Die liebewertesten Gichtlinge des Managements und ihre Selbstüberschätzung

Spöttischer Geist François Rabelais: Geistiger Vater der liebwertesten Gichtlinge!
Auf Facebook bekommt man ja regelmäßig Hinweise auf Postings, die man in den vergangenen Jahren veröffentlichte. Heute gab es einen Rückblick auf den 6. Oktober 2015. „Stichworte meiner morgigen Kolumne für The European Sabotageplan gegen das Management der Selbstüberschätzung – Über das Nichtwissen von Führungskräften – Ego-Management im Schummel-Modus – Das „allein richtige“ System – Aura der Unbesiegbarkeit als Fantasie-Produkt.“ Thematisch ist das ja nach wie vor aktuell. Die Gichtlingskolumne habe ich mit ganzer Leidenschaft geschrieben in einer Zeit, als Alexander Görlach das Debattenmagazin verantwortete und ein frischer Geist wehte. Das hat sich unter dem Herausgeber Wolfram Weimar leider geändert, so dass ich meine Kolumne „Liebwerteste Gichtlinge“ beendete. Das Alternativprojekt „Die Kolumnisten“, wo sich viele ehemalige The-European-Autoren wiederfanden, hatte mich nicht so recht überzeugt.

Eigentlich wäre es sehr schön, meine wöchentliche Gichtlingskolumne wieder aufleben zu lassen. Das funktioniert hier auf ichsagmal.com nicht so richtig. Man braucht schon ein Umfeld mit anderen Autoren. Bei den Netzpiloten, wo ich eigentlich eine neue Kolumne unter dem Titel „Das Notiz-Amt“ etablieren wollte, ist man zu einer monatlichen Erscheinungsweise gewechselt. Der Titel der Kolumne spielte dort nie eine Rolle und ist auch nirgendwo hervorgehoben worden, so dass ich irgendwann aufgehört habe, das Notiz-Amt zu erwähnen. Dabei war die Idee für die Kolumne gar nicht so schlecht.

Aber eine Sache kann ich ja hier regelmäßig machen: Frühere Veröffentlichungen aufleben lassen!

Ich fange mit der Geschichte über das Nichtwissen von Führungskräften an. Titel der Gichtlingskolumne, die am 7. Oktober 2015 publiziert wurde:

Management der Selbstüberschätzung

Wir halten an dem Glauben fest, dass Manager überlebensgroße Macher sind, die die Geschicke von Firmen und Konzernen maßgeblich lenken und leiten – aber was hat das mit der Realität zu tun?

Der Volkswagen-Skandal (so lange diskutieren wir nun schon über die Diesel-Skandal, gs) unterstreicht mit aller Deutlichkeit, wie angreifbar der industrielle Kern in Deutschland mittlerweile ist. Über die Ursachen können wir lange philosophieren. Gunter Dueck sieht die Sucht in Konzernen, Zahlen zu machen: „Angetrieben von der Leistungsgesellschaft manipulieren wir unsere Bilanz: Wir schummeln, schönen und geben an.“

Ego-Management im Schummel-Modus

Führungskräfte perfektionieren Methoden der Täuschung, sie bauen Fassaden, basteln an netten Fünfjahres-Verträgen mit horrenden Abfindungssummen, suchen Sündenböcke, wenn mal etwas schief geht, hauen andere in die Pfanne und erfinden für dieses Ego-Management nette Fantasie-Namen wie Reengineering, Shareholder Value-Management oder Scorecard-Leadership-Schnick-Schnack.

„Es beginnt das ‚Tower-Denken’ und die Burgmentalität. Die Leistungen des Ganzen werden dadurch nicht besser. Man wird wohl wieder vom verbliebenen Rest die Unterdurchschnittlichen entlassen müssen.“

Eine Todesspirale, schreibt Dueck in seinem Buch „Supramanie – Vom Pflichtmenschen zum Score-Man“. Die Bilanzskandale in einigen großen amerikanischen Firmen waren dafür das erste Leuchtfeuer einer Entwicklung, die auch vor den Toren der „weltweit führenden“ Industrie-Riesen in Deutschland nicht halt macht.

Das „allein richtige“ System

Diese Systeme leben noch mit ihrer Taylorseele, erläutert Dueck. Gemeint ist Frederick Winslow Taylor (1856 bis 1915), der das „Scientific Management” begründete, also die wissenschaftliche Betriebsführung. Der Taylorismus studiert und plant die genauen Zeit- und Arbeitsverläufe. Es wird für Arbeiten eine „allein richtige“ Bewegungsfolge gefunden. Die Einhaltung dieser allein richtigen Bewegungsfolge wurde von sogenannten Funktionsmeistern ständig kontrolliert.

Dieses Wissen um die „allein richtigen Bewegungsabläufe“ erscheint in amtlich vorgeschriebener Ziegelstein-Form („allein richtig”) in Lehrplänen, Managementkursen, Standardlehrbüchern, e-Learning-CDs. „Wissen wird in Ziegelsteine verwandelt, schön genormt. Das sind die sogenannten Lektionen, Lehreinheiten, Kursmodule. Daraus bauen die Wissensmitarbeiter Mauern für Systeme. Die Menschen müssen die vorgeformten Wissensbausteine schlucken. Sie lernen und pauken und speichern alles auf ihrer Festplatte, wo es abgerufen werden kann, um wirksam zu werden“, führt Dueck aus. So denkt das Taylorhirn. In Wahrheit wird heute aber kein Wissen mehr fertig (permanent Beta, so das Motto der Zukunft Personal im Jahr 2019).

Aura der Unbesiegbarkeit als Fantasie-Produkt

Was die Taylorianer immer schon unterschätzt haben, sind die Faktoren Zufall und Glück. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman hat das in seinem Buch „Schnelles Denken Langsames Denken“ so trefflich geschildert. Besonders von Top-Managern wie Winterkorn wird die Rolle von Können und Geschick maßlos überbewertet (was aus den Winterkorns dieser Welt nun wird, hat man ja mitverfolgen können, gs). Sie landen in der Falle der Maßlosigkeit und der Selbstüberschätzung. So wollten die Google-Gründer nach einem Jahr ihr Unternehmen für eine Million Dollar verkaufen, aber dem potenziellen Käufer war der Preis zu hoch und der Deal platzte. Weil jede folgende Entscheidung des Suchmaschinen-Giganten mehr oder weniger positiv ausging, deutet die Geschichte auf ein beinahe makelloses Vorauswissen hin – „aber Pech hätte jeden einzelnen der erfolgreichen Schritte zunichtemachen können“, bemerkt Kahneman. Die Aura der Unbesiegbarkeit und des Heldentums im Management ist in Wahrheit ein Werk der Göttin Fortuna.

In der Rückschau neigen wir zu Scheinkorrelationen, die sich bei eingehender Betrachtung als Hirngespinst herausstellen. Die meisten Vorstandschefs beeinflussen den Erfolg ihres Unternehmens nur minimal. Das interessiert aber die Konstrukteure von Geschichten über Sieger oder Verlierer nur minimal. Das gilt vor allem für die liebwertesten Gichtlinge des Wirtschaftsjournalismus. Man könne sich nur schwer vorstellen, dass sich Menschen in Flughafenbuchhandlungen anstellen würden, um ein Buch zu kaufen, das euphorisch die Methoden von Topmanagern beschreibt, deren Leistungen im Schnitt nur geringfügig über der Zufallsrate liegen, meint Kahneman. Die Öffentlichkeit lechzt nach eindeutigen Botschaften über die bestimmenden Faktoren von Erfolg und Misserfolg im Wirtschaftsleben (und in der Politik, gs), und sie brauchen Geschichten, die ihnen Sinnzusammenhänge vermitteln, auch wenn sie noch so trügerisch oder verlogen sind. Höchste Zeit, dieses Regime der Selbstüberschätzung zu sabotieren.

Auf der “Next Economy Open” machen wir in Bonn den Anfang und entwickeln dafür den Plan B (gestartet als klassische Konferenz im Rheinischen Landesmuseum, machen wir die NEO ja mittlerweile virtuell mit Sub-Events – diesmal vom 26. bis 28. November).

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