Wie wissenschaftlich sind Management-„Modelle“? – Beispiel: Das Viable System Model (VSM) von #StaffordBeer #Kybernetik

Mal schauen, ob wir da auf Facebook eine wissenschaftstheoretische Debatte hinbekommen:

Ich möchte an dieser Stelle nicht noch mal die kybernetische Debatte führen (eigentlich wäre da eine Debatte auf Basis von Fakten schon sinnvoll – siehe Ergänzung unten). Da kennt Mark meine Schriften. Aber ein wissenschaftstheoretisches Interesse treibt mich schon um: Der Modell-Platonismus in der BWL, VWL und in der Managementliteratur. Die Einordnung der ML-Bücher in eine der Kategorien kann ich gar nicht so richtig vornehmen. In Freiheit und Verantwortung schreibt Mark folgendes: Anstelle der Falsifizierbarkeit (die beim VSM-„Modell“ nicht möglich ist), sollte die Wahrscheinlichkeit berechnet werden, ob eine noch untestbare Theorie (oder ein untestbares Modell, gs) zuverlässige Ergebnisse liefert.

„Leider hat sich bisher noch niemand an die Arbeit gemacht, die Wahrscheinlichkeit für das VSM zu berechnen – und ich werde wohl selber nicht mehr in diesem Leben die Bayessche Formel durchdringen.“

Warum sprichst Du dann noch von Modell oder von Theorie, lieber Mark? Wenn das Deine eigene Denk- und Begriffswelt erhöht, ist das ja prima. Bei mir ist es das Prinzip des Zettelkastens von Luhmann. Alles fein. Was aber ML schreibt, ist eine Immunisierungsstrategie.

Ich habe dazu gerade einen Buchbeitrag für einen Schumpeter-Sammelband verfasst.

Auszug: Was bleibt: Schumpeters Erkenntnis, dass eine exakte Ökonomie nicht möglich ist, auch wenn es die Modell-Platonisten der Mainstream-Ökonomik nicht wahrhaben wollen. Aufgrund der unendlich vielen Kombinationen von möglichen Einflüssen auf das menschliche Verhalten sind reale ökonomische Situationen niemals gleich. Es gibt zu viele Variablen, weil immer auch unvorhersagbares menschliches Verhalten eine Rolle spielt. Oder wie es Douglas North, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, im Hinblick auf Modellwelten der Ökonomik ausdrückt: „Der Preis der Präzision ist die Unfähigkeit, Fragen des realen Lebens zu behandeln“.

Und so präzise sind die ökonomischen Modelle gar nicht. Es sind häufig nur tautologische Aussagen, die sich einer empirischen Überprüfung (es muss kein Experiment sein, Mark) entziehen, kritisiert der Wissenschaftstheoretiker Hans Albert. Ein beliebtes Instrument für diese Immunisierungsstrategie ist die so genannte ceteris-paribus-Klausel.
„Wenn ein ökonomisches Gesetz unter Anwendung dieser Klausel formuliert wird, dann ist der mehr oder weniger offenkundige Zweck dieser Einschränkung der, dieses Gesetz vor Falsifikation zu schützen.“ Genau das macht ML auf Seite 152 von Freiheit und Verantwortung.

An einer Disputation zur Wissenschaftstheorie wäre ich sehr interessiert. Ist doch auch ein schönes Thema für die Fresenius Hochschule Lutz Becker. Wir könnten doch mal ein Livestream-Kolloquium organisieren. Im Sommersemester 2019.

Kybernetik als Begriff zur Tarnung von militärischen Forschungen

Nun ja. Eine Frage zur Kybernetik könnte mir Mark vielleicht noch beantworten – auch das ohne Polemik: Der Mathematiker Norbert Wiener wird von ML als „Vater der Kybernetik“ benannt. Das stimmt aber nicht ganz. Der Erfinder ist das Mathematik-Genie John von Neumann: Bei der Entwicklung der Wasserstoffbombe hatten sich für ihn Berechnungsaufgaben ergeben, die sich nur mit verbesserten Rechenmaschinen für Geschütz-Tabellen bewältigen ließen.

„Der hochrangige Geheimnisträger, wissenschaftliche Berater fast aller geheimen Militärprojekte der USA im Zweiten Weltkrieg, durfte aber diesen Zusammenhang auf keinen Fall preisgeben. Schon deshalb musste er die gefundene Maschine tarnen. Dazu verhalf ihm die Metaphorik eines Diskurses, der später als Kybernetik bekannt wurde“, schreibt Wolfgang Hagen in dem Band Cybernetics – Kybernetik, The Macy-Conferences 1946 – 1953.

John von Neumann initiiert und fördert diese Camouflage umso mehr, als die wissenschaftsübergreifende Ausrichtung der Kybernetik dem Computer und den gewaltigen Investitionen zu seinem Bau eine ideale Friedenslegitimation bietet. Von Neumann konnte mit dieser Tarnung in der Nachkriegszeit sein Ziel der Super-Bombe ungestört und erfolgreich fortsetzen.

Generalisierung einer „Theorie“, die auf Täuschung beruht

Was er unterschätzte, war die Eigendynamik der kybernetischen Denker, die an einer Generalisierung der mathematischen Berechnungen für selbstkorrigierende Automaten arbeiteten. Zu ihnen zählte Norbert Wiener.

„Die Kybernetik im Wienerschen Sinne propagiert die These, dass in einem ganz konkreten Sinn alles, was Rückkopplung organisiert, als Medium begriffen werden kann. Kybernetik ist die erste Wissenschaft, die programmatisch darauf zählt, dass alles, was berechenbar ist, wie komplex es auch sei, in eine dem individuellen Menschen letztlich überlegene Hardware rückkoppelnder Maschinen gegossen werden könne“, führt Hagen aus.

Norbert Wiener war der bessere PR-Mann

Seinen Einspruch gegen die Kybernetik äußerte John von Neumann leider nur in persönlichen Gesprächen. Er bat seinen Freund Norbert Wiener in milden Worten, in öffentlichen Interviews alle Hinweise auf „reproductive potentialities of the machines of the future“ zu unterlassen. Leider verfügte von Neumann nicht über das Sendungsbewusstsein und die PR-Maschinerie seines Weggefährten:

„I have been quite virtuos and had no journalistic contacts whatever.“

Automatentheorie für die Konstruktivisten

Die psychophysikalischen Ableitungen der Kybernetiker lehnte von Neumann rigoros ab. In seiner eigenen Automatentheorie ging es ihm um ein auto-referentielles „Re-Entry“ des Messsystems in das gemessene System. Diese Integration des Messens ins Gemessene hat die Kybernetik später vorbehaltlos als auto-referentielle Rückeinführung des Beobachters in das beobachtete System verallgemeinert. Alle Systemversuche des Konstruktivismus von Glaserfeld, Bateson, Luhmann und Co. sind von diesem Fundament der Quantenmechanik geprägt. Die Interventionen von John von Neumann werden dabei schlichtweg ignoriert. Übertragungen auf das menschliche Nervensystem seien schlichtweg unsinnig: „Whatever the system is, it cannot fail to differ considerably from what we consciously and explicitly consider as mathematics.“

Zum Schluss hilft nur Spiritualität

Die Camouflage der Kybernetik konnte John von Neumann zu Lebzeiten nicht mehr enttarnen. Quantenmechanisch kann man selbstreproduzierende Systeme konstruieren. Deren logische Grundlage als Messsystem scheitert grundlegend, wenn man sie auf die Gehirn-Physiologie überträgt.

Das gilt auch für die sogenannte Kybernetik zweiter Ordnung. Sie schwebt im luftleeren Raum, weil wir über die statistischen Gehirnfunktionen schlichtweg nichts wissen. Das funktioniert nur dann, wenn man die Kybernetik zweiter Ordnung im Kontext einer universellen Spiritualität propagiert, wie es explizit George Spencer-Brown praktiziert: Ein Universum gelangt zum Dasein, wenn ein Raum getrennt oder geteilt wird. Alles klar?

Für Berater und kybernetische Wissenschaftler ist das eine höchst amüsante Gemengelage wie beim Gottesbeweis. Wenn ich die Nichtexistenz Gottes nicht beweisen kann, ist das der Beweis für die Existenz. Ein Zirkelschluss des Nichts, mit dem man aber weiterhin kräftig Geschäfte machen kann.

Liegt nun Wolfgang Hagen mit seinen wissenschaftshistorischen Recherchen falsch, lieber Mark?

2 Gedanken zu “Wie wissenschaftlich sind Management-„Modelle“? – Beispiel: Das Viable System Model (VSM) von #StaffordBeer #Kybernetik

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