Sprunginnovationen jenseits des Silicon Valley-Turbokapitalismus: Ideen von @rafbuff – Eure Meinung #Zukunftstaucher

Ein Innovator zeichnet sich vor allen Dingen durch die Kunst der Kombinatorik aus. Innovationen entstehen eben nicht nur durch Erfindungen. Nachzulesen in: Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums – Zur Aktualität von Joseoph A. Schumpeter

Der ökonomische Mainstream – ob nun in der BWL oder in der VWL – versagt kläglich bei der theoretischen Fundierung von Entwicklungsdynamiken. Und das ist nach dem Philosophen Immanuel Kant eben keine gute Theorie – eine Theorie mit der sich praktisch arbeiten ließe, um Entwicklung zu fördern. 

Die herrschende ökonomische Lehre bietet nichts an, um Entwicklungsprozesse zu erklären oder anzustoßen: „Sie ist leer und nichtssagend, soweit sie richtig ist, und falsch, soweit sie etwas sagt“, schreibt der Joseph Schumpeter in seiner Entwicklungstheorie vor über hundert Jahren. In dieser Sichtweise dominiert das Routineunternehmen:

„Es ist das Anwenden dessen, was man gelernt hat, das Arbeiten auf den überkommenden Grundlagen, das Tun dessen, was alle tun. Auf diese Art wird nie ‚Neues‘ geschaffen, kommt es zu keiner eigenen Entwicklung jedes Gebietes, gibt es nur passives Anpassen und Konsequenzenziehen aus Daten“, bemerkt Schumpeter. Wir vertiefen das in unserem Bonn-Duisdorfer Schumpeter-Abend:

Kein Unternehmen könne dauerhaft existieren und keine Volkswirtschaft den Lebensstandard ihrer Bürger erhalten, geschweige denn erhöhen, wenn nur die Kosten verringert, aber keine neuen Märkte mit neuen Gütern erschlossen werden, warnt der Schumpeter-Forscher Jochen Röpke:

„An welchen Universitäten, in welchem MBA-Programm lernt man Disruption? Und disruptiv wollen die Absolventen auch nicht tätig sein, sonst würden sie nicht in die ‚Industrie’ gehen, sondern ihr eigenes Unternehmen hochziehen. Ihr universitäres Wissen ist ausgerichtet auf die Problemfälle inkrementellen Managements“, schreibt Röpke in seinem Buch „Reisen in die Zukunft kapitalistischer Systeme (Co-Autor Ying Xia). Wirkliche Innovationen, Neukombinationen und umwälzende technische Erfindungen gehen in erster Linie von neuen Unternehmen aus. 

Die Alternative zu immer billiger, immer flexibler ist die Erzeugung einer neuen Welle von Neukombinationen, einer neuen Basisinnovation. Ansonsten verharren wir in der Logik der DAX-Konzerne – höhere Gewinne durch niedrigere Löhne, Stellenabbau, niedrigere Steuern und Auslagerung. Wie will sich da nun die Regierungsagentur für Sprunginnovationen positionieren? Im Gespräch mit Technology Review (November-Ausgabe ist gerade erschienen) gibt Gründungsdirektor Rafael Laguna de la Vera ein paar Antworten.

Laguna sei tief in der Open-Source-Szene verwurzelt. So war er 2005 an der Gründung der Open-Xchange AG beteiligt und übernahm 2008 deren Leitung. Das Unternehmen bietet Open-Source-Software und Software-as-a-Service an.

Auf die Frage, ob sein Open-Source-Hintergrund bei der Berufung eine Rolle gespielt habe, antwortet er: „Ich denke, ja. Wir müssen unseren deutschen beziehungsweise europäischen Weg der Innovationen finden.“ Diesen sieht er in einer „Antithese zur Silicon-Valley- oder zur China-Version des Internets“.

Open Source sei der europäisch-humanistische Weg der Digitalisierung. „Denn wenn Sie wirkliche Souveränität wollen, müssen Sie die Wahl haben zwischen mehreren Anbietern, ihre Daten mitnehmen können und Anbieter haben, denen Sie vertrauen können, weil sie quelloffene Software einsetzen.“

Disruptive Innovationen amerikanischer Prägung sollen laut Laguna nicht uneingeschränkt als Vorbild dienen: „Es gibt viele Beispiele, die sich nicht ganz im Rahmen bestehender Gesetze bewegen. Diese turbokapitalistischen Silicon-Valley-Systeme wollen ja auch den Staat gleich mit ersetzen“, sagt Laguna im TR-Interview. „Unsere europäisch-humanistische Antwort darauf sollte sein: Aber bitte schön noch im System. In diesem Kontext kann man aber ganz doll sprunginnovieren – zum Beispiel die turbokapitalistischen Plattform-Geschäftsmodelle, die auf Monopolisierung ausgerichtet sind. Lasst uns doch mal die disruptieren und den Wohlstand aus den Monopolen umverteilen, das wäre doch viel cooler.“

Erste Idee: Man könnte ja Open Source-Sprunginnovationen fördern, die den Staat in die erste Liga der Netzökonomie bringen – besonders den Bund 😉

Wir hatten das ja im Bikini Berlin verhandelt: „Freier Code für freie Bürger“

Siehe auch: #BestofLivestreaming2018 KI-Debatten, Staat als Open Source-Vorreiter und offene Formate in der Bildung

Eure Ideen für Sprunginnovationen sind gefragt.

5 Gedanken zu “Sprunginnovationen jenseits des Silicon Valley-Turbokapitalismus: Ideen von @rafbuff – Eure Meinung #Zukunftstaucher

  1. Pingback: #Zukunftstaucher – Kescher Nr. 2 | Aktuelle Zukunftsmeldungen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft vom 18.10.2019 - cooppa

  2. Danke für diesen schönen Artikel.

    Meine Sicht geht einen Schritt weiter. Die öffentliche Verwaltung hat ein Nachwuchsproblem. Und daher könnte Software manuelle und transaktionsorientierte Tätigkeiten weitestgehend ersetzen. Das würde wiederum erfordern, dass der Staat die Digitalisierung oder IT nicht als Werkzeug, sondern als unverzichtbaren Teil der eigenen Wertschöpfungskette ansieht.

    Konsequent zu Ende gedacht bedeutet es, dass die Verwaltung auf den Ebenen Bund und Land zu einem Softwareunternehmen werden müsste. Denn Software durchdringt die Welt und die eigenen Kernprozesse müssen selbst gestaltet werden. Open Source ist die Basis dafür.

  3. Vielen Dank für den Artikel.

    Wer Schumpeter liest, der weiß, dass Schumpeter nicht einfach wirtschaftstheoretisch Innovation begründet, sondern, dass seine Arbeit tief in der europäischen Kultur verwurzelt ist. Wer bei Schumpeter danach fragt, wird z.B. Nietzsche, Hölderlin oder Hegel finden, wenn er/sie sich mit der schöpferischen Zerstörung oder Kondratjew Zyklen auseinandersetzt. Also, Philosophie und Literatur als Referenz. Das ist es, was mir persönlich heute wirklich fehlt. Technologie oder Wirtschaft, die Innovation auf Basis von Imagination und Poesie gründet. Der Begriff Disruption z.B., so wie ihn Christensen nutzt, führt diese Fähigkeit nicht mit sich und fällt hinter Schumpeters Begriff der Innovation sogar zurück. Wenn wir also Träume, Poesie und Kunst als Basis unserer Imagination begreifen und das auch (in der Schule) lernen, dann kann etwas Wunderbares daraus entstehen. Sowohl theoretisch als auch ganz praktisch. Denn wir haben diese Form des Denkens, Handelns und Kommunizierens schon lange in unserer Kultur. Und noch nie war die Gelegenheit und auch die Notwendigkeit größer Mathe und Poesie, KI und Philosophie oder Open Source und soziale Verantwortung zusammenzudenken.

  4. gsohn

    Wichtiger Punkt. An einer Persönlichkeit wie Steve Jobs kann man das sehr gut festmachen. Er hatte kongeniale Züge. Zudem überschätzt so eine Bundesagentur die Relevanz von exogenen Faktoren. Hier unterscheidet sich ja Schumpeter deutlich von Keynes.

  5. Pingback: Eure Fragen an die Agentur für Sprunginnovationen? | #Zukunftstaucher

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