Neureicher Vulgär-Kapitalist schafft Dienst nur für Reiche? #UninstallSnapchat

„Die App ist nur etwas für reiche Leute“, soll Snapchat-Gründer Evan Spiegel während eines Meetings gesagt haben und fügt hinzu: „Ich will nicht in arme Länder wie Indien oder Spanien expandieren.“

Vor allem in dem Schwellenland regen sich viele Menschen in den sozialen Netzwerken darüber auf, berichtet Gründerszene.

„Unter dem Hashtag #UninstallSnapchat wird zu einem Boykott der Fotoapp aufgerufen. Im App Store und Googles Play Store sind zudem vermehrt Berwertungen mit nur einem Stern zu finden.“

Spiegels Aussagen stammen aus Dokumenten eines Gerichtsstreits zwischen Snapchat und dem ehemaligen Mitarbeiter Anthony Pompliano, die seit vergangener Woche öffentlich sind.

„Für die Snapchat-Mutterfirma Snap Inc. kommt der Shitstorm in den sozialen Netzwerken zur Unzeit, hat das Unternehmen derzeit doch weitaus größere Probleme. Vergangene Woche wurde bekannt, dass der Konkurrent Instagram die Nutzerzahlen mit seiner Storyfunktion kräftig steigern konnte. Snapchat hingegen kann kaum neue Nutzer gewinnen. Ärgerlich für Snapchat, hatte Instagram die App doch einfach kopiert, nachdem Spiegel sich geweigert hatte, sein Unternehmen an Facebook zu verkaufen“, führt Gründerszene aus.

Haben solche Shitstorms nun keine negativen Auswirkungen auf Unternehmen wie Snap oder United?

Zu dieser Schlussfolgerung gelangt jedenfalls Frank Zimmer von w&v.

Darüber sollten wir disputieren.

Siehe auch: Trump-Ideologie hinter der Bubblegum-Hippie-Fassade im Silicon Valley (Snapchat zählt dazu, auch wenn der Firmensitz gar nicht im Silicon Valley liegt)
Passt ja gut zu Hipster-Scheiß mit Ausbeutungsabsichten.

Advertisements

Hipster-Scheiß mit Ausbeutungsabsichten

Virus, Frame oder Mem – hier geht es nicht um lustige Geschichten oder Anekdoten, es geht um die Orientierung der Menschen, die zu massiven Veränderungen der Volkswirtschaften führen können. Etwa die Story vom anarchischen Sillicon Valley, die in Wahrheit nur ein lauwarmer Hipster-Scheiß zur Rechtfertigung von unentgeltlich geleisteter Arbeit ist. Nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers Philip Mirowski sei das eine der wirksamsten Erzählungen zur Simulation von Rebellion. Man erzeugt eine blumige Fata Morgana, um den Menschen das Gefühl eines vollständigen Ausstiegs aus dem Marktsystem zu geben, um dieses Gefühl dann für Marktprozesse in Dienst zu nehmen.

Das Aufbegehren gegen das kapitalistische Establishment mit einer frechen Hacker-Kultur ist ein gigantisches Täuschungsmanöver. Dieses eigentümliche Hybrid aus freiwilliger unbezahlter Arbeit, hierarchischer Kontrolle und Kennzahlen-Orientierung in den Silicon Valley-Konzernen sowie kapitalistischer Aneignung sei in der gegenwärtigen Ära der Netzökonomie so vorherrschend geworden, dass manche darin eine neuartige Wirtschaftsordnung sehen. Der freiwillige Verzicht auf die Vergütung wertvoller Leistungen sorgt für satte Renditen bei den kalifornischen Technologie-Champions. Man bekommt als Gegenleistung das vage Versprechen, „Reichweite“ zu ernten und Netzwerke knüpfen zu können.

„Für weniger als einen Hungerlohn erfüllen überqualifizierte Bittsteller die niedrigsten Aufgaben“, moniert Mirowski.

Drei Tage Personalchef im Rendite-Imperium der Samwer-Brüder

Das färbt auch auf die traditionelle Wirtschaft ab. Man baut auf die Freelancer-Ökonomie und lässt die Freiberufler im Geist der Selbstbestimmung und Freiheit mit mickrigen Honoraren vor die Wand laufen. Hauptsache, alle haben ein gutes Gefühl im Duz-Modus.

In meiner Notiz-Amt-Kolumne für die Netzpiloten empfehle ich, diesen Teil der Geschichte neu zu erzählen. Etwa über den Haudrauf-Unternehmer Oliver Samwer, der sogar sterben würde, um zu gewinnen. Think big hat er seinen Leuten als Losung aufgegeben. Execution now, lautet einer seiner Lieblingsbefehle. Da hilft nur weglaufen und den Mittelfinger zeigen:

„Mir widerfuhr die traurige Ehre, dass ich nur drei Tage Personalchef von Groupon war und mit den Samwer-Brüdern zusammen gearbeitet habe, bis ich mich mit einem dieser Typen so anlegte, dass ich in der Mittagspause gegangen bin“, erläutert Heiko Fischer von Resourceful Humans.

Jungunternehmer-Pornohefte feiern Vulgärkapitalisten

Den Führungsstil solcher Karrieristen müsse man aufbrechen. Nicht nur das. Man muss ihnen in der Öffentlichkeit die Leviten lesen und sie entlarven. Etwa die Geschichten im Jungunternehmer-Pornoheft Business Punk, in dem die neue Unanständigkeit gefeiert und Arschlöcher wie Uber-Gründer Travis Kalanick abgejubelt werden. Es ist ja auch abgefahren, wenn jemand Gesetze für sinnlos hält, Steuerhinterziehung predigt und staatliche Regeln mit exterritorialen Insel-Pseudostaaten aushebeln will.

Öffentliche Kontrolle, anstrengende und zeitraubende Gesetzgebungsverfahren stören die Business Punker. Als Ergebnis bekommen wir repressive Toleranz, wie es Herbert Marcuse formulierte. Repräsentiert von Vulgär-Kapitalisten wie Donald Trump. Antidemokratische Systemzersetzung im Geiste egozentrischer Machtspiele á la Peter Thiel.

Auch das ist Teil der narrativen Ökonomie, die man endlich öffentlich und ohne Schongang debattieren sollte.

Wäre wünschenswert: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken – mehr als Buzzwords

Neues aufspüren, Gegenläufiges kombinieren – Open Space-Diskussionen auf der #rp17 #IBM

Making of ... IBM HR Festival

Jacob Taubes Suhrkamp

Das Gespräch stand im Mittelpunkt der intellektuellen Persönlichkeit von Jacob Taubes. Er war ein Gelehrter des gesprochenen Wortes. Im Dialog entwickelte der Ordinarius für Judaistik und Hermeneutik (FU Berlin) seine Gedanken. Die Auseinandersetzung mit einem realen Gegenüber wurde zum Katalysator seines Denkens. Ein Kurator, der Neues nicht nur aufspürt, sondern Gegenläufiges kombiniert. Das gelingt uns vielleicht auch bei den Open Space-Diskussionen in der Watson Work Lounge von IBM auf der re:publica (Halle 8).

Man hört, sieht und streamt sich in Berlin 🙂

Ursprünglichen Post anzeigen