Digitale Coolness kaschiert Narzissten-Herrschaft

Dr. Hare verortet bei Konzernen – bei großen Mittelständlern ist das nicht anders – einen Hang zum Größenwahn, wenn sie ständig behaupten, die Nummer eins zu sein.

Auf Bill McDermott folgte bei SAP bekantlich eine Doppelspitze. Seit Oktober sind Jennifer Morgan und Christian Klein Co-CEOs. Für Business Insider ein Zeichen für den Abschied vom Alphatier in der Führungsetage. So wird Jürgen Weibler zitiiert, Professor für Personalführung an der Fernuniversität in Hagen und Blogautor bei Leadership Insiders:

„Die Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen, sehr personenfokussierten Führungsstilen ist extrem hoch. Wir sehen deshalb mehr Experimente mit Co-Leadership.“

Vielen erscheine die Rolle des Vorstandschefs als Alleinherrscher angesichts der wachsenden Komplexität der Aufgaben einfach nicht mehr zeitgemäß. „In der jüngeren Generation ist die Bereitschaft größer, eine solche Konstellation [als Co-Geschäftsführer] einzugehen“, so Weibler gegenüber Business Insider.

So seien es vor allem Tech-Unternehmen, die mit den gewohnten Hierarchien brechen. 

Ich sehe diesen Trend noch nicht einmal in Ansätzen – zumindest nicht in der Wirtschaft. Die Entscheidung von SAP finde ich klasse. Doch das ist die große Ausnahme. Es dominieren nach wie vor Macho-Chefs, auch wenn sie sich in der Öffentlichkeit anders inszenieren:

Was sich in der Wirtschaft hinter einer Fassade der digitalen Modernität abspielt, ist die heuchlerische Inszenierung des Peinlichen und Absurden. Man vermittelt das Glaubensbekenntnis, lockere Netzwerke seien offener für grundlegende Umstrukturierungen als die überkommenen pyramidalen Hierarchien, die die Ford-Ära der industriellen Massenproduktion beherrschten. Die Verbindung zwischen den Knotenpunkten ist loser, man verzichtet auf Krawattenzwang, verordnet das kollektive Duzen und produziert kecke Imagevideos für Youtube – fertig ist die vernetzte Metamorphose. Hinter den Plattitüden der digital-darwinistischen Führungskräfte wuchert weiterhin eine bürokratische Mikroherrschaft, kaschiert mit einer durchsichtigen und schmierigen Onkelhaftigkeit.

Psychopathie-Diagnose

Fast jeder durchschaut dieses Spektakel. So beschreibt der Psychologe Dr. Robert Hare die Einstellungen und Handlunge vieler Führungskräfte im Unternehmen als psychopathisch.

Es gilt, „Konkurrenten zu vernichten oder auf die eine oder andere Weise zu schlagen. Sie zerbrechen sich nicht lange den Kopf darüber, wie sich ihr Verhalten auf die breite Öffentlichkeit auswirkt, solange die Leute die Produkte des Unternehmens kaufen.“ 

Große Unternehmen unterliegen komplett der Psychopathie-Diagnose von Hare. Sie handeln unverantwortlich, weil bei der Verfolgung ihrer Ziele jeder gefährdet ist, der ihnen in die Quere kommt. Sie versuchen, alles und jeden zu manipulieren, einschließlich der öffentlichen Meinung. Im Social Web wird das mit dem Weihrauch digitaler Coolness kaschiert. Hare verortet bei Konzernen – bei großen Mittelständlern ist das nicht anders – einen Hang zum Größenwahn, wenn sie ständig behaupten, die Nummer eins zu sein.

Asoziale Neigungen sind ebenfalls typisch und die Unfähigkeit, Schuldgefühle zu empfinden. Wenn sie wie VW bei einem Gesetzesverstoß erwischt werden, zahlen sie den Ablass und machen unbeirrt weiter. Bei Großunternehmen regieren oberflächliche Kontakte: Ihr einziges Ziel besteht darin, sich der Öffentlichkeit auf eine Weise zu präsentieren, die anziehend wirkt, aber nicht kennzeichnend für ihre wahre Natur sein muss“, so Hare.

Das zählt zu den herausragenden Kennzeichen von Psychopathen. Sie sind berüchtigt für ihre Fähigkeit, ihre egozentrische Persönlichkeit hinter einer einnehmenden Fassade zu verbergen. Man braucht nur auf die unrühmliche Geschichte des Energiekonzerns Enron blicken, die sich mit großzügigen Unterstützungen von Kommunen, Kunstprojekten, Museen, Bildungseinrichtungen und Umweltschutzgruppen hervortaten. Am Ende brach der Wohltätigkeitsaktionismus unter der Last von Habgier, Überheblichkeit und krimineller Energie zusammen.

Ich würde ja gerne auch einen Abgesang auf Macho-Chefs schreiben. Das ist wohl nur eine romantische Illusion.

Siehe auch: Das deutsche Speedfactory Märchen von @adidas

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