Social Web-Zurückhaltung stärkt reaktionäre Kräfte


Präsentation von Christoph Kappes auf der re:publica in Berlin

Thomas Knüwer hat einen wichtigen Punkt dargelegt, warum es den rechtsreaktionären Kräften in Deutschland so gut gelingt, ihre aufgeladenen Botschaften im Social Web zu platzieren:

„Die deutschen Eliten aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik halten sich lieber aus dem Social Web fern. Als Beleg kann hier auch die Grafik mit den Social Media-Aktivitäten deutscher Chefredakteure und Verlagsgeschäftsführer herhalten, die wir 2015 mal bei kpunktnull erstellt haben. Sprich: Jene, die Menschen von einer vernünftigen Meinung überzeugen sollten, überlassen den Schwachmaten das Feld.“

„Also ICH“ (natürlich lautstark und mit einem Hauch von Entsetzen vorgetragen ob der bloßen Vermutung, jene Person könne solche Dienste nutzen) „bin ja nicht auf Facebook“, gehöre zum Grundwortschaft der Bildungsbürger. Ist mir gestern bei einer Konferenz auch wieder an den Kopf geballert worden.

„Das war so lange nur arrogant und gestrig, wie es nur die eigenen sozialen Kontakte beschädigte oder dazu beitrug, sich in der kleinen, eigene Filterblase gefangen zu halten. Nun aber bedeutet jene Abstinenz auch, rechten Kräften ein mächtiges Instrument zu überlassen“, schreibt Knüwer.

Nach dem Schock über den Aufstieg der AFD sollte also endlich mehr Engagement kommen. In meiner Netzpiloten-Kolumne im Juni hatte ich das thematisiert: Es gehen nach Auffassung von Stephan Porombka eine Menge Utopien den Bach runter oder werden gar von rechten Bewegungen okkupiert. Begriffe und Ideen werden von rechts besetzt, um kulturelle Hegemonie zu erlangen.

„Im politischen Diskurs müssen wir diese Begriffe wieder feiner schleifen und auf ihre Potenziale überprüfen. Wir dürfen sie nicht als folgenlose Buzzwords benutzen, sondern müssen sie inhaltlich neu justieren“, fordert der UdK-Wissenschaftler.

Wie kann man verhindern, dass man zum Lautsprecher von rückwärtsgewandten Kräften degradiert wird? Folgt man dem amerikanischen Philosophen Paul Boghossian, hat der konstruktivistische Relativismus den populistischen Trittbrettfahrern die Erlangung der Diskurshoheit erleichtert. Die Protagonisten dieser Denkschule, die sich in fast allen Wissenschaftsdisziplinen und in Medien ausbreitet, werden mit ihren eigenen Waffen geschlagen.

„Aus dem Werkzeug der Befreiung wurde ein Werkzeug der ‚Alt Right’“, sagt Boghossian im Interview mit der Zeitschrift „Hohe Luft“.

Der Relativismus sage ja, jede Überzeugung ist gleich richtig und wichtig. Aber man müsse doch fragen, ob man erwiesenermaßen falschen Überzeugungen wie dem Kreationismus wirklich Sendezeit geben sollte.

„Mich persönlich berührt das, wenn es um den Völkermord an den Armeniern geht, weil meine Familie ihn überlebt hat. Aber die Türkei bestreitet ihn. Und obwohl die Beweise erdrückend sind, heißt es im Fernsehen ‚einerseits, andererseits’“, so Boghossian.

Man könnte es auch unter die ironische Überschrift stellen: Gesellschaft, die alle Wahrheit für relativ erklärt hat, ist plötzlich besorgt über Fake News.

Man müsse sich stärker an den Fakten ausrichten und über das Richtige und Falsche hart ringen. Es gibt Tatsachen, an denen sich jeder messen lassen muss. Gerade das ist die Essenz des Pluralismus. Wenn wir beispielsweise mehrheitlich davon überzeugt sind, dass die Mütter und Väter mit dem Grundgesetz eine gute und robuste Verfassung (!) im Bonner Museum König erarbeitet und beschlossen haben, dann sollten wir das in aller Deutlichkeit sagen und uns im Diskurs nicht im Negieren der gegnerischen Positionen verlieren.

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