Verleger, TV-Produzent, Unterhalter, Autor, Radiomacher, Dichter, Kolumnist, Moderator….UND Blogger


Blogs und die Frage der Kommunikationskultur

Blogs und die Frage der Kommunikationskultur

Sind Blogs am Ende? Das meint zumindest Michael Spehr in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung – in der vergangenen Woche. Kurz gefaßt: Blogs seien heute bedeutungsloser als in früheren Zeiten.

„Die Blogger von früher schreiben entweder direkt auf den Seiten der etablierten Verlage oder sie sind, wie Sascha Pallenberg, mit professionellem Webauftritt, mit hohen Besucherzahlen, Werbung, Sponsoren und fest angestellten Mitarbeitern nichts anderes als, sagen wir es ruhig: Verleger. Pallenberg verdient gutes Geld mit seiner Seite, seine Digital- und Monetarisierungsstrategie ist aufgegangen. Mit einem Blog hat das alles nichts mehr zu tun. Man sollte den Begriff Blogger endlich zu Grabe tragen“, fordert Spehr. Wer damit Erfolg habe, ist mittlerweile wie Pallenberg ein Verleger. „Wer nicht, schreibt bei Facebook. Statt des Bloggers des Jahres wünschen wir uns für 2017 den Verlag des Jahres. Dass es so kommen muss und wird, zeigt der ebenfalls verliehene Preis für den ‚Besten Blogger ohne Blog‘. Er ging bezeichnenderweise an einen Kollegen vom ‚Tagesspiegel'“, resümiert Spehr.

Entsprechend heftig waren die Reaktionen auf Facebook und in Blogs. Hervorheben möchte ich Thomas Knüwer mit seinem Beitrag „Blogger: Am Ende Verleger – oder Verleger am Ende?“ und Jannis Kucharz mit „Blogger vs. Journalisten“.

Da ist vieles schon gut auf den Punkt gebracht worden. Generell amüsiert mich diese Rollendiskussion über Blogger, die dann angeblich irgendwann eine Metamorphose zum Verleger zurücklegen. Völlig daneben. Als Blogger kann ich mich mit jedem Format und in jedem Genre austoben:

TV-Shows produzieren, Radio machen, Essays schreiben, lyrische Ausflüge unternehmen, Reich-Ranicki spielen, über Spielzeug sinnieren, mit Eurer Hilfe Bücher schreiben oder als Ratgeber fungieren. Alles in einer Person. Den Unterschied zum Rollenverständnis des Technikredakteurs Michael Spehr bringt Stephan Goldmann auf den Punkt:

Individualisierung der Kommunikation
Verlinkung und Vernetzung
Interaktivität aller Beteiligten
Aufhebung der Grenze zwischen Rezipient und Produzent und damit auch zwischen Profis und Laien

Genau das zeichnet Blogs aus – unabhängig von Beruf, Tätigkeit, Ort des Blogs oder sonstigen Gegebenheiten. Es ist eine Frage der Kultur, liebwertester Michael Spehr.

Es geht um die Durchbrechung der Einweg-Berieselung – egal, wo sie stattfindet: Im Fernsehen, in Zeitungen, bei Redaktionssitzungen, in der Kundenkommunikation, auf Konferenzen, im Vorlesungssaal, beim Schreiben eines Buches, bei Kunst- und Kulturausstellungen oder der Kommunikation in Organisationen.

Ohne Zeigestock, Vorzimmer, Autorisierung, Zensur, Schönwetter-Modus, Powerpoint-Blasen oder Hinterzimmer-Kungeleien. Es geht um Coworking, Crowdsourcing, Ideenaustausch – im Großen und Ganzen geht es um NETWORK THINKING, wie es Ulrich Weinberg in seinem neuen Buch darlegt – erschienen bei Murmann.

Wenn klassische Medien sich mit dem Pöbelniveau der Netz-Kommentare von Zuschauern, Zuhörern und Lesern auseinandersetzen und sich darüber beklagen, welcher zeitliche Aufwand bei der Kontrolle von Einträgen entsteht, sollten sie sich die Frage stellen, ob es vielleicht etwas mit ihrer Haltung zu tun hat.

Das ist vor ein paar Jahren beim Besser Online-Kongress des Deutschen Journalisten Verbandes in Bonn deutlich geworden. Zeit-Online verortete verschiedene Typologien unter den Kommentatoren, etwa den „Besserwisser“ und den „Möchtegern“. Andreas Hummelmeier von tagesschau.de ergänzte das noch mit dem “Ideologen”, der sich an einem zweiten Gegen-Ideologen abarbeitet, und dem Egomanen, der sich über die Zahl seiner negativen Kommentare definiert. Deshalb müsse man User-Beiträge auch rausschmeißen, so Stefan Plöchinger, Online-Chef der Süddeutschen Zeitung. Wenn die Qualität von Debatten zu schlecht sei, schreckt das andere Nutzer ab.

Vielleicht ist das Pöbelniveau auch so hoch, weil sich hier wirkliche Dialoge gar nicht abspielen können, sondern Leser auf die Einwegkommunikation der Massenmedien nur reagieren. Früher per Brief und heute halt in digitaler Form.

Wichtig sind deshalb Strategien und Formate zur Integration von Social Media, so der Berater Christoph Salzig in der Besser-Online-Podiumsdission und verweist auf die direkte Face-to-Face-Kommunikation mit Live-Hangouts. Damit experimentierte das Aktuelle Sportstudio nach der Sendung unter Beteiligung von einigen Fußball-Bloggern. Entsprechend niveauvoll lief der Dialog mit der ZDF-Sportredaktion ab. Ein gelungenes Beispiel für einen aktiven Dialog mit dem Publikum – schriftliche Leserkommentare sind ausschließlich reaktiv. Leider hat das ZDF keine Fortsetzung gewagt. Heute Plus macht es mit dem Livestreaming-App Periscope über Chat-Kommentare – auch gut.

Michael Spehr hätte sich auf Facebook in die Debatte über seinen Beitrag einschalten können – hat er bislang aber nicht getan. Scheiße-Kommentare sind da nicht gepostet worden, sondern nur kritische Einwände. Warum geht er zur Tagesordnung über? Sind wir seiner nicht würdig? Spehr kann noch so aktiv auf Twitter oder Facebook sein, es kommt auf die Haltung an.

Warum Blogger keine klassischen Verleger sind, wird am Verlauf der Spehr-Kontroverse deutlich.

Es hat auch etwas mit dem offenen Barcamp-Geist zu tun 😉

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Über gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.
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5 Antworten zu Verleger, TV-Produzent, Unterhalter, Autor, Radiomacher, Dichter, Kolumnist, Moderator….UND Blogger

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf http://www.ne-na.de rebloggt.

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  2. Unruhewerkerin schreibt:

    „Als Blogger kann ich mich mit jedem Format und in jedem Genre austoben“. Ja, ja und nochmals ja! Und vor allem: Ich bin und bleibe unabhängig. Und werde das ganz gewiss nicht aufgeben. Ganz gleich, welche Panik-Schweinchen hier mal wieder durch die Dörfer getrieben werden sollen….

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  3. gsohn schreibt:

    Schweine-Zyklus 🙂

    Gefällt 1 Person

  4. Winfried Felser schreibt:

    Was ist eigentich aus dem Board Report geworden? Leben sie die offene Philosophie weiter?

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  5. gsohn schreibt:

    Nee. Die sind wieder zum alten Modus zurückgekehrt.

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