Wider die Angst-Rhetorik in digitalen Debatten

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat im Interview mit dem Tagesspiegel einen wichtigen Punkt in Digitaldebatten erwähnt, der mich seit einigen Jahren beschäftigt. Es wird häufig der Eindruck vermittelt, wir seien manipulierbar, wie weiße Mäuse im Versuchslabor. Egal ob es um Big Data, Künstliche Intelligenz, Werbung, Suchmaschinen-Optimierung oder die Manipulationsversuche von Google, Facebook und Co.: Immer wird suggeriert, wir seien Opfer einer großen Fake-Maschine. Das ist natürlich Blödsinn. Man darf nicht auf die Leimspur der digitalen Heizdecken-Verkäufer hereinfallen und man sollte auch den Fantasien der Untergangspropheten nicht folgen. Letztere verfügen über eine bescheidene Prognosekraft. Ihr Geschäftsmodell ist einfach: Als Alarmglocken-Lautsprecher hat man in jedem Diskurs-Szenario recht. Falls das Unheil eintritt, hat man es immer schon gewusst. Je größer das Elend, desto triumphaler die Geste des Allwissenden. Bleibt zu Lebzeiten die Niedergangs-Vorhersage aus, ist es sogar noch besser: Dann waren es die eigenen Warnungen, die die Menschheit gerettet haben. Den Rest erledigt die Vergesslichkeit des Publikums oder die Kunst der Umdeutung eigener Aussagen. 

So etwas gab es zu allen Zeiten. Wir sollten uns nicht als handlungsunfähige und willenlose Lemuren in der digitalen Sphäre darstellen lassen. Jeder von uns hat Handlungsoptionen. Pörksen kritisiert daher zurecht die verbreiteten Verführungs- und Manipulationsphantasien, die mal von übermächtigen Frames, dann vom raffinierten Mikrotargeting oder von allgegenwärtigen Algorithmen handeln. „Ich kann diesen Quatsch freihändig formulierender Apokalyptiker zunehmend weniger ertragen und würde sagen: Solche Theorien sind tatsächlich ein Symptom, und zwar für die Arroganz, den Antiliberalismus und den Aufklärungspessimismus ihrer Vertreter, die das potenziell mündige Subjekt und das eigenständige Individuum in ihren Großthesen vorschnell verabschieden.“ Treffer, versenkt.

Solche resignativen Szenarien führen zu Lähmung und Angst. Oder gar zur Entmündigung, die nur die eigene programmatische Ratlosigkeit maskiert.

Die Poesie der Autonomie geht nach Ansicht von Pörksen in den aktuellen Debatten gerade verloren: „Es gibt, ausgelöst durch den Trump-Schock, den Brexit, das Wideraufflammen des Nationalismus und den Aufstieg der Rechtsparteien eine neuartige Macht des dystopischen Denkens in der gesellschaftlichen Mitte, die den populistischen Narrativen des Niedergangs und dem dumpfen Lärm der Boulevardmedien formal ähnlich ist.“

Welche Alternativen bleiben übrigen, wenn man das Sterben der Demokratie, den Tod der Wahrheit verkündet und das postfaktische Zeitalter ausruft? „Was bleibt, wenn man das Ende von Moral und Menschlichkeit im digitalen Datenstrom prophezeit, wie dies der gefeierte Historiker Yuval Harari tut? Ich würde sagen: Liberale Zeitgenossen sind zu einem Minimum an Aufklärungsoptimismus verpflichtet. Sonst bleiben nur die Flucht in den Fatalismus und eine apokalyptische Eskalationsrhetorik, die selbst zur Überhitzung des Kommunikationsklimas beiträgt“, sagt Pörksen gegenüber dem Tagesspiegel. Sein Vorschlag für digitale Debatten: „Analysiere Deine Quellen! Prüfe erst, publiziere später! Höre immer auch die andere Seite! Mache ein Ereignis nicht größer als es ist, orientiere Dich an Relevanz und Proportionalität.“

Bespiele: Man sollte sich die vielen KI-Phrasendrescher etwas genauer anschauen. In den USA gibt es Protagonisten in der Digitalszene, die gar nicht so sehr in der Forschung für Künstliche Intelligenz tätig sind, aber um so stärker eine Marketing-Maschine bedienen und dabei zum Teil pseudo-wissenschaftlich agieren. Etwa der Dauerredner Ray Kurzweil. So hält er Eingriffe in den menschlichen Geist für wünschenswert, weil dadurch Charakterfehler behoben und Leistungssteigerungen ermöglicht werden könnten. Klingt irgendwie nach der Psychotherapie im Zukunftsroman „Clockwork Orange“ von Anthony Burgess. Es ist an der Zeit, solche Steuerungsheinis in der Netzöffentlichkeit zu entzaubern. Helfen könnten paradoxe Interventionen: Steuerungssysteme entlarven, so dass ihre Modelle ins Leere laufen. Systeme mit Daten zu scheißen, so dass am Ende falsche Muster rausspringen. Mein eigenes Verhalten kann dafür sorgen, dass das System durch die Aufdeckung der dahinter stehenden Logik nicht mehr funktioniert.

Big-Data-Anbieter sind großartige Verkäufer, wenn sie in der Öffentlichkeit von den Vorzügen der schönen neuen Datenwelt fabulieren können. Sie gieren nach Analysen möglichst großer Datenberge, um Grippewellen vorherzusagen, Euro-Krisen zu verhindern, den Autoverkehr staufreier zu machen oder Prognosen über den Verkaufserfolg von Rollkragenpullovern in roter Farbe abzugeben.

Mit statistischen Spielchen auf der Metaebene geben sich die Zahlenfreunde aber nicht zufrieden. Sie wollen mehr. Sie erheben sich zur neuen Klasse der Sozialingenieure, um Gesundheitssysteme zu steuern, Banken vor Kreditausfällen zu bewahren oder Minderjährige vor dem Abrutschen ins Verbrechen zu „schützen“. Die zumeist technisch oder naturwissenschaftlich ausgebildeten Analysten wollen sich also tief ins Datenleben einzelner Menschen eingraben und beeinflussen.Rückt man Big-Data-Heizdecken-Verkäufern allerdings mit Anfragen zu den Rechenformeln ihrer Gottesmaschinen zu sehr auf den Pelz, ändert sich blitzschnell ihre Disposition: Die Algorithmen-Wahrsager werden lichtscheu und löschen ihre Datenspuren. So geschehen bei einer kleinen Disputation auf Facebook über neunmalkluge Neurowissenschaftler. Ein Systemingenieur warnte vor zu großem Pessimismus. Man werde sich noch wundern, was in der Hirnforschung und beim künstlichen Nachbau der Gehirne in den nächsten Jahren so alles passieren werde (ja was denn?).

Über die „Intelligenz“ seiner eigenen Prognose-Maschine äußerte sich dieser Geschäftsführer eines Softwareunternehmens ähnlich euphorisch. Ist ja völlig in Ordnung. Jeder Krämer lobt seine Ware. Als ich nachfragte, ob er sein System live vorführen wolle, wechselte der virtuelle Werkzeugmacher direkt in den privaten Modus und sagte mir klar, dass er gegenüber der Öffentlichkeit keine Bringschuld habe. Heiße Luft.

Bei Firmen, die in der Online-Werbung tätig sind, könnt Ihr ähnliche Erfahrungen sammeln. Ein Blick unter die Motorhaube wird fast immer verwehrt.

Da werden Gewissheiten vermittelt, die sich in Wirklichkeit als Schimäre herausstellen.

Die Verheißungen der Analysetool-Einschaltquoten-Klickraten-Personalisierungs-Neuromarketing-Psycho-Markforschungs-Wichtigtuer sind in der Regel kalter Kaffee. Die Welt wird unkontrollierbarer und unberechenbarer. Und sie war es auch früher: Die Werbeindustrie sucht nun schon seit Jahrzehnten verzweifelt nach Methoden, das Verhalten von Menschen, besonders von Verbrauchern, logisch zu ergründen. In Kaufsituationen ist es schlichtweg unmöglich, eineindeutig auf das tatsächliche Verhalten einzuwirken. Seit den 20er Jahren versucht man deshalb, mit der Tiefenpsychologie des ollen Sigmund Freud und der deutschen Gestaltphilosophie Methoden der Manipulation zu entwickeln.

Nachzulesen in dem Bestseller von Vance Packard, „Die geheimen Verführer – Der Griff nach dem Unbewussten in jedermann“. Da ist der Wunsch Vater des Gedankens. In der Regel sind das pseudowissenschaftliche Abhandlungen auf Sesamstraßen-Niveau. Das Büchlein von Packard prägte die Vorstellung eines ohnmächtigen, von Medien und Werbung wie eine Marionette geführten Konsumenten.

„Diese Leitvorstellung hielt sich bis in die siebziger Jahre – allerdings hatte das angebliche Medienopfer da mit der Fernbedienung längst ein bedeutendes Machtinstrument in der Hand. Für Werbetreibende und Programmgestalter wurde der Mediennutzer zu einem potenziell treulosen Wesen. Mit dem Internet hat sich die Kanalvielfalt und die Bewegungsfreiheit der Nutzer ins Millionenfache erweitert. Vor allem: Wenn an irgendeiner Stelle zensiert, manipuliert oder intransparent gefiltert wird, wird darüber nicht mehr nur in herkömmlichen Massenmedien berichtet, sondern auch in den zahllosen neuen Meinungsblasen im Netz – von kleinen Kommentarfeldern bis hin zu großen Blogs und sozialen Netzen“, sagt der Publizist Peter Glaser. 

Apokalyptiker und die digitalen Heizdecken-Verkäufer vermitteln ein merkwürdiges Menschenbild. Wir sollten weniger ängstlich sein und uns eher als Aufklärungsoptimisten positionieren. Entscheidend sind die Chancen in einer offenen Gesellschaft. Angst-Rhetorik beflügelt eher die Rechten in Europa. Auf dieses Konto sollten wir nicht einzahlen.

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