Über die Verwaltungsmentalität und das Vasallentum in deutschen Unternehmen

Bürokraten-Regime

In Zeiten radikaler Veränderungen in Unternehmen ist es interessant, wie ausgeprägt die „Verwaltungsmentalität“ im Management ist. Also verwalten statt gestalten. In einer qualitativen Forschungsstudie von Professor Matthias Sure von der Hochschule Fresenius wurde das auf Basis von Fallstudieninterviews sowohl mit Geschäftsführern verschiedener Unternehmen und Branchen als auch mit Top-Management-Beratern und Coaches unter die Lupe genommen.

„Im Ergebnis zeigt sich eine überwiegend (selbst-)kritische Betrachtung des Phänomens der Verwaltungsmentalität im deutschen Management und eine mehrheitlich problematische Einschätzung sowohl der Geschäftsführer als auch der Berater hinsichtlich der zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit deutscher verwaltungsmentalitäts-geprägter Unternehmen“, schreibt Sure.

Die wichtigsten Befunde: Mit zunehmender Verwaltungsmentalität im Management nimmt das Vertrauen in die Mitarbeiter und das Ausmaß der Delegation ab: Als Gründe dafür wurden genannt, dass Verwalter ihrer Umgebung eher misstrauen und auch aus diesem Grunde entweder nur sehr spärlich und zumeist eher unwichtige Aufgaben delegieren. Häufig werde wird dies in Verbindung mit besonders jungen Nachwuchskräften exerziert, deren Führungserfahrung gering ist und besonders loyal gegenüber Vorgesetzten handeln. „Dies befördert nicht selten eine Kultur des Vasallentums, in der sich der Verwalter sicher fühlt, weil er weiß, dass am Ende nichts im Unternehmen ohne seine ausdrückliche Absolution geschieht, die gleichwohl aber zu langen und ineffizienten Prozessen führt, die das Unternehmen und seine Mitarbeiter nicht unwesentlich lähmen können“, erläutert Sure.

Verwaltungsmentalität im Management erzeuge nach Ansicht der Mehrzahl der Befragten eher Nivellierung. So werden häufig Persönlichkeiten befördert, die den Vorgesetzten ähneln – Schmidt zieht Schmidtchen nach. So werde Gleichartigkeit im Denken und Handeln belohnt und Diversität beschränkt.

Loyale Mitarbeiter, die dem Management nicht widersprechen, werden tendenziell eher befördert und belohnt als andere. „In der Folge dient dabei insbesondere die (monetäre) Incentivierung in ihrer Regelmäßigkeit als Disziplinierungsinstrument, um Abhängigkeit und Konformität zu verstärken. Demzufolge findet Differenzierung nach Meinung der meisten Befragten eher anhand von persönlichen Freund-Feind-Klassifizierungen und weniger anhand von objektiver Leistung oder Innovationspotenzial statt. In der Tendenz führt das nach Ansicht einiger Studienteilnehmer dazu, dass vermehrt potenziell überforderte Manager in Führungspositionen gelangen“, führt Sure weiter aus. Hier kann man eine schöne Übereinstimmung mit den Ergebnissen des Gallup-Instituts zur Mitarbeiterzufriedenheit finden.

Verwaltungsmentalität korrespondiert nach Ansicht der überwiegenden Mehrheit der Befragten nicht mit einer produktiven Informations- und Kommunikationskultur: „Das äußert sich darin, dass Informationen von Verwaltern vielfach als Machtmittel eingesetzt werden und somit Transparenz so wenig wie möglich praktiziert wird. Eine solche Informationspolitik wird durch moderne Kommunikationstools (Outlook, Lotus Notes, etc.) nach Ansicht von Geschäftsführern höherer Altersklassen eher erleichtert und befördert, wogegen die Vertreter der jüngeren Altersklasse diesen Effekt als weniger relevant ansehen“, so Sure.

Verwaltungsmentalität werde von einer deutlichen Mehrheit der Befragten häufig auch durch eine mangelnde persönliche Zugänglichkeit der Managementvertreter reflektiert, indem Vertraute als Puffer vorgeschaltet werden, um direkte und möglicherweise unerfreuliche Kommunikation und Interaktion zu vermeiden. Man kann es auch als Abschottungsstrategie bezeichnen. Wenig ausgeprägt ist zudem die Konfliktbereitschaft.

Konflikte werden gerne unpersönlich über Emails ausgetragen, um einer direkten Konfrontation möglichst aus dem Wege zu gehen.

Statt deutlicher und offener Sprache sowie Konfrontation scheinen Geräuschlosigkeit und Nicht-Angreifbarkeit im Fokus von Managern zu stehen, die nach Ansicht vieler Beobachter zu immer gleichförmigeren und angepassteren Verhaltensweisen führen, welche schwerpunktmäßig dem der Risikoabsicherung und dem eigenen Fortkommen dienen.

Zusammenfassung: Als besonders prägend für eine Verwaltungsmentalität im Management werden von den Studienteilnehmern mangelnde Risikobereitschaft, intransparentes Informations- und Kommunikationsverhalten, Förderung von Gleichartigkeit und Vasallentum, das Festhalten an alten bewährten Strukturen und Verfahren sowie stark ausgeprägtes Kontroll- und Absicherungsverhalten in Verbindung mit einer fehlenden Innovationskultur vorgebracht. „In diesem Zuge konnte die vorliegende explorative Mehrfachfallstudie insbesondere Facetten, Ursachen und Wirkungen einer Verwaltungsmentalität im Management in detaillierterem Ausmaß beleuchten als dies in der bisherigen wissenschaftlichen Literatur der Fall gewesen ist“, resümiert der Studienautor.

Um die ökonomischen Auswirkungen dieser Gemengelage näher zu ergründen, müssten weitere differenzierte Analysen zu quantitativen Zusammenhängen angestellt werden.

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