Auf dem Weg in die netzökonomische Abstiegsgesellschaft? #NEO16


Über die Eseleien der Old Boys der Wirtschaft - Herr W. und Konsorten
Über die Eseleien der Old Boys der Wirtschaft – Herr W. und Konsorten

In der sozialen Moderne gründeten sich nach Analysen des FAS-Autors Oliver Nachtwey gesellschaftliche Integration und Stabilität auf die Arbeit, war die unbefristete Stelle mit Kündigungsschutz und sozialer Sicherheit Ausdruck des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses.

„In den sechziger Jahren machten diese Beschäftigungsverhältnisse geschätzt fast 90 Prozent aller Stellen aus. Das hat sich inzwischen nachdrücklich geändert. Im Jahr 1991 waren 79 Prozent aller Arbeitnehmer in einem Normalarbeitsverhältnis beschäftigt, 2014 waren es nur noch 68,3 Prozent. 20,9 Prozent der Erwerbstätigen waren 2014 atypisch angestellt, arbeiteten entweder in befristeten oder geringfügigen Arbeitsverhältnissen, in Teilzeit oder als Leiharbeiter. Von den 11 Prozent Selbständigen waren mehr als die Hälfte sogenannte Solo-Selbständige“, schreibt Nachtwey in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Prekäre Arbeitsverhältnisse seien nicht gleichmäßig über alle Gruppen verteilt, sondern konzentrieren sich vor allem bei Niedrigqualifizierten. Aber auch Hochqualifizierte brauchen immer länger, bis sie eine sozial gesicherte berufliche Umlaufbahn erreichen. Das Erwerbsleben habe seine frühere Struktur verloren, Karrieren und Berufswege sind diskontinuierlicher geworden. Es steige die Anzahl derjenigen, die in ihrer Erwerbsbiographie vermehrt Brüche erfahren, buchstäblich sozial verwundet werden. Auf der Seite der Konzerne wächst wiederum das Interesse, Projekte in kleine Aufgaben zu zerlegen und über Plattformen an eine große Menge Menschen auf der ganzen Welt auszulagern – an Crowdworker oder Clickworker. Die recherchieren dann Adressen, fotografieren Produkte für den Online-Vertrieb, schreiben Kurzinfos für Angebote, entwerfen Logos oder programmieren Software. Soweit so gut.

In der Netzökonomie kann man das nach Matching-Prinzipien perfekt organisieren. Treffen die Möglichkeiten für dezentrales Arbeiten allerdings auf die alte industrielle Effizienz-Logik der etablierten Konzerne und auf eine Investitions-Unlust des Mittelstandes, kann sich das Szenario einer Abstiegsgesellschaft beschleunigen. Ein Heer von Managementberatern, Umstrukturierungsexperten und neuen Unternehmern plädiert zwar für flache Hierarchien, Eigenverantwortlichkeit, Innovation und Flexibilität – allerdings ohne positive Effekte für Clickworker.

„Größere Unternehmen wurden restrukturiert, so dass sich ganze Abteilungen als eigenständige ‚profit centers‘ wiederfanden. Dies geschah unter der Maßgabe, mehr Spielraum zu ermöglichen und den Unternehmergeist auf allen Ebenen zur Entfaltung zu bringen mit dem Ziel, die Wertschöpfung zu erhöhen und dem Management bessere Durchgriffsmöglichkeiten an die Hand zu geben“, schreibt Felix Stadler in seinem neuen Buch „Kultur der Digitalität“.

Die Facebook-Debatte über meine Erlebnisse mit dem Inhaber der Zeitschrift Boardreport sind dafür ein kleiner Indikator.

Sozialstaatliche Absicherung Einzelner hält man für überholt. Kollektive Institutionen, die für eine gewisse Stabilität in der Lebensführung sorgen können, gelten als bürokratische Hindernisse. Um politische Freiheit, soziale Verantwortung und Autonomie geht es den Flexibilisierungsideologen ganz und gar nicht. Sie wollen mehr Spielraum für ihre Nasenring-Systeme bekommen.

Wie viele Solopreneure und Clickworker arbeiten für Hungerlöhne, unterwerfen sich einem ruinösen Wettbewerb beim Unterbieten der Konkurrenz und geben Angebote mit Stunden-, Tages- und Monatssätzen ab, die noch nicht einmal in Ansätzen die Lebenshaltungskosten decken? Und wie viele Old Economy-Gichtlinge nutzen das schamlos aus?

Der Trend zur Dezentralisierung in der Netzökonomie muss begleitet werden mit Firmen-Neugründungen, die zu neuen und gut bezahlten Arbeitsplätzen führen. Das Gegenteil ist der Fall:

„Nur rund acht Prozent unserer Unternehmensgründungen beschäftigen sich mit Technologien. Wir sind eher ein Gründerland für Tätowierstuben“, moniert Thomas Sattelberger, Ex-Personalvorstand der Telekom, im ichsagmal.com-Gespräch.

Verschärft wird dieses Problem durch eine alternde Unternehmerschaft, die sich nur noch über die Erfolge der Vergangenheit definiert. Alte Unternehmer leben von der Substanz, investieren kaum und verdrängen die Notwendigkeit von Erweiterungsinvestitionen sowie Innovationen. Die Inhaber von 1,3 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sind 55 Jahre oder älter – das entspricht rund einem Drittel aller Mittelständler in Deutschland. Wie eine repräsentative Analyse von KfW Research auf Basis des KfW-Mittelstandspanels zeigt, ist der Anteil dieser Altersgruppe unter den mittelständischen Unternehmern seit 2002 vier Mal so stark gestiegen wie in der Gesamtbevölkerung. Gleichzeitig fehlt es an Unternehmernachwuchs.

Freelancer, Solopreneure und Clickworker sollte so langsam anfangen sich zu organisieren, um nicht eine zu leichte Beute für die Ausbeutungsmentalität der Old Boys der alten Ökonomien zu werden. Nicht wahr, Herr W.

Am 8. August werden wir dazu eine Live-Hangout-Debatte machen.

Man hört, sieht und streamt sich.

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2 Gedanken zu “Auf dem Weg in die netzökonomische Abstiegsgesellschaft? #NEO16

  1. Solange wir uns innerhalb einer marktwirtschaftlich organisierten Ökonomie befinden, sind wir auch deren Zwängen unterworfen. Gutgemeinte Regulierungsbemühungen können unerwünschte ökonomische Sachzwänge in der Regel nicht beseitigen, bestensfalls deren Auswirkungen verlangsamen. Es wird dann z.B. nicht gekündigt, sondern es werden durch absichtliches (langjähriges) Siechtum Standorte geschlossen und an anderer Stelle mit ‚frischen‘ Mitarbeitern zu marktaktuellen Gehältern neu aufgebaut.
    Der Arbeitsmarkt ist eben auch nur ein Markt weshalb auch hier am Ende Angebot und Nachfrage die Preise (sprich Gehälter) bestimmen. Unternehmen, die permanent Arbeitsleistung zu überhöhten Marktpreisen einkaufen (weil z.B. Gehaltsenkungen kaum möglich sind) fallen am Ende selbst dem Wettbewerb zum Opfer.

    Als langjähriger Freelancer und „Clickworker“ kann ich die Begeisterung für das Modell „betreutes Leben“ mit eng begrenzten Spielräumen (Entwicklungsmöglichkeiten, Arbeitszeit, Urlaub etc.) ohnehin nicht nachvollziehen.

    Die einfachere „Verlagerbarkeit“ digitaler Arbeit und die Beschleunigung des Informationsflusses haben zu einer deutlichen (sozial nicht wünschenswerten) Erhöhung der Preisvolatilität geführt, ein vor 6 Monaten noch nachgefragter Skill kann heute schon wertlos sein.

    Die beste Möglichkeit, die sozialen Folgen dieser Entwicklungen abzufedern sind m.M. nach Massnahmen, die weitgehend ausserhalb des Marktgeschehens wirken wie z.B. das bedingungslose Grundeinkommen oder die negative Einkommenssteuer. Alle Versuche ‚gegen‘ die Zwänge und Gesetze des Marktes zu regulieren treffen am Ende meist die, die man schützen wollte und/oder enden im bürokratischen Irrsinn.

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