Dumont-Scoop und die Totengräber des Journalismus @ulrikesimon – #RheinlandRunde diskutiert Niedergang der lokalen und regionalen Medien

Die Journalistin Ulrike Simon ist zurecht Stolz auf einen so genannten Scoop, der ihr vor einigen Tagen gelungen ist. Anhand von Verkaufsunterlagen konnte sie offenlegen, dass die DuMont Mediengruppe ihr gesamtes Zeitungsgeschäft verscherbeln will: vom „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Express“ über die „Berliner Zeitung“ und den „Berliner Kurier“ bis zur „Hamburger Morgenpost“ und der „Mitteldeutschen Zeitung“.

„Da außer mir kein anderer Journalist wusste, was in den Verkaufsunterlagen steht, blieb anderen Medien gar nichts anderes übrig, als sich auf meinen Artikel zu berufen. Journalistisch freut einen das natürlich, wenngleich der Anlass in diesem Fall ein trauriger ist“, schreibt Simon in ihrer Spiegel-Medienkolumne.

In der Analyse des Niedergangs der DuMont Mediengruppe wird dann noch das Missmanagement der Verlegerfamilie als Randnotiz genannt. Im Vordergrund ihres Beitrages steht aber das „Systemversagen“ einer ganzen Branche. Und damit meint sie vor allem – was für eine Überraschung – die Kostenlosmentalität im Internet, die auch im Journalismus um sich greift.

Selbst die Kritiker des Vorgehens der DuMont-Familie würden dazu beitragen, dass der Journalismus ein Finanzierungsproblem hat. „Der Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) zum Beispiel kommentierte die Schreckensnachricht von DuMont bei Facebook, zwar ergänzt um den Link zur ‚Horizont‘-Website, allerdings mit dem Hinweis – oder soll ich es Warnung nennen? – dass der Artikel ‚kostenpflichtig‘ sei. Das stimmt zwar nicht, denn anders als bei SPIEGEL+ ist bei ‚Horizont+‘ bisher lediglich erforderlich, sich mit seiner E-Mail-Adresse zu registrieren.“

Generell findet die Autorin es als verantwortungslos, wenn ausgerechnet Journalisten digitale Bezahlmodelle von Medien unterlaufen, Tipps geben, wie man sie austrickst, oder, was ständig passiert, kostenpflichtige Artikel schlicht ignorieren. Letztes gilt vor allem für sogenannte Aggregatoren, Plattformen also, die davon leben, anderswo erschienene Recherchen zu kuratieren (vulgo: zusammenzutragen – das ist schon etwas mehr, Kuratoren gehen da auch programmatisch ran, gs), und im Zweifel lieber zur Kopie als zum kostenpflichtigen Original verlinken. Sie sind nicht unwesentlich schuld daran, dass mit digital verbreitetem Journalismus noch immer zu wenig Geld verdient wird“, kritisiert Simon und wird wohl auch meinen Beitrag kritisch sehen.

Wer nicht bereit ist, diese bescheuerten Plus-Abo-Modelle zu buchen, ist ein Totengräber des Journalismus? Ich finde diese Abo-Bezahlmodelle, die sich monatlich automatisch verlängern, nervig und einfallslos. Der Vergleich mit dem Rundfunkbeitrag ist da nicht hilfreich. Es geht um kommerzielle und gewinnorientierte Verlage. Simon selbst beschreibt ja die Verschiebungen in der Finanzierung der Verlage von den Werbe- zu den Vertriebsumsätzen. Das ist etwas harmlos ausgedrückt.

Üppige Renditen machten Monopolisten und Oligopolisten satt und träge

Medienkenner haben das vor zehn Jahren schon besser dargelegt:

„Die Verlagsmanager haben sich an entscheidenden Stellen verkalkuliert. In der ‚guten, alten‘ Zeit hatten die meisten Blätter regionale oder lokale Oligopole oder Monopole, also eine marktbeherrschende Stellung. Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen“, so Stephan Ruß-Mohl.Und noch ein Trend, der vor zehn Jahren schon vorhanden war, schröpft die Verlage: Wer nach einer neuen Freundin oder einen neuen Freund Ausschau hält oder sein Auto zum Verkauf anbietet, kann online inzwischen gratis oder für wenig Geld seine Ziele erreichen. Auch führte die Silo-Taktik der Verlagsmanager in den Abgrund. Die entsprechenden Portale laufen auch ohne Nachrichten-Content!

Die Verleger haben diesen Tatbestand zu lange heruntergespielt. Sie haben über Jahre das eigene Niedergangs-Szenario verdrängt. So ist das in Bonn, in Köln und auch in anderen Regionen. Das hat nun mit der Ablehnung von krampfhaften Paid-Content-Modellen aus der Mottenkiste nichts zu tun. An der Verweigerungshaltung der Verleger, die durch satte Renditen träge geworden sind, hat sich doch nichts geändert. 

Verleger investieren nicht in innovative Themen

Von den Verlegern gehen nur wenig Impulse für innovative Themen aus: Das skizzierte Saim Alkan von AX Semantics auf dem Besser Online-Kongress des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV) in Köln: „Die großen Medienhäuser liegen in den Händen einiger Eigentümerfamilien. Die haben über Jahre rund 20 bis 25 Prozent Umsatzrendite gescheffelt. Sie hocken auf hunderten Millionen Euro Kapital. Wenn es darum geht, 50.000 Euro in die Hand zu nehmen, um ein agiles Projekt zu starten, dann wendest Du Dich an Deinen Vorgesetzten, an Deinen Verleger oder Chefredakteur und der sagt dann, das müssten wir selbst erwirtschaften, weil die Verlegerfamilie nichts zurück investiert.“

Wer soll also neue Projekte bezahlen? „Fangen wir doch mal an, die Leute, die seit 30 oder 40 Jahren Gelder aus den Häusern gezogen haben, zu bitten, wieder zu reinvestieren“, fordert Alkan. Die Verlegerfamilien sollten wieder etwas zurückgeben und mehr Experimente wagen. 

„Die erste Digitalisierungswelle wurde ausgesessen. Vielleicht sollte man bei der zweiten Welle etwas tun und dazu gehört eben auch Geld.“ 

Verschärft wird der Niedergang der Verlage durch die Investment-Aktivitäten von branchenfremden Unternehmen, die beim Content Marketing und bei Broadcasting-Einheiten im Verbund mit Big Data-Programmen und Künstlicher Intelligenz kräftig zulegen. Könnten Daimler, Telekom und Co. die Verlage überholen? Dieser Zug sei schon längst abgefahren, so Alkan.

Vielfach bleibt den Unternehmen gar nichts anderes mehr übrig als eigene mediale Formate zu schaffen. Etwa bei Fachthemen. Betrachten wir beispielsweise die IT-Industrie. „Wie viele Zeitschriften gibt es da noch? Man möchte als Kommunikator gerne mit Medien zusammenarbeiten. Es fehlen aber die Anschlussstellen“, sagt Klaus Eck von der Agentur d.Tales. Verlage brauchen keine Gegner. „Die schlagen den Sargnagel selbst ein. Ich finde es schade, dass Medien viele Themen nicht mehr aufgreifen – beispielsweise im Lokaljournalismus. Mit den radikal ausgedünnten Redaktionen kann man nicht mehr umfassend berichten“, erläutert Eck.

Wirtschaft schafft eigene Formate

Man braucht sich nur die Wirtschaftsteile der Lokal- und Regionalzeitungen anschauen, die gespickt sind mit Meldungen von Nachrichtenagenturen. Interessante Berichte über die lokale Wirtschaft sucht man mit der Lupe. Noch trüber sieht es im Fachjournalismus aus. Im Durchschnitt werden dort die Publikationen von 1,5 Personen gemacht. Ein Chefredakteur und vielleicht noch eine halbe Schreibkraft. Das wird dann kompensiert mit vielen „freien“ Autoren. „Die kommen überwiegend von Unternehmen, die in den Fachmedien ihre Artikel ‚platzieren’. Die Content-Produktion wird ausgelagert“, weiß Eck. Folge: Auch Fachmedien machen sich überflüssig, weil Unternehmen auf die Idee kommen, solche Formate selbst auf die Beine zu stellen. Die Kompetenz, die Unternehmen bei Fachthemen haben, gehen viel tiefer. Es sei leichter, meint Eck, aus einer fachlichen Kompetenz eine journalistische Kompetenz zu machen als umgekehrt.

Marken werden also zunehmend zu Sendern, weil sie mit ihren Botschaften bei den etablierten Medien nicht mehr durchdringen. Als integrative Kraft spielt der Journalismus in der Netzwerkgesellschaft eine immer geringere Rolle. Nach Analysen von Volker Banholzer, Professor für Technikjournalismus und Technik-PR, fehlen Konzepte für eine fragmental differenzierte Gesellschaft. Im Internet dominieren privatisierte Öffentlichkeiten. Der Journalismus müsste Konzepte für diese Netzwerke entwickeln. „Das tut er aber nicht“, kritisiert Banholzer. Wenn Unternehmen zu wenig in der veröffentlichten Meinung vorkommen, entwickeln sie eigene Konzepte. Indirekt ist das ein Angriff auf das Deutungsmonopol der Medien. 

Pilotsendung am 15. März in Bonn-Duisdorf

Die Gemengelage ist doch etwas komplexer. Ich bin nicht der Totengräber des Journalismus, weil ich diese Plus-Abo-Modelle ablehne. Beim Spiegel werde ich nach einem Monat wieder aussteigen. Ich bezahle gerne für Beiträge – on demand und bin Kunde bei blendle.com. Und ich unterstütze gerne Crowdfunding-Projekte, wo mich die Macher direkt ansprechen und für die Finanzierung gewinnen. Den Niedergang der lokalen und regionalen Medien und die Auswirkungen auf die Wirtschaftsberichterstattung diskutieren wir übrigens am Freitag, den 15. März, um 15:30 Uhr in einem neuen Diskussionsformat: #RheinlandRunde. Ort: Die Sohnsche Sendezentrale in Bonn-Duisdorf, Ettighoffer Str. 26a, 53123 Bonn. Open Space. Mit dabei: Michael Pieck (Pressesprecher der IHK Bonn Rhein-Sieg, Bernd Rützel und Norbert Q. Engelen (coworking4you in Overath). Weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind hoch willkommen 🙂 Bitte anmelden via Facebook.

Zur Zombifizierung der Verlagshäuser siehe auch: Wir kamen, sahen – und checken es nicht

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