Wenn nur der Habitus zählt: Karrieren auf C-Level – Warum geht eigentlich der VW-Chef nicht in ein Executive Assessment?

An dieser Stelle möchte ich an eine Story erinnern, die ich vor einiger Zeit für die Netzpiloten geschrieben habe: Top-Manager und die dunklen Hinterzimmer der Macht – Warum wir omnipotente Konzerne besser kontrollieren sollten. Aufhänger war ein Interview mit dem früheren Konzernvorstand Thomas Sattelberger über Karrieren in den obersten Führungsetagen.

Der heutige FDP-Politiker bezeichnete die großen deutschen Konzerne als selbstherrliche Parallelgesellschaften: „Und innerhalb der großen Konzerne sind Leitungsgremien noch mal eigene Parallelwelten, die umgeben sind von einem Hofstaat ähnlich wie bei Ludwig XIV. Das ist aber ein Spiegelbild der Gesellschaft.“

Die Folgen dieser abgeschotteten Machtblöcke könne man bei VW wie in einem Brennglas beobachten. „Ein altes System versucht verzweifelt, alte Macht und alte Technologie zu verteidigen – zuerst in Grauzonen und dann illegal“, kritisierte Sattelberger im ichsagmal.com-Sommerinterview.

Habitus statt Qualifikation

Nominierungen für Vorstandsposten würden leider im Verborgenen laufen. Die Entscheidung der Telekom, ihn als Personalvorstand an Bord zu holen, sei klan­des­tin auf einem Schloss in der Nähe von Berlin abgelaufen. Oben zähle nur noch der Eindruck im Gespräch. Habitus sei dabei wichtiger als die Qualifikation. „Das ist nur ein kleines Referenzsystem. Unterhalb der Top-Etage sieht das anders aus. Da kommt eine ausgefeilte und sehr valide psychologische Eignungsdiagnostik zum Einsatz“, weiß Sattelberger.

Würde man dieses Verfahren auch bei Top-Managern als Hürde setzen, könnte man schnell erkennen, das viele von denen einen Schatten in der Birne haben – neurotisch, aggressiv, machiavellistisch und teilweise auch psychopathisch. „In einer guten Eignungsdiagnostik kommt man an solche Themen ran. Aber oben wird die nicht mehr angewandt. Das wissenschaftliche Auswahlverfahren gibt es für das gemeine Volk. An der Unternehmensspitze zählt nur noch der Habitus“, so Sattelberger. 

Soweit die Karrierelogik in Konzernen. Und jetzt muss man sich folgende Geschichte in Spiegel Plus auf der Zunge zergehen lassen:

VW-Vorstandschef Herbert Diess will die Führungskräfte unterhalb des C-Levels in eine Art Trainingslager beordern. „Wie aus Vorstandsunterlagen hervorgeht, sollen ab April erstmals alle Markenvorstände und 377 Topleute sämtlicher Konzernmarken an einem sogenannten Executive Assessment teilnehmen. Die ­Beratungsfirma Spencer Stuart ist damit beauftragt, das Können der Spitzenkräfte zu beurteilen: darunter das ‚Leadership Mindset‘, also die Führungsstärke, die ‚individuelle Motivation‘ sowie ‚Leistung und Potenzial‘. Am Ende soll es ein Zeugnis geben, das entscheidend sein wird für die weitere ­Karriere.

Angeblich diene die Maßnahme der „systematischen Nachfolgeplanung und gezielten Personalentwicklung“.

Nach meiner Meinung will er mit dem Segen eines externen Beratungsunternehmens Führungskräfte kalt abservieren. Nur noch mal zur Erinnerung die Bemerkungen des Ex-Personalvostandes Sattelberger über die Karrieren auf Vorstandsebene und die harte Eignungsdiagnostik, die bei Führungskräften unterhalb des C-Levels stattfindet.

Warum geht eigentlich der VW-Chef nicht in ein Executive Assessment? Zudem könnte er mal ein ordentliches Rhetorik-Seminar besuchen.

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