Zur #Europawahl: Goethe und die europäische Öffentlichkeit – Wie man den Rechtspopulisten das Wasser abgräbt

Goethe schuf bekanntlich im 19. Jahrhundert eine kleine, aber sehr einflussreiche europäische Öffentlichkeit. Er suchte und fand Verbündete für sein weltliterarisches Unterfangen zur Schaffung eines transnationalen Kommunikationssystems. Weltliteratur wurde vom Dichterfürsten in Weimar nicht als Kanon definiert, sondern als Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung.

Nicht die Lektüre literarischer Werke steht im Vordergrund, sondern die grundlegende Kenntnis der Kulturen anderer Länder. Der Dichterfürst verstand sich als Katalysator zur Herausbildung einer europäischen Leserschaft. Zu seiner Lieblingslektüre zählte dabei “Le Globe“, die sich nationalen Vorurteilen und kulturellen Hegemonie-Bestrebungen entgegenstellte. Sein Anliegen wurde von nationalistischen Bedenkenträgern als undeutsche Gesinnung ausgelegt. Mit seiner internationalen Netzwerkstärke konnte Goethe dieses Stammtisch-Gebrüll deutlich übertönen.

Neue Ideen für Europa

Ähnliches erhofft sich der politische Autor Günther Rüther von den Intellektuellen unserer Zeit.

Im 19. und 20. Jahrhundert waren es vor allem Kriege, die der europäischen Idee neue Kraft verliehen. Den Intellektuellen ging es dabei um die Überwindung nationalistischer Vorurteile, den Abbau von Hass oder Intoleranz und vor allem darum, verloren gegangene Freundschaften zwischen den Völkern erneut zu stiften, schreibt Rüther in seinem Buch “Die Unmächtigen – Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945”, erschienen im Wallstein Verlag. Europa brauche jetzt die Stimme der Intellektuellen. Sie müssen die Sprache der Macht und der Expertokratie dechiffrieren, um der europäischen Idee wieder Auftrieb zu geben.

Popkultur statt rückwärtsgewandter Abendländerei

Ich verweise dabei gerne auf den von mir sehr geschätzten und häufig in Bonn besuchten Rüdiger Altmann: Von rückwärtsgewandten “Ersatzideologien” wie der “Abendländerei”, jener in den fünfziger Jahren vor allem in weiten Teilen des deutschen Katholizismus verbreitete “Abendland”-Idee, hielt der frühere Berater von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard gar nichts. Das formulierte er bereits in den 1990er Jahren:

„Im Grunde ist es die Aufgabe Europas, den Kulturkonflikt dieser sich wandelnden Welt auszuleben und mit neuen Ideen zu überwinden… Welches sind die europäischen Ideen, die Europas Existenz heute ausmachen? Das kann nicht die Idee eines sich gegen die übrige Welt abgrenzenden Europas sein, das um seine Identität, auch um seine geschichtliche Identität, ringt. Die entscheidende Frage ist: Findet Europa den Mut, neue Ideen zu formulieren und auszuleben, die die ganze Welt angehen, also in diesem Sinne nicht spezifisch europäische sind? Auf diese Weise könnte Europa wieder jene Weltgeltung erlangen, die es früher gehabt hat.“

Altmann betont dabei die Kraft der Popkultur. Die mediale Kultur habe einen großen Bedarf und Verbrauch an Ideen.

“Darin unterscheidet sie sich deutlich von der Kultur der Klassengesellschaft alten Stils. In gewissem Sinne ist sie unideologisch. Zugleich entfaltet sie in der Massengesellschaft ein Kommunikationsfeld von großer Kraft…” Genau das sollte von der europäischen Zivilgesellschaft ausgehen. Vielleicht ist die Popkultur ein veritables Mittel, den Nationalisten und Rassisten in den europäischen Staaten das Wasser abzugraben – in transnationalen Dialogformaten nach dem Vorbild von Goethe.

Kommentar verfassen