Über die Notwendigkeit einer kritischen Wirtschaftswissenschaft

In der der Differenz zwischen der „Nützlichkeitsethik“ (teleologische Ethik) von Hobbes und der Pflichtethik (deontologische Ethik) von Kant liegt das Spannungsfeld fast aller Debatten über Wirtschaftsethik

Reputation und Marke können geschädigt werden, bis hin zum Ende eines Unternehmens (wie seinerzeit bei Arthur Andersen und aktuell beim insolventen Cambridge Analytica), schreibt der Wirtschaftsethik-Professor Christoph Lütge in einem Gastbeitrag für die FAZ. „Oder hohe Strafzahlungen (wie bei Volkswagen oder damals Siemens) machen unethische Verhaltensweisen selbst für Großkonzerne im Nachhinein hinreichend unattraktiv. Besser wäre es, hier – aus ethischen, aber eben auch aus ökonomischen Gründen – Programme und Managementsysteme in Sachen Ethik und Integrität als Frühwarneinrichtungen einzurichten, um ethische Probleme zu erkennen und zu vermeiden.“

Das sei auch für die Hochschulen relevant. Man könne zukünftigen Führungskräften zwar keine Werte einhämmern, aber man sollte sie bereits im Studium für die ethische Dimension ihres Handelns sensibilisieren. Lütge warnt allerdings vor überzogenen Forderungen:

Häufig würden die moralisch bewegten Kritiker der Ökonomie unrealistisch denken. Sie „machen sich Illusionen über die Kraft und Aufgabe der Ethik. Die erste Illusion besteht darin, dass Ethik vor allem Einzelpersonen bessern soll und kann.“  Der „ehrbare Kaufmann“ tauge nur dann als Ideal für die heutige Wirtschaft, wenn man seine Verwirklichung eher auf der strukturellen Ebene ansetzt, durch Integritäts- und Compliance-Maßnahmen oder Shared-Value-Denken: Nur dann, wenn Strukturen und Anreize in Unternehmen geändert werden, können „ehrbare Kaufleute“ auch ehrbar bleiben.

„Die zweite Illusion betrifft die Sichtweise auf Gewinne und Ungleichheit, gerade in Deutschland: Armutsberichte zeichnen regelmäßig düstere Bilder von wachsender Armut. Und diese (relativ) Armen werden gern in Kontrast zu sehr reich werdenden Unternehmern gesetzt. Tatsächlich aber ist der Sozialstaat weiterhin gut ausgebaut, die Arbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung und Hartz IV ein Erfolgsmodell, das Menschen aus der Arbeitslosigkeit heraushilft, statt sie darin zu lassen“, so Lütge. Hat der Autor schon mal was von Arbeitnehmern auf Abruf gehört? Wie schaut es mit dem steigenden Anteil der Leiharbeiter aus? Welches Theater machten die Verbände und Ökonomen bei der Einführung des Mindestlohns? Das Ethik-Konzept von Lütge ist nicht sehr ambitioniert. 

Wenn mit „realistisch“ gemeint sei, zahnlos zu werden, können wir die Sache auch gleich sein lassen, kritisiert Lars Hochmann. Ethik wäre nachgerade überflüssig, handelte sie nicht wesentlich davon, Dinge anders zu tun als bislang. „In einer problematischen Gegenwart sollten praktisch relevante Hinweise doch ‚realistischerweise‘ sich nicht im Spektrum des Gegenwärtigen bewegen. Insofern darf sich keine Ethik dieser Welt – im Übrigen auch keine andere Wissenschaft dieser Welt – vor den Karren einer x-beliebigen Herrschaftstechnologie spannen lassen. Das gilt ganz besonders für die Bemühungen, Wirtschaftsethik als Gutmenschenfach zur Umsetzungsfrage und damit zum quasi-objektiven Tool zu ‚managerialisieren‘.“

Wenn „realistischerweise“ also nur eine Chiffre dafür sei, Wirtschaftsethik zum Steigbügelhalter des rollenden Rubels zu erklären, kündigt sich genau solch ein verzwecklichter Kurzschluss an.

„Die curriculare Beschäftigung mit solchen Fragen kann, wenn sie nicht Blutgrätsche gegen die Aufklärung sein will, nur als Befähigung angelegt sein, mit den eigenen Widersprüchen leben zu lernen, selbst zu denken und die eigene Urteilskraft zu trainieren. Denn einen praktischen Unterschied kann nur machen, wer Praktisches unterscheiden kann“, erklärt Hochmann.

Vielleicht ist schon eine explizite Wirtschaftsethik das Problem. Man brauche von Grund auf eine kritische Wirtschaftswissenschaft. „Eine realistische Wirtschaftsethik ist eine kritische Ökonomik, die kritisch im gleichen Sinne ist, wie Film- oder Restaurantkritiken kritisch sind: auch ihnen geht es nicht darum, Filme oder Restaurants nur abzufeiern oder sie abzuschaffen, es geht ihnen um die Wahrung der Qualität. Sie sind kritisch, gerade weil ihnen am Gegenstand liegt. Vielleicht brauchen wir gar keine neuen Regeln und Gesetze oder wenige Menschen, die vielen Menschen vorschreiben, was wann wie zu tun ist. Was wir brauchen, ist eine neue Streitkultur – gesellschaftlich, in Unternehmen und an Hochschulen sowieso“, fordert Hochmann.

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