Beta statt Perfektionismus – Wenn Wundermaschinen scheitern #Marly #Sonnenkönig


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Deutschland habe im digitalen Wettstreit die erste Runde verloren, aber es besteht Hoffnung für die zweite, schreiben die SZ-Redakteure Marc Beise und Ulrich Schäfer in ihrem neuen Buch „Deutschland digital – Unsere Antwort auf das Silicon Valley“:

„Wir werden das Silicon Valley nicht mehr bei uns nachbauen oder die amerikanischen Internetgiganten mit ihren eigenen Waffen schlagen können“, so die realistische Einschätzung der Autoren.

Aber wir könnten unseren eigenen Weg in die digitale Welt finden, meinen Beise und Schäfer und verweisen auf die „deutschen Tugenden“, die uns stark gemacht haben: Präzision und Perfektion, Verlässlichkeit und Genauigkeit verbunden mit der Fähigkeit, selbst die kompliziertesten Prozesse weiter zu optimieren und komplexe Produkte noch effizienter und besser zu machen. Dazu zähle noch etwas, was die US-Amerikaner nicht haben: „ein Internet-Mittelstand“. Hä? Wo ist der denn? Und auch die berühmte Ingenieurs-Brille, die im Maschinenbau sicherlich vonnöten ist, führt doch beim Thema Plattformen, Vernetzungsstrategien und Standards eher zu Lachnummern, die wir im gescheiterten Industrie 4.0-Konsortium bewundern konnten und die mittlerweile unter dem Dach von drei Bundesministerien eher in Ressortstreitigkeiten zerredet werden.

Vielleicht sollten wir neben der Präzision einfach mehr Beta-Mentalität im Digitalen ausprobieren und nicht an irgendwelchen perfektionistischen Silo-Konzepten weiterarbeiten, wie es Kuka, Klöckner und Co. derzeit betreiben.

Das Gerede über Perfektion und Präzision erinnert ein wenig an den Bau der Maschine von Marly. Köstlich beschrieben von Thomas Brandstetter im Opus „Kräfte messen“, erschienen im Kadmos-Verlag.

Dieser Koloss an der Seine war das größte mechanische Bauwerk seiner Zeit, ein gigantischer Apparat, dessen einzige Aufgabe es war, Unmengen an Wasser für die spektakulären Springbrunnen, Kaskaden, Wasserspiele und inszenierten Feste im Schlosspark von Versailles zu transportieren.

Das Wasserhebewerk war ein Ergebnis der Prunksucht und Obsessionen des französischen Sonnenkönigs. Ludwig der Vierzehnte investierte für dieses Ideal der Vollkommenheit die Summe von 14 Millionen Livre (1 livre entspricht 5 bis 15 Euro). Es bestand aus 14 großen Wasserrädern, die 221 Pumpen betrieben. Mit dem Bau waren 1.800 Arbeiter und Techniker fünf Jahre lang beschäftigt. Sie verbrauchten das Holz etlicher Wälder, 17.500 Tonnen Eisen, 900 Tonnen Blei und 850 Tonnen Kupfer.

Entstanden ist aber keine quasi-göttliche Schöpfung der Technik, keine perfekte Maschine, kein Monument der Ingenieurskunst, sondern ein schwerfälliges Monster.

Das Maschinenwunder von Marly entpuppte sich als technologischer Dinosaurier mit einer abnorm niedrigen Leistung. So lag der Wirkungsgrad bei unter 7 Prozent und erzeugte eine Nutzleistung von spärlichen 80 Pferdestärken.

Anmaßende und selbstgefällige Konstrukteure versprachen dem Sonnenkönig das achte Weltwunder. In Wahrheit schufen sie ein zweckfremdes Ungetüm mit einer Vielzahl von komplizierten Bewegungen, die das erforderliche Zusammenspiel der Bauteile verhinderte.

Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verabschiedete man sich von der Schwerfälligkeit dieses Denkmals der Prachtentfaltung und konzipierte ein dezentrales Versorgungssystem, getragen von Prinzipien der Beherrschbarkeit, Nützlichkeit, Effizienz und Einfachheit.

Vielleicht sollten die so genannten Hidden Champions ihre industrielle Einmaligkeit stärker hinterfragen und den Weg der Digitalisierung in einem kollaborativen Umfeld mit offenen Netzwerkstrukturen angehen. Ansonsten erleben die deutschen Ingenieure das gleiche Schicksal wie die Wundermaschine von Marly, die das Produkt eines selbstgefälligen Systems der Patronage und Machtinszenierung war. Sie wurde 1968 (!) abgerissen und ist nur noch eine Anekdote der Technik-Geschichte. Eigentlich schade. So ein Monument des Gigantismus hätte man als Mahnmal bewahren sollen.

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