Geist der Bonner Republik bewahren: Weltoffenheit, Nüchternheit und Pragmatismus

Hinter den Brandreden und nationalistisch durchtränkten Parolen von Björn Höcke und Co. steckt eine perfide Methode. Es geht nicht nur darum, rechte Gedankenbilder in den politischen Diskurs einzuführen, ohne sich juristisch angreifbar zu machen. Diese Strategie geht weiter. Es geht um Deutungsmacht für eigene Ziele. Es geht um eine Demontage der bundesdeutschen Erinnerungskultur.  

Die Protagonisten im rechten Spektrum tanzen dabei um einen Kessel mit brauner Suppe und sind bemüht, selbst keine braunen Flecken auf ihre Westen und Blusen abzubekommen. „Das gelingt ihnen meistens – nur ab und zu steht man – wie jüngst – selbst mitten in der braunen Soße. Entschuldigt sich dann aber“, so der bildende Künstler Edgar Piel. 

Den Sprachtänzlern gelinge es, ihr Publikum zu immer gleichen Ausrufen des Entzückens vor lauter Klarsicht zu animieren. „Welcher Ton und welches Thema auch immer anschlagen wurden und werden, das selbstselegierte Lesepublikum kennt zu allem zwei Refrains: ‚Merkel muss weg!‘ und ‚Volksverrat‘ und zu jedem, der die Dinge anders sieht: ‚Verblendung‘ und ‚Hirngestört‘“, führt Piel weiter aus. 

Zum inspirierenden Glück finde die tägliche Veranstaltung als ein Stimmentheater statt, das manchmal in Kreischen übergeht. Dem Beobachter, der sich zunehmend mulmig fühle, steigen seltsame, grausig mit jüngerer und älterer Geschichte assoziierte Gestalten in den Kopf. „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. So habe Goya eines seiner Caprichos von 1797 betitelt.

Die nationalistischen Akteure agieren mit Untergangsformeln und inszenieren sich dabei als die Erlöser. Wer sich dem widersetzt, wird als undeutsches Element und Volksverräter denunziert.

Dahinter steht ein Angriff auf den Geist der Bonner Republik, denn in Bonn liegen die Wurzeln des Grundgesetzes, hier tagte der Parlamentarische Rat im Museum König, hier sind in der Nachkriegszeit wichtige Weichen gestellt worden für politische Stabilität in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Bonn stand für das pragmatische Gebot politischer Nüchternheit, geschichtlicher Verantwortung und Weltoffenheit. Hier entwickelten die Mütter und Väter des Grundgesetzes die institutionellen Sicherungen, um Weimarer Verhältnisse zu verhindern. Repräsentative Demokratie, Verhältniswahlrecht, Fünf-Prozent-Klausel, Verhinderung negativer Mehrheiten, föderale Struktur und Interessenausgleich mit den Bundesländern im Bundesrat und das Bundesverfassungsgericht als Korrektiv der Gesetzgebung. Es sei „das beste, demokratischste Deutschland, das wir jemals hatten“, bilanzierte Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Abschiedsrede.

Faktoren für Stabilität

Das Fundament für diese Erfolgsgeschichte wurde in Bonn gelegt. Dieser Geist ist allerdings nicht in Stein gemeißelt. Er muss immer wieder vermittelt werden – besonders in der politischen Bildung. In Anlehnung an Thukydides, Aristoteles und Tocqueville benennt der Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis drei Faktoren für politische Stabilität:

  • die Weisheit der Gesetze und die Kraft der Institutionen,
  • die Qualität des politischen Personals
  • und die Tugend der Bürgerinnen und Bürger.

All das muss eine Zivilgesellschaft im Auge haben, um nicht den völkisch gesinnten Agitatoren das Feld zu überlassen, die unsere Republik zerstören und umwälzen wollen. Um das zu erreichen, müssen eben auch Kompetenzen für die Kommunikation im Social Web angeeignet werden.

#BorninBonn

Das ist muss sich auch in der politischen Bildungsarbeit widerspiegeln, wie die Wissenschaftlerin Sabria David bei der Abendveranstaltung des Social Media Chat Bonn in der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) ausführte: „Politisch Bildung wird immer mehr auch digitale Bildung bedeuten, weil digitale Mechanismen Deutungshoheit setzen.“

BpB-Kommunikationschef Daniel Kraft machte auf die Aktion #BorninBonn aufmerksam, die im vergangenen Jahr zum 65-jährigen Jubiläum seines Hauses stattfand. Er erwähnte Professor Carl Christoph Schweitzer, der die Bildungsinstitution gegen massive Widerstände aufbaute: „Vor allem sollte die neue Bundeszentrale dabei helfen, den Deutschen die Demokratie nahezubringen. Viele hätten immer noch nicht glauben wollen, dass das Terrorregime und der Holocaust Millionen Menschen das Leben gekostet hatten. ‚In vielen Köpfen galten die Widerständler des 20. Juli weithin als Verräter. Dieser Lüge mussten wir entschieden entgegentreten‘, betont der 92-Jährige im Rückblick.“

Sein programmatisches Credo ist aktueller denn je. Letztlich muss mit politischer Bildung klargemacht werden, wie wichtig es ist, den Geist der Bonner Republik mit Leben zu füllen. Höcke und Co. wollen ihn beschädigen. 

7 Gedanken zu “Geist der Bonner Republik bewahren: Weltoffenheit, Nüchternheit und Pragmatismus

  1. Ganz wunderbar. Vielen Dank für diese Gedanken. Ergänzen möchte ich lediglich eine starke Vermutung, dass nämlich die Annahme, dieser (gemäß Gunnar nicht in Stein gemeißelte) Geist müsse „immer wieder vermittelt werden – besonders in der politischen Bildung“, über die letzten 70 Jahre zu genau dieser Situation geführt hat, die Gunnar Sohn hier so treffend beschreibt. Dieser Geist lässt sich nämlich – wie alles, was Geist in diesen Sinn ist und Haltung – nicht vermitteln. Mir zeigt sich die Situation so, dass es dem Bildungssytem über die letzten Jahrzehnte eben gerade nicht gelungen ist, die entscheidenden Haltungen und Werte „via Vermittlung“ lebendig zu halten. Haltung, Geist und Wert liegen nämlich jeglicher Vermittlungsarbeit zu Grunde. Sie sind etwas, auf das die Vermittlung selbst nicht mehr reflektiert. Dass sich der Geist verflüchtigt, liegt also nicht daran, dass zu wenig oder schlecht vermittelt wurde. Das Problem wurzelt in der Annahme, Geist ließe sich vermitteln (https://de.wiktionary.org/wiki/vermitteln). Je früher und konsequenter wir uns von diesem pädagogisch-didaktischen Unsinn verabschieden, umso größer die Chancen, dass wir diesen Geist wieder lebendig kriegen, denn: Haltungen, Geist und Werte können nicht vermittelt werden. Sie liegen jeglicher Vermittlung zu Grunde.

  2. Ich schlage ne ganze Menge vor, wie du weißt 😉 Nur nützt das nichts.
    Ich vermute, als Erstes müssen die Kinder raus aus dem Schulsystem. Gar nicht erst hinschicken. Alternativen suchen und finden. Es gibt sie zu Hauf.

    Es macht aber keinen Sinn, das vorzuschlagen. Es gibt zu viele Vorschläge und Empfehlungen und zu wenig entsprechende Erfahrung. Tatsache ist: Je mehr Menschen Zugang zu alternativen Lernnetzwerken finden, umso mehr geht es wirklich um den Geist und die Haltungen, die du im Blick hast.

  3. Haltung zeigen kann man allerdings auch im politischen Diskurs – also nicht so schnell fundamentale Urteile fällen, sondern differenzierter analysieren. Gilt für den Journalismus, aber auch für die Bürgerschaft.

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