „Der dunkle Drecksrand in der Wanne. Dieser Kerl hat ihn nicht entfernt, und jetzt ist er eingefressen. Seit drei Tagen scheuere ich schon, mit den schärfsten Mitteln, die ich in der Stadt finden konnte, und kriege ihn nicht weg.“ Ich versprach, mich sofort um die Sache zu kümmern und holte den Hausmeister. Gemeinsam betraten wir das Badezimmer. „Sehen Sie da, dieser dunkle Rand – dieses Schwein!“ empörte sich Lem einmal mehr. Der Hausmeister und ich sahen uns an, und ich sagte: „Gestatten Sie, Herr Lem, dass ich die Lampe anstoße?“ Sie schaukelte – und mit ihrem Schirm die Dunkelheit in der Wanne. Drei Tage lang hatte der berühmte Science-Fiction-Autor einen Schatten gescheuert.“

Mit Lems Menschenbeobachtung steht es ähnlich, und in der allgemeinen Literatur wäre er mit seinem bescheidenen psychologischen Verständnis kaum über die Klischees der Trivialliteratur hinausgekommen, während philosophische Essayistik kaum ihren Mann ernährt. So blieb fast zwangsläufig die Science Fiction, in der Lem nun allerdings zu den Größten in der Welt gehört, auch wenn er in Deutschland im Unterschied zur übrigen Welt, gewaltig überschätzt wird, vergleichbar hierin etwa Ephraim Kishon als Humorist, der in Deutschland ein Bestseller ist, während er im benachbarten Holland oder im englischen Sprachraum praktisch unbekannt ist, wiewohl manche seiner Bücher nur auf dem Umweg über das Englische ins Deutsche gefunden haben.

Lems  bekanntester SF-Roman ist, nicht zuletzt dank des brillanten Tarkowski-Films, Solaris, aber auch dieses intellektuell hochgeladene Buch verdankt seine Beliebtheit wohl eher einem fundamentalen Missverständnis oder auch einer Täuschung.

Solaris ist dasjenige Buch Lems, das wissenschaftstheoretisches Erzählen mit einem berührenden menschlichen Problem verbindet. Jener Ozean, der den Planeten Solaris bedeckt und den Wissenschaftlern, die in ihrer Station über dem Planeten schweben, als unaufhörliches Happening die merkwürdigsten Transformationen vorführt, welche zu den verschiedensten Auslegungen Anlass gegeben haben, materialisiert auch, aus den Bewusstseinsschichten der Solaris-Wissenschaftler heraus, deren tiefste Schuld. Für den Helden Kris Kelvin ist es Harey, jene Frau, die er einst, es mag seine Schuld gewesen sein oder auch nicht, durch Selbstmord verloren hat. Sie kehrt zurück, vom Ozean neu erschaffen, und nun vermag Kelvin an die alte Liebe anzuschließen, doch wird diese Hervorbringung des Ozeans schließlich vernichtet, und am Schluss wartet Kelvin, ein kosmischer Tristan, auf die Rückkehr der Frau, weil die „Zeit der grausamen Wunder“ noch nicht um sei.

„Und wenn er nicht gestorben ist, wartet er heute noch“, hat Günter Kunert in der FAZ sarkastisch kommentiert. Freilich hat diese bittersüße Liebesgeschichte eine ganz andere Bedeutung, als es den Anschein hat, denn Harey, dieses vom gottähnlichen Ozean erzeugte Geschöpf, ist in Wahrheit in informationeller Hinsicht ja ein Geschöpf Kris Kelvins, nach seinen Erinnerungen geschaffen, geschaffen nicht nach dem, was sie wirklich war, sondern nach seinem Bild von ihr, und ist damit ein Produkt seines Narzissmus: der Protagonist ist imstande, sie zu akzeptieren (nachdem er sie zuerst kurzerhand in eine Rakete gesetzt und ins All geschossen hat, aber sie kommt wieder, wie in den Vampir-Filmen), denn er liebt nicht die wahre Harey, sondern sein Bild von ihr, was eine ganz andere Geschichte ist.

Ähnlich sind die Theorien über den Ozean, mit denen der Roman reichlich aufwartet, keine genuin wissenschaftlichen Theorien, sondern mystische Konstrukte wie von einem Gott in „statu nascendi“, die nach ganzheitlichen Interpretationen der Welt abzielen, aber nicht auf beschränkte, vorläufige, genau definierte wissenschaftliche Erkenntnisse.

Lem scheint daher weniger als Wissenschaftstheoretiker oder Philosoph von Bedeutung zu sein denn als ungemein schöpferischer Autor von Lügenmärchen, die in der Tat oft philosophische Fragen aufwerfen oder an wissenschaftlichen Gedankengängen festgemacht sind; er ist ein Flunkerer, der häufig wirklich fruchtbar Dinge zur Sprache bringt, ohne aber Antworten zu geben, und der zwischen den verschiedenen Weltanschauungen und Glaubensrichtungen nicht ohne Frivolität navigiert, ohne sich festzulegen, was nicht zuletzt auch seiner Biographie eines mitteleuropäischen Intellektuellen im Osten Polens zwischen Faschismus und Kommunismus zuzuschreiben sein mag, der keineswegs imstande war, sich in weiser Distanz von einer kosmischen Warte aus irdische Angelegenheiten zu betrachten, sondern in sie verstrickt bleibt, ohne indes eine festen moralischen Standpunkt als archimedischen Punkt einzunehmen oder zu gewinnen. Motive wie Masken, Labyrinthe, Tarnungen, Kryptogramme sind häufig in seinem Werk; die Einsamkeit des Menschen, die Unfähigkeit zur Kommunikation mit anderen Wesen, die Nicht-Erkennbarkeit der Welt scheinen in letzter Hinsicht Ausfluss der bedrückenden politischen Konstellationen zu sein, unter denen der Autor zu leben gezwungen war.

Fortsetzung folgt.

Siehe auch: Scheerbart und die Possenhaftigkeit der bürgerlichen Gesellschaft: Phantast mit Weitblick

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