Mehr Merve-Kultur im Netz wagen – Über den Überschuss an Meinungen und Urteilen

Lust am Diskurs

Es gibt doch sehr viele Protagonisten, die ihre eigene Meinung, ihr eigenes (Vor)-Urteil in eine Wir-Form kleiden und aus dieser Schlaumeier-Perspektive über andere Menschen Haltungsnoten abgeben. In Netzdiskussionen ist das besonders ausgeprägt. Seit der Gründung von Social Media sei ein Überschuss an Meinung da. Das sagte Christoph Kappes zum Medientag der Hochschule Fresenius in Köln, in der ich in einem Workshop die Entwicklungslinien des Journalismus bis zum Jahr 2030 skizzierte. Und da präsentierte ich einen Leitspruch, den Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online, vor einigen Jahren bei einem Kongresse des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV) sagte: Durchwursteln statt bedeutungsschwere Masterpläne zu schmieden sei das probateste Mittel, um in der digitalen Sphäre zu überleben.

In seiner DJV-Rede sieht er das Merkel-Prinzip als den besten Ansatz, wie heute Medien entwickelt werden müssen. Man könne vielleicht ein halbes Jahr weit sehen, aber bestimmt nicht zehn Jahre. „Alle Masterpläne scheitern permanent“, so Wegner. Wo die Zukunft der Medien liegen werde, kann er nicht beantworten. „Ich weiß es nicht. Es passieren gerade so viele Dinge bei der Veränderung des Verhaltens der Nutzer und Leser, dass ich froh wäre, wenn ich wüsste, was wir nächstes Jahr machen“, so Wegner. Er gab den Teilnehmern die Empfehlung auf den Weg, mehr zu spielen, zu experimentieren und die Dinge, die nicht funktionieren, wieder einzustellen.

Dass Journalismus sich „gar nicht“ ändern müsse, weil Journalismus Journalismus sei, hält Kappes für eine Falle. „In allen Berufen steigen die Ansprüche inhaltlich und methodisch – bei Juristen, Soziologen und Informatikern könnte ich es wohl belegen.“ Inhalte werden spezieller und breiter zugleich.

Welche Konsequenzen leiten sich darauf ab, wenn man auf Sicht fahren und dennoch vieles verändern muss: Kappes bringt den Ausbau von fachlichen Rollen im General-Interest-Spektrum ins Spiel, beispielsweise Tandems mit Experten oder formalisierte Reviews. Da sei noch viel möglich.

Eine veränderte Haltung: „Journalisten beobachten und beschreiben die Gesellschaft, sie unterscheiden sich von Soziologen nur darin, dass sie weder Theorie formulieren noch Fachsprache formulieren, aber Haltung und Denkweise müssen meiner Meinung nach auf den Prüfstand. Empirie und Beschreibung sind der Königsweg, gefolgt von der Suche nach Mustern. Erst dann kommt Herummeinen.“

Da die Gesellschaft sich zunehmend ohne Massenmedien mit Meinung versorgt, müsse auch hier der Journalismus mit der Zeit besser werden: Einordnung und Bewertung werde immer wichtiger – begleitet von der Einspeisung von historischem, politischem und soziologischem Fachwissen. So könnte man empirisch nachweisen, warum Stereotypisierungen so fragwürdig sind – also beispielsweise das Generation X-Y-Z-Gequatsche.

Zudem muss man an der Vielfalt der Formate arbeiten, da sich die Öffentlichkeiten immer mehr zergliedern. Aus Mikro werde Nano. Hier muss man die Theorie der öffentlichen Meinung neu schreiben.

„Daher müssen Journalisten Brücken in andere Bereiche von Öffentlichkeit bauen. Wo man sich heute heraushält, muss man hinein. Das ist eine politische Forderung“, so Kappes. Das gilt auch für den Überschuss an Meinungen, der in sozialen Netzwerken produziert wird. Mit all seinen negativen Begleiterscheinungen. Von Fake News bis zu Hassbotschaften. Auch hier könne der Journalismus mit Kuration und Verdichtung vorgehen. „Warum nicht mal auf Meinungen im Netz beziehen und diese gegeneinander halten, nach Argumenten suchen und einen Vorschlag machen?“.

Das Problem liege nicht bei den Meinungen, so Professor Volker Banholzer von der TH Nürnberg. Problematisch sei der Überschuss an Aburteilungen in der Social Web-Kommunikation. Der schnelle Aufreger, die Ausschaltung der Kontextinformationen und die reflexhaften Boshaftigkeiten, die sich massiv im Netz ausbreiten.

Wie kann man das anders machen? Schaut Euch doch mal den Merve-Verlag an. Vor allem die Geschichte dieses Unternehmens. Zur Merve-Kultur zählte immer die Lust am Diskurs und nicht die Volkserziehung. Das brachte Michel de Certeau, Autor des Berliner Verlags, trefflich zum Ausdruck: Wer die Masse zu repräsentieren vorgebe, kämpfe in Wirklichkeit darum, sie zu erziehen, zu disziplinieren und zu gruppieren.

Peter Gente und Heidi Paris kultivierten ihre gute Laune: „Wir wollen ein kleiner Verlag, unscheinbar und daneben sein, und das macht irre Spaß.“

Sie nutzten das Kontrollvakuum und erfreuten sich an der Partisanenexistenz ihrer Leser. Das lebt auch nach dem Tod von Gente und Paris weiter. Zeitlose Bände mit hoher Diskurs-Dynamik auf billigem Papier. Paperbacks, bei denen man Sätze gegen den Strich lesen kann. Schlüsse aus den Texten ziehen, von denen die Texte nichts wissen und einer Kunst des Lesens aus dem Geist der Respektlosigkeit frönen.

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