Eco-Systeme in der Netzökonomie und die Frage, warum Chinesen ohne die Spieltheorie auskommen @WinfriedFelser @Haufe_NMP

Wir brauchen einen meta-disruptiven Wandel unserer Vorstellungen und Theorien von Wertschöpfung, Organisationen und Ökonomie in Richtung ko-kreativer Ecosysteme. Das fordert Next Act-Impressario Winfried Felser in einem Beitrag für New Management. Mit diesem Wandel seien enorme ökonomische Potenziale verbunden. Zugleich werde eine solche neue Logik unsere Management-Modelle, Plattformen, Forschung und Lehre fundamental verändern.

„Lange Zeit wurde die Digitalisierung in Deutschland als ein technologisches Problem missverstanden. Digitale Cargo-Kulte wie eine reine Effizienzoptimierung der alten Prozesse durch Technologie oder digitale Labs waren die Ikonen einer Zeit der digitalen Irrwege des Mainstreams, oft getrieben von den Eigeninteressen von Technologie- und Beratungsanbietern sowie externen wie internen Evangelisten“, erklärt Felser. Das ist doch noch heute so.

Produkte, starre Märkte und Organisationen werden zu Ko-Kreationen und fluiden Ecosystemen, hofft der Autor.

Was Jahrhunderte seit Smith, Taylor & Co unser Denken und Handeln geprägt habe, kann so langsam zu den Akten gelegt werden. Also die einseitige Orientierung auf Masseneffekte, skalierbare Effizienz durch Arbeitsteilung und Komplexitäts-Entkopplung.

„Die materielle Transformation ist im Zeitalter von Daten-Ökonomie und 3D-Druck nur noch der Wurmfortsatz des Ökonomischen und die materialistische Koordination durch alte Ego-Logiken sind in der Regel die schlechteste spieltheoretische Alternative“, schreibt Felser, wobei mir nicht ganz klar ist, welche Rolle hier die Spieltheorie spielen soll.

Seine Leidenschaft für Ecosystem-Plattformen und fluiden Formationen ist da schon nachvollziehbarer. Vergleichbar mit den Aussagen von Silke Lehnhardt von der DigitalLoge – dort sammeln sich ja Führungskräfte mit CIO- und CTO-Erfahrungen. Für Lehnhardt sind Eco-Systeme die richtigen Plattformbausteine für Mittelständler.

„Es sollte ein System geben, wo unterschiedliche Player gemeinsam wirken müssen. Dafür braucht man dann auch eine Plattform, um so etwas zu organisieren.“

Es gehe um eine intelligente Verknüpfung oder Vernetzung unterschiedlicher Kompetenzen, um gemeinsam neue Geschäftsmodelle zu entwicklen. 

Winfried Felser ist davon überzeugt, dass die heutige Mathematik zur Beschreibung von Preis-, Umsatz- oder Kostenkurven den strukturellen Komplexitäten von ko-kreativen Ecosystemen nicht gerecht wird.

„Am Ende werden BWL-Studenten an Netzwerk- und mehr Spiel-Theorie nicht vorbeikommen (die Spieltheorie wird doch hoch und runter gelehrt, lieber Winfried – gs).“

KP-China lehnt Spieltheorie ab

Von der Spieltheorie bin ich nicht überzeugt. Das eint mich mit der Kommunistischen Partei in China. Ich verweise auf die Ausführungen des Sinologen Harro von Senger in der aktualisierten Neuauflage seines Buches Supraplanung (Hanser Verlag):

Die chinesischen Supraplaner sehen die westliche Spieltheorie kritisch. Die Spieltheorie gehe von Konstellationen aus, die man mathematisch erfassen kann, erläutert der Begründer der militärischen Moulüe’-Kunde Li Bingyan. Moulüe bewegt sich hingegen außerhalb des Berechenbaren, im nicht quantifizierbaren Bereich jenseits der herkömmlichen Routinerationalität. Schöpferische Leistung lässt sich nur schwer mathematisch modellieren.

Während die Spieltheorie Probleme innerhalb des Spielgeheges nach feststehenden Regeln zu lösen trachte, verlasse der Anwender von Moulüe die Spielwiese und löse den Widerspruch außerhalb des Widerspruchs. Der Moulüe-Anwender beobachte in erster Linie das Gegenüber und versuche zu ergründen, was dieses im Schilde führe. Habe er die Agenda des Gegenübers erfasst, dann versuche der Moulüe-Anwender, die sich durch die Vorhaben des Gegenübers ergebende Konstellation auszunutzen und das Gegenüber, ohne dass es diesem bewusst werde, zu Schrittfolgen zu verleiten, die dem Moulüe-Anwender den größtmöglichen Nutzen einbringen. Die Spieltheorie gehe von blutleeren Abstraktpersonen aus, wogegen sich die Moulüe-Kunde geistig regsamen Menschen mit ihren Gefühlen und individuellen Besonderheiten zuwende.

Vorteilhafte Konstellationen herbeiführen

Bei der Spieltheorie sei, so Li Bingyan, die Konstellation vorgegeben und bekannt. Auch die Mitspieler und die Spielregeln seien fixiert. Die Spieler dürfen Handlungsoptionen nur unter den ihnen zur Verfügung gestellten Wahlmöglichkeiten aussuchen. Eine Quintessenz der Supraplanung aber sei die Konstellationskreation (zuoju, auch zaoshi genannt). „Auf eine vorteilhafte Konstellation wird also nicht unbedingt passiv gewartet, sondern sie wird oft aktiv herbeigeführt, indem man ‚Faktoren günstig macht‘. Eine vorteilhafte Konstellation entsteht nicht nach vorgegebenen Regeln und gemäß einer von den in die Konstellation ein- gebundenen Personen getroffenen Vereinbarung, sondern einseitig durch das Konstellationsdesign des Supraplaners. Je weiter die von ihm geschaffene Konstellation von den Erwartungen der anderen Konstellationsbeteiligten abweiche, umso besser. So gesehen beschäftigt sich die Supraplanungskunde mit der Erforschung irregulärer, regelloser, vorvertraglicher menschlicher Auseinandersetzungen“, sagt von Senger.

Also raus aus dem Sandkasten der Spieltheorie und die Ansätze der Eco-Systeme mit der chinesischen Supraplanung kombinieren, lieber Winfried Felser.

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