Über die Netzökonomie-Kompetenz der Wirtschaftswissenschaften


Utopien für die Wirtschaft von morgen

Ökonomen wenden sich nach Meinung von Justus Haucap immer stärker Themen zu, die für die Wirtschaftswissenschaften als esoterisch und nebensächlich betrachtet werden können.

So fanden sich in jüngster Zeit in der Fachzeitschaft „American Economic Review“ Beiträge zu Fragen wie etwa, ob es im Sumoringen in Japan Anzeichen für Absprachen gibt (Antwort: Ja), wie sich Leute bei TV-Spielshows verhalten, wie Fußballspieler am besten einen Elfmeter schießen sollten, ob die Ausstrahlung der Fernsehserie „16 and Pregnant“ auf M-TV die Anzahl der Teenager-Schwangerschaften reduziert (Antwort: Ja), oder ob Menschen, deren Mütter während der Schwangerschaft einen nahen Verwandten verloren haben, etwa den Kindesvater, im späteren Leben häufiger psychisch krank sind als andere (Antwort: Ja).

„Weil Daten zu wichtigen wirtschaftlichen Themen oftmals fehlen oder nicht verfügbar sind, beschäftigen sich viele Ökonomen zunehmend mit aus ökonomischer Sicht randständigen Themen, bei denen weder Autoren noch Gutachter die dazu vorhandene Literatur zu kennen scheinen. Der Beitrag über die MTV-Sendung und Schwangerschaften von Teenagern litt bereits unter demselben Manko. Innovation ist in diesen Fällen oft ein Mangel an Belesenheit. Dass dies zu wissenschaftlichem Fortschritt beiträgt, ist unwahrscheinlich“, schreibt der Wettbewerbsökonom in einem Gastbeitrag für die FAZ.

Ökonomen täten daher gut daran, sich wieder stärker auf den Kern des Untersuchungsbereiches zu beschränken, fordert Haucap.

Aber wie schaut es mit der Expertise der Wirtschaftswissenschaften aus, wenn es um die Digitalisierung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik geht?

In der BWL findet man da nicht viel, kritisiert Professor Arno Rolf: Was in der Forschung noch schwach ausgebildet sei, ist die ungeheure Dynamik der digitalen Transformation mit ihren ständig neu aufkommenden Trends in der Informationstechnik und der Angriffslust der Internetkonzerne aus dem Silicon Valley. Sie seien es in erster Linie, die die Umwelt volatil und komplex machen.

„Für diese Entwicklung hat weder die Business-Ecosystems-Forschung noch die Betriebswirtschaftslehre bislang befriedigende Antworten. Dafür braucht es ganz neue Konzepte und Methoden, und neue Metaphern müssen her, weil beispielsweise aus den klassischen linearen Strukturen wie Supply Chains oder Value Chains (Wertschöpfungsketten) dynamische Value Networks (Wertschöpfungsnetze) werden (Zhang, Jianliang/Fan Yushun: Current State and Research Trends on Business Ecosystem)“, erläutert der Informatiker.

Gleiches gilt für die VWL: Was bewirken digitale Kopien und die unendliche Verfügbarkeit von virtualisierten Gütern und Dienstleistungen oder das Phänomen Streaming als Erscheinung ohne Substrat? Welche Relevanz bekommt die von Wolf Lotter in seinem Buch “Zivilkapitalismus” beschriebene Zugangsökonomie – also Zugang zu Wissen, Technologie, nützlichen Ideen, die zu einer neuen Unabhängigkeit führen?

Wo und wie entstehen neue Märkte durch die Verkürzung von Wertschöpfungsketten, den Wegfall von Vermittlern und das Entstehen neuer Vermittler?

Was bewirken die drastisch sinkenden Transaktions- und Grenzkosten, die von der Plattformökonomie ausgelöst werden? Welchen volkswirtschaftlichen Effekt hat „Zugang vor Besitz“, wie es der Internet-Vordenker Jeremy Rifkin in seinem zugespitzten Opus „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ beschreibt?

Welche Machtverschiebungen gibt es in der Netzökonomie? Wer zählt zu den Gewinnern, wer zu den Verlierern? Wie sollte die Wettbewerbspolitik auf die Monopolstrategien von Google und Co. reagieren? Die Internet-Plattformen könnten machtpolitisch irgendwann zu einem Problem werden, warnt Professor Lutz Becker, Studien-Dekan der Fresenius Hochschule, im #BonnerSommerInterview. Damit müssten wir uns gesellschaftlich auseinandersetzen, fordert Becker. Antworten von den unpolitischen Modellschreinern der wirtschaftswissenschaftlichen Institute sind da nicht zu erwarten. Gefragt wäre eher ein Ludwig Erhard des 21. Jahrhunderts mit netzökonomischer und soziologischer Expertise, der erkennt, wie man mit den großen Aggregationen des Silicon Valley ordnungspolitisch umgeht.

“Das nationale Kartellrecht ist mittlerweile ein zahnloser Tiger. AT&T ist im Vergleich zu Google aus nichtigem Anlass zerschlagen worden”, so Becker.

Das funktioniere im globalen Maßstab nicht mehr. Bislang gebe es keine Antworten auf die “Highländer-Märkte”– also auf das Bestreben der amerikanischen Technologie-Konzerne nach absoluter Herrschaft:

“Erst werden maximale Marktanteile angestrebt und erst danach fängt man mit der Abschöpfung an.”

Auch klassische Industrien werden durch die Plattform- und App-Ökonomie in neue oligopolistische Abhängigkeitsverhältnisse geraten, etwa durch 3D-Druck- und Robotik-Plattformen zu sehen.

“In dieser Welt ersetzt der ‘Wettbewerb um den Markt’ den ‘Wettbewerb im Markt’. Im Zentrum eines solchen Ökosystems sitzt ein Market Maker, alle anderen Unternehmen müssen ihre Strategien anpassen und degenerieren zu digitalen Pizzabring-Diensten“, so der Kölner Ökonom Thomas Vehmeier.

Für den herkömmlichen Reifenhändler oder Kleinverlag, für den ortsansässigen Apothekerbetrieb oder den Optiker seien das keine tauglichen Rezepte, um bei weiterlaufendem Bestandsgeschäft den Wandel einzuläuten. Diese Rezepte seien von der Realität in vielen Unternehmen zu weit weg und können daher nicht angegangen werden.

“Als Antwort bieten sich gegebenenfalls offene und multifunktionale Plattformen an, die mittelständischen Industrien im Sinne des Commons-Gedanken vor neuen ökonomischen Abhängigkeiten schützen, gleichzeitig neue Geschäftsmodelle sowie Zugänge zu internationalen Märkten eröffnen”, resümiert Becker

Die ökonomische Lehre leidet jedenfalls an einer Fragmentierung, kritisiert Professor Nils Goldschmidt, Direktor des Zentrums für ökonomische Bildung an der Universität Siegen.

Er fordert einen pluralen Diskurs in der VWL. Es könne doch nicht sein, dass man die politische Ökonomie in den Modellwelten ausblendet:

Wenn ich über Entwicklungsprobleme in Afrika sprechen will, dann muss ich über politisch-ökonomische Prozesse sprechen, dann muss ich entwicklungsökonomisch denken. Wir brauchen wirtschaftshistorische Forschung, wir brauchen in vielen Bereichen institutionen-ökonomische und verfassungsökonomische Forschung.

Diese unterschiedlichen Zugänge zur Ökonomie erwartet die Öffentlichkeit und erwarten die Studenten. Es geht um politische Ideen, um Ethik im Wirtschaftsleben, um die Gestaltung der Gesellschaft und um zivilgesellschaftliches Engagement. Es geht immer stärker auch um netz-ökonomische Trends. Genau diese Fähigkeiten werden an vielen VWL-Fakultäten nicht gefördert – also plurale Ökonomik. Deshalb sinkt auch die Attraktivität der VWL, die die Studentinnen und Studenten mit überkommenden Theoriemodellen traktieren. Dabei ist es doch die Stärke einer wissenschaftlichen Disziplin, multiple Methodiken zu vermitteln und nicht von einem unumstößlichen Identitätskern zu sprechen. Unterschiedliche Erkenntniswege und Zugangswege sind in der Soziologie oder Politologie an der Tagesordnung. In der VWL leider nicht. Und in der BWL sieht es auch nicht viel besser aus.

Wie intensiv beschäftigen sich BWL- und VWL-Lehrstühle in Deutschland mit der Netzökonomie? Vielleicht könnten wir das mal kollaborativ in den nächsten Wochen recherchieren. Forschungsvorhaben, neue Institute, Lehrstühle etc. Ich habe da keine Gesamtübersicht. Die sollten wir mal zusammentragen. Das gilt für staatliche und private Hochschulen.

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Über gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.
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2 Antworten zu Über die Netzökonomie-Kompetenz der Wirtschaftswissenschaften

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf http://www.ne-na.me rebloggt.

    Gefällt mir

  2. gsohn schreibt:

    Justus Haucap hat dazu einige interessante Punkte angeschnitten: Wie lassen sich wirtschaftliche Märkte abgrenzen, wenn keine Umsätze erzielt werden? Facebook oder Google generieren auf der Nutzerseite keinerlei Umsätze, da die Nutzer nicht mit Geld zahlen, sondern mit ihren Daten beziehungsweise ihrer Aufmerksamkeit für Werbung, die dort plaziert wird. Im juristischen Sinne mag (da bei Google für die Suche noch nicht einmal in AGB eingewilligt werden muss) kein Vertrag zwischen Anbieter und Nachfrager vorliegen, auch wenn im ökonomischen Sinne ein Austauschverhältnis von „Dienstleistung gegen Daten“ besteht.

    Zu wenig Aufmerksamkeit bekommt das Thema der personalisierten Preise. Durch das systematische Auswerten von großen Mengen an Kundendaten können Unternehmen wesentlich ausgeklügelter Preise bilden oder Preisdifferenzierung betreiben. Dies betrifft keineswegs nur den Online-Handel, der im Fokus von Verbraucherschützern steht. Auch im stationären Handel wird aufgrund der zunehmenden Nutzung von Kundenkarten und der dadurch gewonnenen Daten die Preisdifferenzierung bald zunehmen. Traditionell haben etwa im Supermarkt in aller Regel alle Kunden denselben Preis zu bezahlen. Beim Autokauf war dies immer schon anders, hier hängt und hing der tatsächlich gezahlte Preis auch stark vom Verhandlungsgeschick der Akteure ab. Im Supermarkt jedoch galt dies nicht. Bisher wurden die etwas faulen und trägen Verbraucher indirekt durch die Schnäppchenjäger geschützt. Weil Letztere nur bei günstigen Preisen kaufen, haben alle Verbraucher indirekt davon profitiert, indem auch sie in den Genuss günstiger Preise kamen. Der Wettbewerb schützte so jeden. Dies könnte in Zukunft anders sein, wenn viele Kunden – ausgerüstet mit ihrer Kundenkarte, auf der die Einkaufshistorie gespeichert wird – maßgeschneiderte Rabattcoupons erhalten und damit individuelle Preise zahlen.

    Sollte die Möglichkeit, Daten zu kombinieren, bei der kartellrechtlichen Kontrolle von Fusionen und Kooperationen eine eigene Rolle spielen? Sollte das bei einer hypothetischen Fusion eines Energieanbieters, eines Automobilherstellers, eines sozialen Netzwerkes und einer Bank eine Rolle spielen? Sollten Datenschützer ein eigenes Mitspracherecht bei Unternehmensfusionen bekommen?

    Die Wettbewerbspolitik steht vor neuen Aufgaben, die sich nicht allein durch isolierte kartellrechtliche oder ökonomische Betrachtung werden lösen lassen, so Haucap. Also da ist einiges an Arbeit zu leisten.

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