Herr Draghi, lesen Sie Schumpeter – Senkung der Leitzinsen für Investitionsplanungen irrelevant


Schumpeter in Bonn

Durch die Billigzins-Politik der Europäischen Zentralbank gehen den Sparen jährlich zweistellige Milliarden-Beträge flöten. Das Dankschreiben für die kalte Enteignung kann man direkt an Mario Draghi schicken. Ein Mann der alten Geldpolitik-Schule, der glaubt, mit Leitzins-Senkungen konjunkturelle Wunder zu bewirken. Ein makroökonomischer Dompteur, der Volkswirtschaften wie ein Uhrwerk betrachtet. Draghi und Co. sollten wieder die Werke des Nationalökonomen Joseph Schumpeter heraus kramen, der vom „Fluch des Denkens in Aggregaten” sprach.

Die Makroökonomen ignorieren den Kern des wirtschaftlichen Wandels, meint Schumpeter. Volkswirtschaften werden permanent durch Innovationen, Technologien und neuen Geschäftsmethoden umgepflügt und revolutioniert. Und häufig sind es gar Einzelpersönlichkeiten, die komplette Wirtschaftsbranchen ins Wanken bringen und neue Wirtschaftsbranchen entstehen lassen – wie die Telefonie-Expansion Ende des 19. Jahrhunderts, ausgelöst durch den legendären Generalpostmeister Heinrich von Stephan – ein preußischer Silicon Valley-Vordenker, der unter Reichskanzler Otto von Bismarck diente und Berlin zum Mekka der Telekommunikation formte. Den Stephan-Orden können wir dem Zins-Gläubigen Draghi nicht verleihen.

Konjunkturpolitisch läuft die EZB-Zinsmaßnahme ins Leere. Dafür werden Privatvermögen geschröpft. Was den EZB-Präsidenten in karnevalesker Manier überhaupt nicht juckt, denn es sei die Entscheidung der Finanzinstitute, die Zinsen für Anleger festzulegen. Was für ein Spaßvogel. Erspartes wird geschröpft und das Spekulantentum neu angekurbelt – mit kaum messbaren Wirkungen auf die Investitionsneigung.

So lässt die Bedeutung der Bankenfinanzierung bei Mittelständlern und Konzernen nach.

„Statt zu investieren oder nicht notwendige Liquidität an die Eigentümer auszuschütten, horten die Finanzvorstände lieber die Mittel – vielleicht auch um in Krisenzeiten besser gewappnet zu sein als in den Jahren 2008 und 2009. Das Trauma der Kreditklemme in Folge der Lehman-Pleite ist immer noch im kollektiven Gedächtnis der Finanzabteilungen verankert“, sagt Finanzblogger Dirk Elsner.

Generell überschätzen nach Ansicht von Elsner die Zentralbanker die Hebelwirkung ihrer Zinspolitik.

„Die Erwartungen über die eigene Zukunft spielen eine größere Rolle als die Leitzinsen.“

Zinsen werden in den makroökonomischen Sandkastenspielchen der Volkswirte zu hoch gewichtet. VWLer unterschätzen psychologische Faktoren.

„Die meisten ökonomischen Analysen konzentrieren sich auf finanzielle Motive wie das Streben nach mehr Konsum oder Einkommen. In der Wirtschaftswissenschaft von heute geht es jedoch nicht nur um Geld und viele Wirtschaftswissenschaftler sind der Ansicht, dass auch nicht-finanzielle Motive untersucht werden sollten“, schreiben George A. Akerlof und Rachel E. Kranton in ihrem Buch „Identity Economics“.

Es gibt also eine Vielzahl von Wechselwirkungen, die berücksichtigt werden müssen, um richtige Entscheidungen in der Wirtschaftspolitik zu treffen.

„Die Senkung der Leitzinsen sind für Investitionsplanungen irrelevant. Viel wichtiger sind Prognosen der Unternehmen, wie sich das eigene Geschäft in den nächsten Jahren entwickelt“, weiß Elsner.

Das recht einfältige Maßnahmenpaket der EZB fruchtet nicht.

Siehe auch:

Mario Draghi hat sich verrannt.

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