Wie soziale Netzwerke die öffentliche Meinung in politischen Fragen beeinflussen

Die sozialen Netzwerke sind für junge Leute mittlerweile die wichtigste Quelle politischer Informationen – und für ältere Anhänger der AfD. Das ergeben Untersuchungen des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Interessant ist dabei der Ansatz, welche Faktoren heute das Zustandekommen von öffentlicher Meinung beeinflussen. Sind es immer noch die klassischen Massenmedien oder welchen Anteil haben die privatisierten Öffentlichkeiten der sozialen Medien? Das treibt mich ja nun schon seit einigen Jahren um – mittlerweile auch als Hochschuldozent in der Vorlesungsreihe über digitale Medien. Der Allensbacher Meinungsforscher Thomas Petersen hat dazu einen sehr interessanten Gastbeitrag in der FAZ geschrieben. Wie nährt beispielsweise die Blasenbildung im Internet die Rechtspopulisten in Deutschland?

Das Internet ermögliche es viel mehr als die traditionellen Medien, einerseits Gleichgesinnte zu finden und andererseits Informationen und Meinungsäußerungen auszublenden, die der eigenen Position widersprechen. „Es leuchtet ein, dass die Möglichkeit, sich mit der Auswahl unter Tausenden Informationsquellen das Weltbild gleichsam maßschneidern zu lassen, zu einer Zersplitterung der Öffentlichkeit führt, zumal dies auch noch durch die Algorithmen der Internetportale unterstützt wird“, so Petersen. Die konstruierten Wahrheiten driften auseinander und es gelingt immer weniger, eine gemeinsame Grundlage für politische Debatten zu finden. Für solche Entwicklungen schwirren unterschiedliche Begriffe in wissenschaftlichen Diskursen herum: Blase, Echokammer oder gar „political homophily“. In analogen Zeiten nannte sich das „looking-glass perception“.

Der Nachweis von Medienwirkung gehöre zu den schwersten Aufgaben der Kommunikationswissenschaft überhaupt, betont Petersen. Gleiches gilt übrigens auch für die Medienpolitik und die Medienaufsicht. Dort forscht man nach den Machtfaktoren und der Vielfalt. Facebook und Co. werden dabei als Intermediäre unter die Lupe genommen – bislang sind die empirischen Befunde noch recht dürftig. Petersen verweist auf den südkoreanischen Sozialforscher Young Min Baek, der 2012 vor einer Parlamentswahl überprüfte, ob Personen, die einer Minderheitsmeinung anhingen, eine stärker in Richtung auf ihre eigene Position verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung aufwiesen, wenn sie häufig die sozialen Medien nutzten. „Tatsächlich deuteten seine Forschungsergebnisse auf einen solchen Effekt hin, wenn auch nur schwach.

In neuen Allensbacher Forschungsergebnissen ist eine Tendenz zur Blasenbildung bei Anhängern der AfD festzustellen. Jetzt werden viele Leserinnen und Leser gähnen und kommentieren, dass das ja nun keine Überraschung sei. Man muss es aber empirisch belegen.

Einen Anhaltspunkt sieht Allensbach in der Veränderung des Informationsverhaltens. 2009 sagten noch 72 Prozent der Befragten in einer Allensbacher Repräsentativumfrage, dass sie sich in der Lokalzeitung über Politik und aktuelle Ereignisse informierten. Heute ist der Anteil auf 64 Prozent gesunken. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen habe an Bedeutung verloren: „Vor einem Jahrzehnt sagten 83 Prozent, sie nutzten es als Informationsquelle, in der aktuellen Umfrage waren es noch 76 Prozent. Parallel ist der Anteil derjenigen, die sich – auch – über die sozialen Netzwerke informieren, auf 23 Prozent gestiegen, 2013 waren es noch neun Prozent“, so Petersen. Klingt immer noch nicht weltbewegend. Der Effekt wird deutlicher, wenn man sich die jüngere Altersgruppe näher anschaut. Hier sind es schon 53 Prozent, die sich vor allem über soziale Netzwerke informieren.

Gesellschaftliche Sonderrolle der AfD-Anhänger

Die Einflüsse der sozialen Netzwerke auf die Meinungsbildung der Bevölkerung werden deutlich wachsen, prognostiziert Petersen. Und das die AfD als Internetpartei punkten kann, lässt sich an den folgenden Daten ablesen: Petersen spricht von einer gesellschaftlichen Sonderrolle der AfD-Anhänger. „Sie sagten nämlich zu 34 Prozent, und damit deutlich häufiger als die Anhänger aller anderen Parteien, dass sie sich über soziale Netzwerke politisch informieren. Das ist auch deswegen bemerkenswert, weil es sich bei den AfD-Anhängern zwar nicht, wie manchmal angenommen wird, überwiegend um ältere Bürger handelt, doch besonders jung ist die Anhängerschaft der Partei auch nicht. Der Schwerpunkt liegt in den mittleren Altersgruppen. Da aber Junge eine viel größere Affinität zu den sozialen Netzwerken aufweisen als die Angehörigen der mittleren Altersgruppen, würde man bei dieser Frage eher bei den Anhängern der Grünen einen großen Anteil derer vermuten, die sich auf diesem Weg über Politik informieren. Doch die Grünen nehmen in dieser Hinsicht mit 26 Prozent lediglich den zweiten Platz ein“, schreibt Petersen.

Die Bindung der AfD-Anhänger an die sozialen Netzwerke ist also besonders stark. Lässt sich daraus eine verzerrte Wahrnehmung des Meinungsklimas in Deutschland ableiten? Einiges spricht dafür. Generell gelingt es der Bevölkerung recht gut, das allgemeines Meinungsklima unabhängig von der eigenen politischen Meinung abzuschätzen. Beim Aufkommen der Rechtspopulisten ist ein gegenteiliger Trend in Richtung Blasenbildung erkennbar.

In einer der jüngsten Allensbach-Umfragen sagten 29 Prozent der Befragten, sie seien mit der Politik Merkels einverstanden, während sich 42 Prozent nicht einverstanden zeigten.

Anhänger der AfD, die sich in Blogs, Internetforen oder sozialen Medien über Politik informieren, sagten zu 83 Prozent, sie glaubten, die meisten Menschen seien mit der Politik Merkels nicht einverstanden. Bei denen, die nur die traditionellen Medien nutzten, waren es 70 Prozent. Je mehr die allgemeine Einschätzung und das persönliche Erlebnis auseinanderklaffen, desto eher stützt sich die Meinungsbildung auf Sekundärerfahrungen, die man zu einem großen Teil den Medien und heute verstärkt den sozialen Medien entnimmt. Beim Urteil über Merkel ist zumindest der Effekt von Facebook und Co. ganz gut ablesbar. Um den Rechtspopulismus zurückzudrängen, sollten nicht nur wohlfeile Reden geschwungen werden, sondern auch die Aktivitäten im Social Web verbessert werden. 

Siehe auch: Nicht naiv Testballons jagen – Was die Gaulands und Salvinis verbreiten, sind keine Entgleisungen, es ist kalkuliert. Sie instrumentalisieren oder bekehren zu wollen ist zwecklos

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