Notizzettel: Vorlesung Digitale Medien

Neue Theorie der öffentlichen Meinung vonnöten? Mein Beitrag in der März-Ausgabe des prmagazins: 

Die Gesamtauflage der deutschen Tageszeitungen ist in den vergangenen zehn Jahren von über 28 Millionen auf unter 15 Millionen geschrumpft. Darauf macht der ehemalige Bild-Chefredakteur Kai Diekmann in einem
hörenswerten Podcast von OMR aufmerksam, laut Eigendarstellung der „erste große Podcastkanal zu digitalem Marketing und allen anderen Themen, die uns Spaß machen“.

Zum Vergleich: 31 Millionen Menschen sind mittlerweile bei Facebook registriert, davon sind 21 Millionen jeden Tag aktiv.

„Die Zahl deutscher Facebook-Nutzer ist höher als die Gesamtauflage aller deutschen Tageszeitungen“, rechnet Diekmann vor. 

Das Mark-Zuckerberg-Imperium ist nach Ansicht von Diekmann jedenfalls nicht irgendeine, sondern eine ganz zentrale Bühne – und die muss man bespielen können. Damit meint er nicht nur die klassischen Medien, sondern auch die Unternehmenskommunikation, die er mit seiner neuen Firma StoryMachine adressiert. „Häufig gibt es noch das Missverständnis in großen Unternehmen und im Mittelstand, dass Facebook und Twitter technische Verlängerungen der Pressestelle sind oder der Marketingabteilung“, erläutert Diekmann im OMR-Podcast.

Die Folge: Soziale Netzwerke werden mit Marketingbotschaften bespielt. Es wird gesendet, gesendet, gesendet – und nicht begriffen, dass auch ein Fernsehsender, der 24 Stunden am Tag nur Werbe-Clips zeigt, nicht erfolgreich sein könnte. 

Im Social Web gehe es um Kommunikation, um echtes Storytelling, um Engagement. Auf nichts würden Nutzer empfindlicher reagieren als auf Werbung, erläutert Diekmann. „In dem Moment, wo die Werbebotschaft
als gelungenes Storytelling daherkommt, ist sie ok.“ Niemand könne das besser als Journalisten. „Wir sind keine Berater, sondern wir machen das
selbst“, so Diekmann. Dafür brauche man Profis in integrierten Teams, um auf den relevanten Bühnen den Content auszuspielen. Facebook sei wie kaum ein anderes Medium geeignet, Marken positiv aufzuladen.

Und die Kehrseite der neuen Öffentlichkeit?

Auszüge aus dem Buch „Die publizistische Gesellschaft“:

„Facebook ist kein Medienhaus, Facebook ist ein Konzern der Verhaltenskontrolle. Das muss man verstehen. Facebook kontrolliert Verhalten als eine Form der Machtausübung. Es zielt nicht primär auf Gewinne ab. Medien sind irrelevant für Facebook als Geschäft. Facebook gehören keine Medien, es könnte sich nicht weniger für deren Schicksal interessieren. Das Entscheidende ist, den Rückkanal für Informationen zu erobern, ihn feinfühlig zu manipulieren und darüber Verhalten zu beeinflussen“ (Müller von Blumencron 2017).

Obwohl Nutzer nur sehr wenig darüber wissen, gehen viele von ihnen aus, dass zum Beispiel die Ergebnisse von Suchmaschinen neutral, unvoreingenommen und relevant sind (vgl. Schuster et al. 2015). Tatsächlich stehen hinter den Algorithmen Menschen, die diese entwickeln, modifizieren und anpassen. Diese wiederum sind eingebunden in Institutionen, Unternehmen, Werbetreibende usw. und von deren Interessen und Zielen geprägt. Dadurch kann es zu Verzerrungen kommen (vgl. Napoli 2014), was zu unbeabsichtigten Folgen führen kann, aber auch zur systematischen, unfairen Diskriminierung und Manipulation von Individuen oder Gruppen (vgl. Heise 2016; Introna und Wood 2004; Cheney-Lippold 2011; Zwitter 2014). Aufgrund dieser gewaltigen Potenziale und den tief greifenden Auswirkungen auf gesellschaftliche Prozesse stellt sich die Frage, wie Machtmissbrauch und Manipulation zu verhindern sind. Ein Ansatz sind Selbstverpflichtungen der Anbieter, sich an normative Grundsätze wie Fairness zu binden sowie soziale Verantwortung zu übernehmen (vgl. Heise 2016, S. 206). Eng mit der Selbstverpflichtung verbunden ist auch die Forderung an Anbieter, mehr Transparenz zu zeigen –hinsichtlich der Ziele und Zwecke, der genutzten Daten und der Einsatz von Filtern und Personalisierungsmechanismen (vgl. Diakopoulous 2015).

Die Selbstregulierung allein reicht jedoch nicht aus. In einem Manifest fordert die gemeinnützige Organisation AlgorithmWatch unter anderem: „Demokratische Gesellschaften haben die Pflicht, [die] Nachvollziehbarkeit von [ADM-Prozessen – algorithmic decision making] herzustellen: durch eine Kombination aus Technologien, Regulierung und geeigneten Aufsichtsinstitutionen“ (AlgorithmWatch 2017). Es sollen klare gesetzliche Rahmen entwickelt werden, die konkret regeln, welche Daten gesammelt und verarbeitet werden sowie welche technischen Mechanismen angewandt werden dürfen (vgl. Heise 2016, S. 207). Parallel soll der Nutzer in seiner Medienkompetenz, in seiner kritisch-reflexiven Umgang mit algorithmischen Medien gefördert werden (vgl. Schuster et al. 2015). Ebenso liegt es an Forschern, Hackern und Journalisten, über ihre Wirkweisen zu berichten sowie eventuelle Missstände öffentlich zu machen (vgl. Diakopoulous 2015).

Die Öffentlichkeit würde zerfallen, weil Menschen in ihrer eigenen gefilterten Realität, in ihrer digitalen Filterblase, leben und immer seltener zu einem großen Publikum zusammenkommen.

„Die gesellschaftliche Integration und die Chance auf gesellschaftlichen Konsens – Grundvoraussetzung für Stabilität in der Gesellschaft – scheinen dadurch gefährdet“ (Stark et al. 2014, S. 38). Aufgrund dieser Befürchtungen widmet sich die Forschung vermehrt der selektiven Nutzung von digitalen Medien. Mehrere Studien bestätigen die Annahme, dass Nutzer auch im digitalen Zeitalter tendenziell zu Inhalten greifen, die ihre politischen Einstellungen untermauern (vgl. Tewksbury 2003; Garrett 2009; Munson und Resnik 2010). Gleichzeitig führt die selektive Zuwendung zu kongruenten Medien nicht notwendigerweise zur aktiven Vermeidung inkongruenter Inhalte (vgl. Trilling 2014; Garrett et al. 2013). Des Weiteren deutet eine Reihe von Studien an, dass der Einfluss algorithmenbasierter Plattformen auf die Meinungsbildung der Menschen geringer ist als befürchtet und der Effekt der Filterblase überschätzt wird. Eine davon ist die Studie von Bakshy et al.

Eine weitere Studie, die den Filterblasen-Effekt als gering einstuft, ist die von Stark et al. (2017) über den Einfluss von Facebook auf die Meinungsbildung. Laut Studie haben die meisten Nutzer ein breites Medienrepertoire. Facebook ist nur eine unter vielen genutzten Nachrichtenquellen und spielt im Hinblick auf konkrete politische Themen eine weniger wichtige Rolle als traditionelle Medien und deren digitale Pendants (vgl. Stark et al. 2017, S. 179 ff.). Dadurch „ist weiterhin eine gemeinsame inhaltliche Themenagenda zu finden, die von […] Facebook und Google nicht einschränkend beeinflusst wird“ (ebd., S. 183). Die Fragmentierung der Publikumsagenda, so Stark et al., bleibt also bislang aus. Was den Effekt der Filterblase angehe, so sei der Anteil algorithmisch gesteuerter Informationen im Vergleich zum Anteil traditioneller, nicht-personalisierter Informationen (noch) zu gering, als dass Filterblasen gebildet werden können (vgl. ebd., S. 186). Dieser Befund sei jedoch kein Grund zur Entwarnung. Die Forscher appellieren: „Ob aus Algorithmenbasierter Informationsvermittlung gefährliche Filterblasen oder Echokammern werden, liegt in den Händen mehrerer gesellschaftlicher Gruppen und Institutionen: der Nutzer, des Gesetzgebers, der klassischen Massenmedien und nicht zuletzt von Facebook selbst. Sie alle tragen Verantwortung im digitalen Zeitalter und müssen sich ihrer (neuen) Rolle bewusst(er) werden“ (ebd., S. 189).

In einem Beitrag der SZ wird die Rolle von Facebook wesentlich kritischer gesehen: „Gut für die Welt, aber nicht für uns“ 223 Seiten interner Mails zeigen, wie Facebooks Manager über Nutzer, Geld und Datenschutz diskutieren. Sie belegen, wie der Konzern sein Wachstum vorantrieb und seine Macht gezielt einsetzte.

Meine aktuelle Kolumne in der Dezember-Ausgabe des prmagazins: 

Man müsse im Netz zu einer neuen Definition von Öffentlichkeit gelangen, erklärte Sascha Lobo schon vor Jahren.

Dass Twitter, Facebook und Google öffentlich seien, sei unbestritten. Aber sind sie auch Öffentlichkeit? „Es gibt in Europa das Gefühl der Öffentlichkeit auf einem Platz. Das ist historisch entstanden“, so Lobo. „Da wurde dieser alte Marktplatz irgendwie zusammengemorpht.“ Bei der Dorf-Metapher schwinge die Allmende mit – landwirtschaftlicher Gemeinschaftsbesitz, den alle nutzen können.

„Genau so eine Definition der Öffentlichkeit brauchen wir für die digitale Welt“, fordert Lobo. Lawrence Lessig hat den Spruch geprägt „Code is Law“.
„Das muss der Kern der neuen Debatte sein“, so Lobo. „Wir müssen Gesetze haben, um den Raum und die Funktion der Öffentlichkeit zu fassen.“ Lobo erinnert an das preußische Wasserrecht, das Öffentlichkeit an
Seeufern definierte.  „Jetzt kommen wir in eine Phase, die über Code geprägt wird“, sagt Lobo.

Mit den alten Metaphern werde man scheitern (Agora im Netz?). Das Gefühl, dass Twitter eine Öffentlichkeit repräsentiere, stimme und stimme doch nicht ganz. Für eine Lösung des Problems brauche es Spezialisten aus verschiedenen Disziplinen: von Ethik über Recht bis hin zu Technologie. Etwa eine Ethikkommission für virtuelle Öffentlichkeit. Der politische Meinungsbildungsprozess finde auf privaten Servern statt, und Mark Zuckerberg könne nach Lust und Laune virtuelle Existenzen ein- und ausschalten.

„Wir brauchen neue Regeln, und zwar international“, fordert Lobo, der dafür vor Ewigkeiten auf der Berliner Konferenz re:publica die UNO ins Spiel brachte. In der Tat geht es um ein völkerrechtliches Problem. Es geht um Weltfragen. Doch stattdessen wird national und international weiter
von oben nach unten hinter verschlossenen Türen entschieden. Bürger bekommen keinen Zugang zu Dokumenten, politische Verhandlungen laufen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, und Einflüsterungen von Lobbyisten bei Gesetzesinitiativen würden nicht öffentlich, kritisiert der Internet-Governance-Experte Wolfgang Kleinwächter.

Gefragt sei eine kollaborative, transparente und durchlässige Entscheidungsfindung in Gremien wie ICANN – die Organisation koordiniert die Vergabe einmaliger Namen und Adressen im Internet. An deren Treffen könne jeder teilnehmen und seine Meinung äußern. „Demokratie bei ICANN fängt damit an, dass jedes Meeting und jede wichtige Session gestreamt werden. Jede Sitzung wird transkribiert. Jeder kann nachlesen, was Teilnehmer wortwörtlich gesagt haben. Es gibt Diskussionsforen, bei denen man sich einklinken kann. Man wird rechtzeitig eingeladen. Es gibt Fristen, die eingehalten werden müssen.“ 

Regierung, Privatsektor und Zivilgesellschaft müssen gleichberechtigt an der Gestaltung der Netzöffentlichkeit mitwirken können. Internet kann nur dann global funktionieren, wenn alle in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden.

In der „Next Economy Open“-Session der Medienwissenschaftlerin Sabria David sind digitale Runde Tische ins Gespräch gebracht worden, um etwa Brüssel näher an die Bürger in der EU zu bringen.

Mit Online-Beteiligungsverfahren könnte man frühzeitig auf die Weisheit der Vielen setzen, um dumme Entscheidungen zu vermeiden wie bei der Einführung von Upload-Filtern. Die Durchsetzung dieser Norm wird sich zu einem Trauerspiel mausern.

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