Demokratisierung in Unternehmen durch digitale Tools – Eine Recherche

Gabriel Rath diskutierte auf dem IOM Summit in Köln mit Fabian Schütz (Otto), Harald Schirmer (Continental), Julia Wieland (SMA) und Alexander Kluge (Kluge Konsorten) über die Entwicklung des Digital Workplace. Seine These dabei war, dass man durch den konsequenten Einsatz von digitalen Collaboration-Tools eine Demokratisierung in Unternehmen anstoßen könnte.

„Mein Punkt ist, dass Social Media sowohl im Bereich der internen als auch der externen Kommunikation für mehr Beteiligung sorgen – wenn sie richtig genutzt werden. Denkt man zurück an den arabischen Frühling erkennt man die Kraft, die sozialen Medien entfalten können. Auch eine Greta hätte es ohne Social Media vermutlich nicht gegeben. Auch im Bereich Marketing und Werbung hat der Kunde seit Facebook, Twitter & Co endlich ein demokratisches Mitspracherecht“, erläutert Gabriel Rath.

Durch Social Tools erlebe man einen deutlichen Shift in der Kommunikationskultur. „Früher liefen Informationen gefiltert von oben nach unten und der Mitarbeiter war nur Empfänger. Heute sind Mitarbeiter auch Sender, können Ideen einbringe, Feedback geben und Initiativen starten. Wir erleben das bei der OstseeSparkasse Rostock auch in unserem Enterprise Social Network ‚OSPA Connect‘. Seit gut vier Jahren gibt es die Möglichkeit für jeden Mitarbeiter, Communitys zu starten, Blogs und Wikis zu starten, zu kommentieren und zu empfehlen. Diese neue Freiheit, sichtbar zu werden und eigene Impulse zu setzen, möchten die Kollegen nicht mehr missen. Leider ist dieser Fall in der Sparkassenwelt (noch) eine Seltenheit.“

Den Demokratisierungseffekt über Tools hatte ich in meiner Angestelltenzeit bei o.tel.o als Leiter der Unternehmenskommunikation getestet. Das war 1997/98.

So glaubte der Vorstand von o.tel.o, mit dem Intranet könne man nur die Informationen streuen, die von der Kommunikationsabteilung zugelassen werden. Dabei hatten wir ein wenig anarchisch mit dem Produkt „Backweb“ elektronische Agenten eingeführt, mit denen jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter eigene Informationsmenüs festlegen konnte. Vom Betriebsrat bis zu Spiegel Online wurden die Inhalte automatisch zur Verfügung gestellt, wie auf einer Menükarte. Dazu gehörten auch Meldungen von Presseagenturen. Trotzdem wollte der Vorstand Agenturmeldungen über Verkaufsgerüchte nicht ins Intranet stellen. Begründung:

„Das könnte die Mitarbeiter verunsichern.“

Die o.tel.o-Belegschaft war dann aber verunsichert, weil die Meldungen nicht direkt von der internen Kommunikation verbreitet wurden. Spätestens auf der Rückfahrt ins eigene Heim trällerten die Hiobsbotschaften über WDR 2 oder waren am Frühstückstisch in den Lokalzeitungen nachzulesen. Der Vorstandschef hätte das direkt über Backweb kommentieren können, dann wäre die Belegeschaft etwas weniger zornig gewesen.

Taktstock-Kommunikation

In einem Arbeitskreis für Unternehmenskommunikation, in dem ich das Programm Backweb vorstellte, gab es einen heftigen Streit über die Möglichkeiten der Belegschaft, ohne Filter und Weichzeichner direkt externe und interne Informationen zu erhalten. Einige witterten bei dieser Tagung in den Räumen der Deutschen Bank Anarchie und Revolution (jetzt könnt Ihr raten, wer da ausgerastet war….). Andere sahen ihren Arbeitsplatz gefährdet, weil sie ihrer Funktion als Schönredner nicht mehr nachkommen konnten und pochten auf die Bewahrung ihres Informationsmonopols. Mich hat nicht gewundert, dass in der Mitarbeiter-Zeitschrift der Deutschen Bank der damalige Vorstandschef Breuer grinsend mit Taktstock abgebildet wurde mit der sinnigen Unterzeile: „Breuer gibt den Takt an“.

Die PR-Chefin von Mannesmann-Arcor reagierte nach der Übernahme von o.tel.o etwas entgeistert auf meine kritische Würdigung ihrer internen Propagandafibeln. Die Dame hatte eine Vorliebe für Firmenjubiläen, Rätselecken und Passfotos ihres übergewichtigen Vorstandsvorsitzenden. Das seien Management-Konzepte von vorgestern, sagte ich in der ersten Besprechung. Sie erwiderte, man habe halt viele Mitarbeiter der Bahn-Tochter übernommen und da seien eben Jubiläen wegen der Betriebszugehörigkeit an der Tagesordnung. Ich sagte, so etwas könne man auch digital abbilden. Die Dame verließ mein Büro und ich konnte bis zu meiner Freistellung am Werder-Bremen-Profi-Kicker spielen und mit Kolleginnen und Kollegen über die Abfindungskonditionen sinnieren. So eine Fusion hat ja auch positive Seiten – meine Leistungsfähigkeit am Kicker war Ende der 1990er Jahr auf dem Höhepunkt. Mittlerweile bin ich froh, wenn ich überhaupt den Ball treffe.

Ich würde das Tool-Thema gerne vertiefen und suche weitere Beispiele sowie Interviewpartnerinnen und Interviewpartner. Bitte bei mir melden.

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