Keynes, Schumpeter und die Rolle von Innovationen in der Ökonomik

John Maynard Keynes hat dem ehrgeizigen intellektuell-disruptiven Entrepreneur Joseph Schumpeter zweimal, ohne es selbst zu ahnen, den Erfolg vereitelt. Darauf verweist Heinz D. Kurz in einem Essay unter dem Titel: „Schumpeter im sozialwissenschaftlichen Pantheon“:

„Durch die Veröffentlichung des ‚Treatise on Money‘ machte er das kurz vor der Fertigstellung stehende Werk Schumpeters ‚Vom Wesen des Geldes‘ zu Makulatur. Und seine „General Theory of Employment, Interest and Money“ von 1936 (mit einem höchst fragwürdigen Vorwort in der deutschen Ausgabe, gs) verwies die 1939 erscheinenden ‚Business Cycles‘ ins Halbdunkel des Wissenschaftsbetriebs. Schumpeter blieb es zu Lebzeiten versagt, aus dem Schatten seines Kontrahenten in Cambridge herauszutreten.“

Wie nur, fragt sich ein um Fassung ringender Schumpeter, konnte Keynes mit einer das Kernelement der wirtschaftlichen Entwicklung ausklammernden Analyse ein derart großes Gehör seitens der ökonomischen Profession finden?

Makroökonomen würden sich nur mit Aggregaten beschäftigen, also mit der Gesamtsumme der Mittel, die Volkswirtschaften für den Konsum und für Investitionen aufwenden. Einzelne Unternehmer, Firmen, Branchen, Konsumenten, die Rolle von staatlichen Institutionen und die Wirkung von Gesetzen verschwinden aus dem Blickfeld. Vor allem die Rolle von Innovationen werde heruntergespielt, bemängelt Schumpeter.

Die herrschende ökonomische Lehre biete nichts an, um Entwicklungsprozesse zu erklären oder anzustoßen: „Sie ist leer und nichts sagend, soweit sie richtig ist, und falsch, soweit sie etwas sagt“, schreibt Schumpeter in der Entwicklungstheorie schon im Jahr 1911 (Seite 471 in der Neuauflage aus dem Jahr 2005). Wissenschaft und Wirtschaftspolitik setzen einseitig auf exogene Faktoren bei der Steuerung des Wirtschaftslebens. Aktuell zu bewundern bei der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Betrachtet wird der Wald – ignoriert werden einzelne Bäume. In der schumpeterschen Theorielogik existieren zwei theoretische und empirische Parallelwelten: der statische Kreislauf und das Innovationssystem.

Während im statischen System Änderungen von außen angestoßen werden – beispielsweise über die Politik des billigen Geldes, über Subventionen oder Steuersenkungen – ist dies im sich entwickelnden System völlig anders: „Entwicklung entsteht im System selbst, aus der Wirtschaft selbst heraus, endogen, sich selbst herstellend, ist ein autopoietischer Prozess, sich unaufhörlich reproduzierend“, schreibt Jochen Röpke in der Einführung der Schumpeter-Frühschrift „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“.

Die Außenwelt interessiert dabei nicht – siehe die Erfolglosigkeit der EZB-Geldpolitik. Die Ursachen der Entwicklung müssen „aus der Wirtschaft selbst erklärbar sein“, erläutert Schumpeter auf Seite 168.

Der technische Fortschritt fließt in der Mainstream-Ökonomie als reine „Datenänderung“ in die Analyse ein. Sozusagen ein unternehmerloser Automatismus.

In diesem statischen Modell gibt es keine relevanten Unterschiede im wirtschaftlichen Handeln verschiedener Mitglieder einer Volkswirtschaft. In dieser Sichtweise dominiert das Routineunternehmen: „Es ist das Anwenden dessen, was man gelernt hat, das Arbeiten auf den überkommenden Grundlagen, das Tun dessen, was alle tun. Auf diese Art wird nie ‚Neues‘ geschaffen, kommt es zu keiner eigenen Entwicklung jedes Gebietes, gibt es nur passives Anpassen und Konsequenzenziehen aus Daten“, bemerkt Schumpeter auf Seite 125. Hier liegen vielleicht die wichtigsten Unterschiede zum Mainstream und auch zu Keynes.

Kurz sieht zu recht auch Gemeinsamkeiten zwischen Schumpeter und Keynes: Bei genauerem Vergleich der Werke der beiden Revolutionäre erkenne man, dass sie neben vielem Trennenden auch so manches Gemeinsame aufweisen. „Beide kritisieren die damalige ökonomische Orthodoxie, beide weisen die Vorstellung einer Dichotomie von monetärer und realer Sphäre zurück, beide lehnen die These ab, der Zinssatz bringe Investitionen und Ersparnisse zum Ausgleich, und beide räumen den Investitionen das Primat gegenüber den Ersparnissen ein. Wer aber dies tut, der kann nicht das Keynesʼsche Prinzip der effektiven Nachfrage samt und sonders ablehnen, und wer sich (wie Keynes) auch für die lange Frist interessiert, der kann nicht den Schumpeterʼschen Prozess der schöpferischen Zerstörung außer Acht lassen.“ Sehr richtig.

Zudem ist Schumpeter wohl heute wesentlich populärer als Keynes:

„Arthur M. Diamond Jr. hat unter dem verheißungsvollen, auf ein Zitat von Keynes zurückgreifenden Titel ‚Schumpeter vs. Keynes: In the long run not all of us are dead‘ Zeitreihen von Zitierungen der beiden in der Literatur für die Jahre 1956 bis 2006 zusammengestellt. Diese sind inzwischen von John Dalton und Lillian Gaeto bis ins Jahr 2017 fortgeführt worden. Ab den späten 1980er Jahren weist Schumpeter hartnäckig Jahr für Jahr größere Gesamtzahlen an Zitierungen auf als Keynes“, resümiert Kurz.

In unserer Schumpeter-Session am 28. Oktober werden wir das auch für 2019 weiter befördern. Sieht man sich in Bonn-Duisdorf? Eintritt ist frei.

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