Von homoöstatischen Lötkolben-Propheten zur Kunst des kybernetischen Wortschmiedens


Kybernetik im Krieg
Kybernetik im Krieg

Egal, wie man es dreht und wendet, alle Protagonisten, die sich um den Begriff der Kybernetik versammelten, sind als Techniker, Ingenieure, Mathematiker und Physiker von militärischen Aufträgen geprägt sowie angetrieben worden. Die „Kybernetik“ ging aus dem Krieg hervor und endete bei Heilsversprechen für die Maschinenwelt. „Oft finanzierte der amerikanische Verteidigungsapparat diese grandiosen Visionen mit großzügigen Summen“, schreibt Thomas Rid in seinem sehr lesenswerten Opus „Maschinendämmerung – Eine kurze Geschichte der Kybernetik“, erschienen im Propyläen-Verlag.

Maschinendämmerung

Im Zweiten Weltkrieg und in der frühen Phase des Kalten Krieges waren Computer und Steuerungssysteme noch primitiv. Entsprechend euphorisch wurden die Versprechungen der Kybernetiker aufgenommen. Es war eher ein Aufstieg von Mythen. Die kybernetischen Geschichtenerzähler fesselten in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur Ingenieure, sondern auch ein breites Spektrum an Wissenschaftlern, Gelehrten, Künstlern, Science Ficton-Autoren, Scharlatanen und Selbsthilfe-Gurus. Was als Steuerungstechnik startete, mutierte zu Werkzeugen der Befreiung und Selbstverwirklichung. Einer der umtriebigsten Schöpfer war Ross Ashby mit seinem niedlichen Homoöostaten, der sanft vor sich hin klickte, um zu entscheiden, wie er Störungen in seiner Umwelt am besten überwinden und zu einem eleganten Gleichgewicht zurückfinden konnte.

„Seine Maschine, glaubte Ashby, sei auf dem englischen Land wirklich zum Leben erwacht“, so Rid.

Irgendwann schlug die Logik von der Vermenschlichung von Maschinen um:

„Wenn es möglich war, Maschinen in menschlichen Begriffen zu denken, dann war es auch möglich, den Menschen in mechanischen Begriffen zu denken“, führt Rid aus.

Das Leben sollte durch Mechanik nicht nur reproduziert, sondern durch Mechanik verbessert werden. Was von Ashby mit Bombensteuerungs-Schaltersätzen der Royal Air Force zusammen gelötet wurde, deutete die Hippie-Bewegung zu Maschinen voller Liebe und Güte um zur Aufrechterhaltung des gegenkulturellen Gleichgewichts der ganzen Erde. Bekannteste Beispiele sind der Whole Earth Catalog von Stewart Brands und die esoterische Semantik-Brühe von Gregory Bateson, der von den Ashby-Schalttürmen in der Ästhetik der legendären Fernsehserie Raumpatrouille Orion förmlich elektrisiert wurde.

In den vergangenen 70 Jahren entstand durch die homoöstatischen Lötkolben-Propheten eine neue Disziplin: Die Kunst des kybernetischen Wortschmiedens. Die Initialjargon-Sprecher findet man in Sekten, Beratungshäusern und sogar in der NSA. Allesamt sind beseelt von der Idee der energiegeladenen Rückkopplungsschleifen. Aber selbst die kybernetische Kunstsprache kann nicht den Blick auf die peinliche Dürftigkeit des Inhalts verstellen. Selbst in ihren Rollen als Maschinisten sind Kybernetiker wie Norbert Wiener nicht ganz so erfolgreich gewesen. So versuchte Wiener vorherzusagen, wie sich das von Pilot und Fluggerät gebildete kybernetische System in den nächsten zwanzig Sekunden unter Stress verhalten würde – er scheiterte.

Ist ja nicht schlimm.

Siehe auch: Wenn aus Camouflage Wissenschaft wird – Nachbetrachtungen zur Kybernetik

Zur Kunst des kybernetischen Wortschmiedens passt auch: KybernEthik.

Oder auch: Kybernetisch-bionisch-fraktale Reflexe

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Autor: gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

1 Kommentar zu „Von homoöstatischen Lötkolben-Propheten zur Kunst des kybernetischen Wortschmiedens“

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