Der Staat als Beute der großen Beratungshäuser – Warnungen wurden nicht ernstgenommen

Mit ihren Glaubenslehren von Effizienz, Wachstum und permanentem Wandel bilden die Unternehmensberater eine Art Priesterkaste, die einfach nicht von der Bildfläche verschwindet – auch wenn die Ergebnisse dieser Beratung noch so desaströs ist. Mit Tagessätzen von bis zu 10 000 Euro wird fast jede größere Organisation nach dem neuesten Management-Mantra umgekrempelt oder „reorganisiert“, wie es im Consulting-Sprech so harmlos klingt – man schmeißt Mitarbeiter raus. Die Serie ihres Versagens ist groß:

„Das erste Mal haben sie versagt, als sie das Phänomen der New Economy nicht ernst genug nahmen, sodass ihnen freche Startup-Unternehmer die besten Mitarbeiter abspensitig machen konnten. Das zweite Mal haben sie versagt, als sie den Zusammenbruch der Dot-Com-Wirtschaft nicht rechtzeitig erkannten, geschweige denn davor warnten. Stattdessen haben die Berater das Internetfieber kräftig angeheizt und ihre Kunden zu gewaltigen Fehlinvestitionen verleitet. Ein drittes Mal haben sie schließlich versagt, weil sie sich weit von jenen Werten entfernten, die auf die Branchenpioniere wie Marvin Bower oder William Deloitte zurückgehen, und die lange Jahre hochgehalten, dann aber zugunsten des Profits diskret unter den Tisch gefallen lassen wurden“, erläutert der Wirtschaftsjournalist und Rechtsanwalt Rainer Steppan.

In dieser Zeit begannen vor allem die großen Beratungsunternehmen sich auf Behörden und Verbände zu konzentrieren. Und das war kein Zufall, so Steppan. In dieser Phase hatten viele Konzerne eine regelrechte Beraterallergie. Budgets wurden radikal gekürzt. Also wichen die Consultants auf die öffentliche Hand aus. „Der öffentliche Sektor hat sich zu einem attraktiven Markt für die Branche entwickelt, den die Großen des Geschäfts nun unter sich aufzuteilen gedenken“, prognostizierte Steppan vor gut zehn Jahren.

Consultinghörigkeit

Er warnte die Verantwortlichen des Öffentlichen Dienstes, in eine ähnliche Consultinghörigkeit zu fallen, wie die Top-Manager der freien Wirtschaft. „Der Bevölkerung ist nicht klar, dass jedes der anstehenden politischen Vorhaben ebenso scheitern kann wie die Transformationsprozesse der Privatwirtschaft.“ An den tiefgreifenden Reformen, die auf den deutschen Staat und seine Verwaltungen zukommen, wollen die Berater genauso kräftig verdienen wie an der Neuausrichtung fast aller größeren Konzerne in den 1990er Jahren. „Es darf nicht sein, dass die Beamten hilflos mit den Achseln zucken und die Berater mit geldschweren Taschen von dannen ziehen, wenn ein öffentliches Projekt im Chaos endet“, so Steppan. Er ermahnte die Behörden, bei Ausschreibungen sorgfältiger vorzugehen.

Geholfen hat es leider nicht, wie man im aktuellen Spiegel in der Titelstory „Die Berater-Republik“ nachlesen kann.

Der Staat gibt jährlich mittlerweile rund drei Milliarden Euro für Unternehmensberater aus. Allein in den vergangenen sieben bis acht Jahren habe sich das Gesamtvolumen ungefähr verdoppelt, berichtet der Spiegel. So lässt sich die Bundesregierung bei ihren Digitalisierungsvorhaben umfassend von Beratungsfirmen unterstützen und gibt dafür immense Summen aus. „Die Verwaltung wurde kaputtgespart, die ministerielle Seele ist weg“, sagt der Ex-McKinsey-Mann Markus Klimmer, der Politik bleibe kaum noch eine andere Wahl, als sich auf Berater zu verlassen. „Das System ist pervertiert, das Public-Sector-Geschäft ist so groß geworden, dass es die Hasardeure anzieht.“

Meine eigenen Erfahrungen

Ich selbst erlebte die Vorgehensweise der großen Beratungshäuser in meiner Zeit als Leiter der Unternehmenskommunikation bei o.tel.o. Die Goldgräberstimmung in der Telefonbranche nutzten die Unternehmensberater für waghalsige Empfehlungen, ausgelöst durch die Liberalisierungsoffensive der Europäischen Union. Die großen deutschen Industriekonzerne beauftragten in dieser Zeit die führenden Beratungsunternehmen, um massiv in den Markt für Telekommunikation einzusteigen. Roland Berger & Partner für RWE (später o.tel.o), Eutelis Consult für CNI (später Arcor) und Booz Allen & Hamilton für Vebacom (später o.tel.o).Vor allen Dingen o.tel.o sollte nach den Vorstellungen der Berater als verkleinerte Kopie der Deutschen Telekom etabliert werden. Die Geschäftspläne und die Infrastruktur waren exakt nach dem Muster des Ex-Monopolisten konzipiert. Rund 3,5 Milliarden Euro wurden in das Telefonnetz investiert.

Über 10.000 Mitarbeiter wollte o.tel.o innerhalb weniger Jahre rekrutieren. Gestützt wurde die Gigantomanie der Berater mit der Fixierung des Geschäftes auf Telefonminuten bei nationalen und internationalen Ferngesprächen. o.tel.o setzte dabei alles auf das eigene hochmoderne und teure Glasfasernetz, versuchte im Gegensatz zu Mobilcom mit Kunden feste Verträge abzuschließen (Preselection). Die Prognosen der Berater und die Naivität der Energiekonzerne in einer fremden Branche erwiesen sich als tickende Zeitbombe. Die schlauen Berater rechneten in den ersten Jahren mit einem gemäßigten Preisverfall der Telefontarife und kalkulierten mit sehr viel höheren Erlösen pro Gesprächsminute. Nach den windelweichen Voraussagen wurden deshalb alle Investitionen in die Sprachvermittlungstechnik und die Infrastruktur gesteckt. Der schon ab 1995 sichtbare Boom des Internets wurde von den Beratern vollkommen ignoriert. Da der Preisverfall 1998 im Telefonmarkt schon zu Jahresende die angenommen Marktpreise für 2000/2001 erreichte, platzten sämtliche Geschäftspläne wie Seifenblasen und o.tel.o wurde vom Markt gefegt. Tausende Arbeitsplätze gingen den Bach hinunter, den Beratern passierte nichts.  

Siehe auch: PARA-GOVERNMENT – Zum problematischen Verhältnis des Staates zu externen Beratern


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