Welche Zukunft sehen Sie, Herr Professor Franke?

HERBERT W. FRANKE: Ich behaupte strikt, dass wir nicht in der Lage sind, die Zukunft vorauszusagen und dass die Entwicklung der Technik in verschiedenste Richtungen führen kann. Der Wunsch von manchen Autoren, dass sich mehrere Science Fiction Autoren zusammentun sollten, die die Zukunft vereinheitlichen, ist Blödsinn. Stattdessen ist es gerade das Wertvolle an der Science-Fiction, dass man eben die verschiedensten Möglichkeiten beschreibt. Wieder eine neue Möglichkeit gefunden zu haben oder vielleicht eine neue Gefahr entdeckt zu haben – das ist für mich natürlich auch etwas Befriedigendes. Ich bin einmal zu einer Podiumsdiskussion eingeladen worden, wo sehr viele Fachleute zu Gast waren, die sich dort über die Zukunft ausgedrückt haben. Sie waren sich einig darüber, dass sie viele Gefahren in der Zukunft sehen. Ich bin als Letzter an die Reihe gekommen und habe gesagt, dass ich nur ein Science Fiction-Autor bin und dass, wenn es sich bei ihnen um lauter Fachleute handelt, die sich vor der Zukunft fürchten, es sie vielleicht überraschen wird, wenn ich ihnen mitteile, dass ich über jede neue Gefahr, die mit der Technik auf uns zukommt, Freude empfinde, weil das Stoff für meine Bücher gibt.

GUNNAR SOHN: Das ist interessant. Sie sind zwar Österreicher. Aber stellen Sie sich jetzt einmal vor, dass Sie für eine bestimmte Zeit die Möglichkeit hätten, König von Deutschland zu werden. Was würden Sie als Utopiker und Science-Fiction Autor, als Wissenschaftler und Höhlenforscher tun? Was würden Sie im metaphorischen Sinne tun, wenn Sie die Möglichkeit hätten, anstelle von Frau Merkel oder sogar eine Stufe höher, zu sein? Also: Was würden Sie tun, wenn Sie König von Deutschland wären?

HERBERT W. FRANKE: Naja, ein zweiter Hitler würde ich nicht gerne sein.

GUNNAR SOHN: Nein, nein, der war ja auch kein König.

HERBERT W. FRANKE: Ich bezweifle, dass wir mit unseren heutigen Möglichkeiten und Lernmöglichkeiten alle diese Gefahren, die auf uns zukommen, überhaupt erkennen und, dass wir alle Probleme, die wir erkennen, auch lösen können. Also es wäre eine Aufgabe für mich, die mich weit überfordern würde. Daher würde ich das wahrscheinlich kaum annehmen.

GUNNAR SOHN: Wir hatten uns ja einmal auch über digitale Bildung unterhalten. Wenn vieles an technischen Entwicklungen und technischen Wirkungen nicht vorhersehbar ist und auch in der Kombination von unterschiedlichen Dingen vieles nicht zu prognostizieren ist, sollte in der Bildung und in der Bildungspolitik vielleicht mehr mit digitalen Werkzeugen experimentiert werden? Damit man in unterschiedlicher Weise, wie Sie das in Ihrer Computerkunst machen, viele Dinge ausprobiert, um zu ermessen, welche kombinatorischen Möglichkeiten mit neuen Technologien eigentlich bestehen?

HERBERT W. FRANKE: Wenn ich etwas zu bestimmen hätte, was man machen sollte oder was ich mit den utopischen Mitteln machen sollte, dann ist es, dass ich versuchen würde, die Intelligenz der Menschen zu erhöhen. Es würde dann meine Hoffnung sein, dass wir auf diese Weise – und das muss nicht ein einzelner Mensch sein, das kann eine Kombination sein, es kann auch ein isoliertes Gehirn sein – das Gehirn so programmieren, dass wir die Gefahren für den Menschen, wie er heute ist, erkennen und lösen können. Da ich aber die Zukunft nicht voraussagen kann und davon überzeugt bin, zweifle ich natürlich auch daran, dass so etwas auch gelingen kann. Wenn Sie schon nach meiner Zukunftserwartung fragen, dann erscheint mir die unangenehme Entwicklungsmöglichkeit die Wahrscheinlichere zu sein.

GUNNAR SOHN: Professor Franke, ich bedanke mich für dieses Gespräch.

HERBERT W. FRANKE: Ja, bitte sehr. Mir war es ein Vergnügen mit Ihnen zu
reden.

Kleiner Auszug des Interviews mit Herbert W. Franke,  dem Physiker, Informatiker, Höhlenforscher, Kakteen-Erkunder, Entdecker der Mars-Höhlen, Science Fiction-Autor, Philosophen, Pionier der Computerkunst, Hörspielautor, Musikexperimentator und dem leidenschaftlichen Sammler von Kaleidoskopen, kurz vor der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG). Schade, dass dieser Podcast bislang so wenig abgerufen wurde.

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