Notizen zur Wirtschaftsethik – Bonner #Sommerinterview

In der der Differenz zwischen der „Nützlichkeitsethik“ (teleologische Ethik) von Hobbes und der Pflichtethik (deontologische Ethik) von Kant liegt das Spannungsfeld fast aller Debatten über Wirtschaftsethik

Heute werde ich ja im Bonner Sommerinterview befragt. Sonst ist es andersherum. Christian Thunig wird mir auch Fragen zur Wirtschaftsethik stellen. Hier ein paar Notizen:

Im Gefolge des Werturteilstreits hat sich die Mehrheit der Ökonomen der Ansicht angeschlossen, die Wirtschaftswissenschaften hätten nicht über die Ziele des Wirtschaftens zu befinden, sondern dienten allein einer Aufklärung über den intelligentesten Gebrauch knapper Mittel.

Protagonisten Max Weber/Werner Sombart versus
„Kathedersozialisten“ (Schmoller, Wagner, Knapp) – 1909 Wiener Tagung des Vereins für Socialpolitik)

Weber/Sombart: Es sei niemals Aufgabe der Erfahrungswissenschaft, bindende Normen und Ideale zu ermitteln, um darauf für die Praxis Rezepte ableiten zu können.

Kontrahenten: Wertende Nationalökonomen mit ethisch begründeten sozialpolitischen Empfehlungen – Soziale Frage.

Positionen von Weber/Sombart sind ebenfalls ein Werturteil. Man sieht es bei der Anwendung des Ökonomismus auf alle Lebensbereiche, von Schule bis Medizin. Man merkt es an der Unternehmenskommunikation. Wir werden mit wohlklingenden Versprechungen umworben, also mit Angeberei und haltlosen Behauptungen. Und das führt zu einer fatalen Schieflage:

„In einer Gesellschaft, in der alle öffentlichen Räume von Botschaften überflutet werden, die im Konsumieren die Antwort auf alle Lebensfragen versprechen, hat es ein an Wahrhaftigkeit ausgerichteter Diskurs um das gute Leben schwer. Dies untergräbt die kulturellen Voraussetzungen moralischer und politischer Autonomie“, kritisiert Professor Claus Dierksmeier in seinem Opus „Qualitative Freiheit“.

In der Ökonomik regiert eine scheinheilige Abstinenz bei Werturteilen. Etwa bei der „Konsumentensouveränität“, die einfach die Egozentrik von Einzelentscheidungen aggregiert und sie in der Summe als Wohl der Allgemeinheit ausspuckt. Wie von Geisterhand. Eine mathematische Schimäre, die politischen Reformen im Weg steht – zum Nachteil des Gemeinwohls und zum Vorteil für privilegierte Machteliten.

Man braucht sich nur die Kollateralschäden der Deregulierung anschauen, um die Werturteilsfrage, die in Lehrbüchern fast religiös gepredigt wird, werten zu können. Etwa beim Investment-Banking, beim Buchhaltungsrecht oder im Sicherheitssektor.

Stichworte wie WorldCom-Pleite, Lehman-Untergang, Savings and Loans-Debakel, Enron- Arthur-Andersen-Skandal mögen da ausreichen. Wir könnten jetzt noch VW, Deutsche Bank, Thyssen, RWE und Co. hinzufügen.

Es gibt kein Naturgesetz und keinen Automatismus in der Ökonomik, um für Wohlfahrt zu sorgen.

Es sind qualitative Bedingungen, die auch ganz anders gestaltet werden können, meint der Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch in der Philosophie-Sendung von Richard David Precht.

Auch in Algorithmen und sonstigen Formeln verstecken sich Werturteile, Vorurteile, Annahmen und Fehler: Beispiel Schufa.

Der Mensch ist viel mehr als die Summe von Daten, die die Wirklichkeit gewichten und somit manipulieren. Es gibt in der Ökonomik keine störungsfreie Laborsituation. „Die Wirklichkeit wird durch qualitative Entscheidungen bestimmt“, sagt Lesch. Mit den Methoden der Himmelsphysik, wo im luftleeren Raum alles funktioniert, kommen wir in der Gesellschaft nicht weiter. Jeder ist gefordert, seine Entscheidungen zu begründen und sich nicht hinter Formeln, Kennzahlen, Rankings, aufgeblähten Umsätzen und Renditen zu verstecken. „Es muss grundsätzlich eine Änderung der Ökonomik herbei geführt werden, die nicht mehr von mechanistischen Paradigmen geprägt ist“, fordert Dierksmeier.

Andrew Haldane, Chefvolkswirt der Bank von England, diagnostiziert in seinem Vorwort zur Manchester-Studie anhand des Brexit-Votums und der Finanzkrise einen schweren Reputations- und Realitätsverlust der Volkswirtschaftslehre. Das britische Votum für den EU-Austritt sei gegen den Rat der großen Mehrheit der professionellen Ökonomen erfolgt. „Wenn es je einen Kampf zwischen Ökonokratie und Demokratie gab, dann war es das“, schreibt Haldane.

„Diese Episode macht deutlich, welche Wegstrecke die Ökonomik zurücklegen muss, um die Köpfe der Menschen zurückzugewinnen, von den Herzen ganz zu schweigen“, schließt Haldane. Er führt diese Entfremdung unter anderem auf das Versagen der Ökonomen vor der Finanzkrise zurück. „Unsere Modelle und unsere Sprache haben eine überdimensionierte Rolle in der Gesellschaft gespielt.“ Ökonomik sei zu sehr eine methodologische Monokultur geworden und habe mathematische Eleganz über praktische Relevanz gestellt. „Der Mangel an intellektueller Vielfalt kam unseren Berufsstand teuer zu stehen, als sein einziges Anbauprodukt während der Finanzkrise eine spektakuläre Missernte erbrachte.“

Wirtschaftliche Aktivitäten finden nicht im sozialen Vakuum, sondern in gesellschaftlichen und politischen Kontexten statt. Eigentlich eine recht profane Erkenntnis, die aber in der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft nicht ankommt. Seit ihrer neoklassischen Wende im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts orientiert sich die an den akademischen Wirtschaftsfakultäten fast ausschließlich gelehrte Standardökonomik viel lieber an den Methoden der Naturwissenschaften als an jenen der Sozialwissenschaften, moniert Professor Peter Ulrich im Vorwort des Frank Niessen-Buches „Entmachtet die Ökonomen! Warum die Politik neue Berater braucht“:

„Dementsprechend versucht sie tatsächlich so etwas wie eine naturgesetzlich gedachte Sozialphysik zu entwerfen: eine Lehre von kontextfrei geltenden ökonomischen ‚Sachgesetzen’, die zu befolgen Inbegriff einer von ethischen Beurteilungen und politischen Interessen ganz unabhängigen, ‚reinen’ ökonomischen Vernunft sei.“

Die aus so betriebener Ökonomik abgeleiteten politischen Empfehlungen leiden deshalb unter grundlegenden Verkürzungen, wenn etwa von der Notwendigkeit einer „marktkonformen“ Demokratie gesprochen wird.

„Solange die Realpolitik diesen ‚wissenschaftlichen’ Empfehlungen von Experten der (nicht wirklich) reinen ökonomischen Vernunft folgt, schreitet denn auch die Durchökonomisierung der Lebensverhältnisse ungebremst voran. Wer konkret treibt sie voran? Das liegt realpolitisch auf der Hand – nämlich vor allem in den durchaus sichtbaren Händen des politischen Lobbyismus mächtiger Wirtschaftsinteressen in Berlin, Brüssel, Washington“, schreibt Ulrich, emeritierter Lehrstuhlinhaber und Leiter des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen.

Wirtschaftspolitik wird nicht mehr als Staatskunst ausgelegt. Sie setzt einseitig auf Marktkräfte durch möglichst globale Deregulierung und durch die Entfesselung des Wettbewerbs zur Vermehrung des Wohlstands. Der Faktor Macht und das Bestreben von Unternehmen zur Aushebelung des Wettbewerbs werden dabei vernachlässigt. Was die herrschende Wirtschaftsforschung ins Zentrum rückt, ist der ökonomische Imperativ. Es muss sich rechnen. Mit der Steigerung der allgemeinen Wohlfahrt hat das aber nichts zu tun.

Das Bonner #Sommerinterview startet um 15 Uhr:

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