Über Schönschreiber und Edelfedern im Journalismus #Relotius

Darüber müsste man jetzt mal etwas mehr refletieren. Nicht nur über Claas Relotius, sonder auch über die Sucht der Medien nach Edelfedern, Schönschreibern und dem aufgeblasenen Storytelling. Nicht Erfahrungen oder saubere Recherchen zählen, sondern die gut geschriebene Geschichte. Das sagte mir gerade ein ehemaliger Auslandskorrespondent des Spiegels, der das Magazin nur noch beim Zahnarzt liest. Die Edelfeder würde sich zur unantastbaren Figur inszenieren. Da zähle die Aura mehr als die pure Nachrichtenlage. Das gelte allerdings auch für andere Medien, die lieber eine Edelfeder zu einer Reportage nach Brasilien schicken, obwohl diese Edelfeder nicht ein Wort Portugiesisch spricht. Entsprechend musste die Story aufgeblasen werden, weil es bei der Recherche im Land haperte. Diese Sucht für die besonders gut geschriebene Geschichte gab es im Spiegel wohl schon immer.

Romanus Otte verweist auf einen Beitrag von Florian Harms, der ein grundlegendes Problem beim Spiegel und bei vielen anderen Redaktionen sieht:

„Schon seit langem haben im Hause die Geschichtenerzähler über die Nachrichtenjournalisten triumphiert; nicht die harte News gilt als Krone des Schaffens, sondern die wortgewaltig und langatmig deklamierte ‚Story‘.“

Es gehe sogar oft noch weiter, so Otte:

„In manchem Gespräch mit Redaktionen geht eine offene Bewunderung für losgelöstes Formulieren und Fabulieren (und Deuten) mit einer gewissen Verachtung der ausschließlich der Wahrhaftigkeit verpflichteten Penibilität der Nachrichten-Journalisten einher.“

Vielleicht sollten einige Medienmacher etwas grundlegender über den Fall Claas Relotius nachdenken.

Siehe auch: Die vertane Chance – der Fall Relotius oder doch der Fall SPIEGEL / Relotius (am Scheideweg von Story vs. Fakten)?

SPIEGEL legt Betrugsfall im eigenen Haus offen

Der „Spiegel“ und die gefährliche Kultur des Geschichten-Erzählens

Stefan Niggemeier schreibt: „Als ich für den „Spiegel“ gearbeitet habe, vor sechs, sieben Jahren, hatte das Gesellschaftsressort den Ruf, es im Zweifel nicht zu übertreiben mit der Wahrheitsliebe. Gemeint waren damit sicher keine Fälschungen und Erfindungen, aber Verdichtungen, Zuspitzungen, kreative Freiheiten. Die Unterstellung lautete: Das wichtigste Ziel sei es, die bestmögliche, dichteste, begeisterndste Geschichte zu erzählen, nicht unbedingt die genaueste.“

2 Gedanken zu “Über Schönschreiber und Edelfedern im Journalismus #Relotius

  1. Lieber Gunnar, da bin ich nicht bei Dir. Schön, besser verständlich und leserlich schreiben, ist eine Forderung, die ich an jeden Journalisten stelle. Und gegen Story Telling, Themen in Geschichten erzählen, habe ich auch nichts. Im Gegenteil. Nur müssen die Fakten stimmen. Gerade im Journalismas. Die ganze aufgeblasene Diskussion derzeit ist eh ein Wirz. Wir haben wichtigere Themen wie die künftige Rolle der sozialen Medien als konstruktiven Bestandteil einer kritischen Öffentlichkeit. Journalismus in Deutschland funktioniert noch vergleichsweise gut. > https://stefanpfeiffer.blog/2018/12/27/nach-dem-fall-relotius-kommt-von-den-baeumen-runter-haltet-augen-und-ohren-offen-und-kaempft-fuer-die-positiven-moeglichkeiten-der-sozialen-medien/

  2. gsohn

    Der Kontext ist entscheidend – also das, was der ehemalige Spiegel-Korrespondent mir ins Ohr geflüstert hat. Wenn die Relevanz der Edelfedern so extrem ansteigt, dass man ihre Geschichten nicht mehr kritisch hinterfragt. Das ist kein Plädoyer gegen Geschichten. Das Ganze hat viel mit dem Spiegel-Journalismus zu tun. Für aufgeblasen halte ich die Debatte ganz und gar nicht. Und das Thema der sozialen Medien als konstruktiven Teil einer kritischen Öffentlichkeit ist ein ganz anderes Debattenthema. Halte ich für genauso wichtig. Das bewegt mich ja nun schon seit Jahren.

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