Xavier Naidoo und die Unfehlbarkeit der Verschwörungstheoretiker #ESC


Geheime Himmelsbotschaften - V wie Verschwörung

Geheime Himmelsbotschaften – V wie Verschwörung

Apologeten von Verschwörungstheorien haben in der Regel eine klare Vorstellung von unheimlichen Mächten, die unsere Welt in den Abgrund reißen. Dunkelmänner heißen „Die“. „Die“ sind so einflussreich, dass sie ungestraft in der Mitte unserer Gesellschaft die schlimmsten Dinge tun können und trotzdem unbehelligt bleiben. „Die“ sind wahlweise Geheimdienste, ferne Mächte, Mafia-Bosse, skrupellose Sekten, Geheimbünde, dubiose Hintermänner oder gerissene Verführer. Häufig gibt es auch eine Kombination des Ganzen.

Dieses machtvolle Kollektiv unheimlicher Strippenzieher agiert heimlich und machtvoll die Geschicke der Erdenbürger, die noch an das Gute im Menschen glauben und zu naiv sind, um die wahren Absichten der Lenker im Verborgenen zu durchschauen. Man weiß nicht genau, was „Die“ so alles im Schilde führen, aber es muss etwas Schlimmes sein. „Das ist das Rezept zur Zubereitung einer nahrhaften Verschwörungstheorie. Zunächst einmal benötigt man eine handfeste Verschwörung“, erläutert der Germanist Markus Wallenborn bei einem Vortrag der Bonner Goethe-Gesellschaft über besonders krude Verschwörungstheorien rund um Goethe: Es handele sich in der Regel um ein perfekt organisiertes Netzwerk, das im Dunkeln agiert und Ziele verfolgt, die den Interessen der Allgemeinheit zuwiderlaufen. „Nur einige wenige sind berufen, diese Machenschaften zu erkennen und der Öffentlichkeit mitzuteilen“, so Wallenborn – also so ein Typ wie Ken Jebsen, der vorgibt, ein Wissender zu sein. Das wieder veranlasst die Mitglieder des „Die-Ordens“ zu Gegenmaßnahmen, um zu verhindern, dass ihre Pläne durchkreuzt werden. Hier liege ein weiteres Merkmal von Verschwörungstheorien, so Wallenborn, man kann sie nicht oder nur schwer widerlegen.

„Jeder, der das versucht, ist automatisch verdächtig, der Gegenseite anzugehören und deren dunkles Spiel mitzuspielen. Jeder Zweifel ist nur ein weiterer Beleg für den Einfluss und die Skrupellosigkeit der Verschwörer. Jeder Gegenbeweis ist gefälscht und jeder fehlende Beleg für die Verschwörungstheorie wurde absichtlich unterschlagen. Damit ist gerade das Fehlen aller Beweise für die Verschwörungstheorie nur eine weitere Bestätigung ihrer Richtigkeit und weiterer Hinweis auf die Macht finsterer Verschwörer, die einflussreich genug sind, die Beweise verschwinden zu lassen. Das schweißt die Guten, die Wissenden zusammen, die ihrerseits ein Kollektiv bilden, wenn auch ein deutlich kleineres. Aber eine Verschwörungstheorie funktioniert nur, wenn nicht nur ein einzelner daran glaubt“, führt der Goethe-Kenner aus.

Man braucht Katalysatoren wie Xavier Naidoo, die solche Vereinfachungsweltbilder gesellschaftsfähig machen.

Der irrste Verschwörungstheoretiker des Jahres bekommt jetzt mit dem Eurovision Song Contest eine schöne Plattform, um seine verschwurbelte Ideologie in die Welt zu tragen.

Es könnte aber noch eine Wende zum Besseren geben: Wolfgang Wendland und die Kassierer treten gegen Xavier Naidoo an.

Twitter-Reaktionen zu Naidoo beim ESC: „Haarsträubende Fehlentscheidung“

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Über gsohn

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6 Antworten zu Xavier Naidoo und die Unfehlbarkeit der Verschwörungstheoretiker #ESC

  1. Walter Tauber schreibt:

    Vorweg ein Geständnis: ich bin kein Musikkenner und Eurovision geht mir so was am Arsch vorbei…. Auch Xavier Naidoo (ja, ja, ich gestehe meine Ignoranz) ist für mich nur ein Name (ab Adele, um alphabetisch oben anzufangen, assoziiere ich erst Name und Melodie).
    Aber es geht doch bei diesem Eurovision Ding (würde ich meine Gebühren ja nicht für ausgeben) um Musik? Was Naidoo denkt, ist doch seine Sache. Sollten wir nicht so weit wie das Gesetz es erlaubt Meinungsfreiheit vertreten? Ist Naidoo Antisemit? Wenn nicht, wenn er nur denkt, dass kleine grüne Männchen die Welt vor irgend woher steuern, dann lasst ihn doch. Sollte er in seinem Lied etwa den Holocaust leugnen, dann stoppt ihn. Ansonsten gibt es andere Angelegenheiten, über die wir uns eher echauffieren sollten. Dass „unsere“ Behörden etwa zulassen, dass Glyphosat weiterhin – und nun für die nächsten 10 Jahre – frei verkauft werden darf, ist ein Skandal. Oder bin ich nun auch Verschwörungstheoretiker, weil ich glaube, dass die Industrie -. in diesem Fall Monsanto – massiv und an der Grenze der Legalität – die Politik beeinflusst! Nein doch, große Konzerne können sich das gar nicht leisten, das Gesetz nicht penibel genau einzuhalten! Aber Moment mal… gab es da nicht ‚was mit einem recht bekannten Autobauer?

    Bin ich Verschwörungstheoretiker, weil ich auch geneigt bin, dem dänischen Wissenschaftler Peter Gøtzsche zu glauben, wenn er behauptet, die Pharmaindustrie sei „durch und durch verrottet“?

    Macht mit Eurovision was ihr wollt! Ich plädiere hier nur dafür, dass wir etwas umsichtiger mit dem Begriff „Verschwörungstheorie“ umgehen. Es ist zu einer Art Alleskleber geworden, mit dem wir ein harmonisches Weltbild, das Risse kriegt, wieder heil machen. Allzu schnell werden Menschen zu leichtgläubigen Anhängern von Verschwörungen abgestempelt, wenn sie auch nur ein wenig vom klar markierten Pfad des Mainstreams abweichen. Ich habe mich nie näher mit Ken Jebsen befasst. er hat sicher auch falsches und dummes gesagt. Wer von uns hat das noch nie? Aber sicher hat er auch Richtiges gesagt. Gefährlich ist die Pauschalisierung. Der Schweizer Historiker Daniele Ganser, der sehr fundiert über Gladio und die Geheimarmeen der NATO in Europa publiziert hat, wird auch als Verschwörungstheoretiker abgestempelt – unter anderem weil Ken Jebsen mal über ihn berichtet haben soll. Ansteckende Nähe also genügt?

    Gibt es eigentlich ein positives Gegenstück zu Verschwörungstheorie? Mir fällt kein so wunderbar pauschalisierendes Wort ein, um etwa das zu beschreiben, was der Mainstream macht, wenn er in inniger Einigkeit Putin ausschließlich als Bösewicht darstellt und über seine Machtgelüste schwadroniert. Politik hat damit zu tun, konkrete Interessen zu vertreten. Warum reden so vile Kollegen vom „Bösen“.

    Aber ich bin abgedriftet, gebe ich zu…. ich frage nur: was hat Naidoo verbrochen, dass er nicht zum Euro-TV-Zirkus darf?

    PS: Ich wusste nicht, dass es zu Goethe Verschwörungstheorien gibt… für Shakespeare gibt es die auch zuhauf! Spannend (Shakespeare soll etwa nichts selber geschrieben haben… das haben die kleinen grünen Männchen wohl gemacht 🙂

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  2. NN schreibt:

    ich verabschiede mich von dieser seite.

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  3. gsohn schreibt:

    Tschüss, NN.

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  4. gsohn schreibt:

    Zu Walter: Dann schau Dir mal die politischen Sprüche des Bänkelsängers an, seine reichsdeutschen Schwurbeleien. Und zu Verschwörungstheorien generell. Mich stören Äußerungen wie „DIE“ Pharmaindustrie, „DIE“ Nato, „DER“ Westen, „DIE“ USA. Wenn es etwas zu kritisieren gibt, sollte es auf Fakten basieren. Konkret, gut recherchiert und nachvollziehbar. Alles andere ist nur Meinungsrauschen.

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  5. gsohn schreibt:

    Zu Goethe und Schiller liefere ich nach Verschwörungstheorien nach.

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  6. Walter Tauber schreibt:

    Was Naidoo betrifft hast du sicher Recht, Gunnar. Ich plädiere trotzdem für Vorsicht mit dem Begriff Verschwörungstheorie. Der unbestimmte Artikel bedeutet nicht immer Pauschalisierung. Man kann nicht immer und im jedem Zusammenhang gleich die ganze Recherche mitliefern. Es gibt mindestens seit den 80er Jahren („Bittere Pillen“) genügende Quellen, die mir heute eine Verallgemeinerung erlauben (zumal in Verbindung mit einer Buchquelle). Die Nato ist eine Organisation von höchst zweifelhaftem Nutzen seit dem Ende des kalten Krieges. Auch hier erlaube ich mir den unbestimmten Artikel in Zusammenhang mit einem bestimmten Autoren. „Der Westen“ und „Die USA“ sind Verallgemeinerungen, die man im Zusammenhang werten muss (wie Paris oder London wenn man die Regierungen der entsprechenden Länder meint). Ich bin im Moment vielleicht überempfindlich, weil so oft Kritik (z.B. an der US-Regierung) weggewischt wird als Verschwörung, nur weil ein Rechter dasselbe sagt. Die ganze „Querfront“ Debatte z.B. ist eine Kampagne gegen die Nachdenkseiten, Meinungsmache gegen alles, was nicht mit dem Mainstream mitläuft. Ich fühle mich gewiss nicht mit irgendeinem rechten Arschloch verbunden, wenn der, wie ich, die Nato oder die USA kritisiert. Ich würde auch nie an einer Veranstaltung von zweifelhaften Organisationen reden, nur weil unsere Meinungen in einem bestimmten Punkt zusammentreffen. Wir kommen aus ganz verschiedenen Himmelsrichtungen. Wenn etwa Jens Berger von den Nachdenkseiten dafür plädiert, auf Facebook Pegida-Anhänger nicht gleich zu „entfreunden“ sondern mit ihnen zu diskutieren, so mag das naiv sein. Facebook ist eine Echokammer in der man kaum jemanden überzeugen wird. Berger aber anzugreifen und in die Nähe der Rechten zu schieben, wie Jutta Ditfurth das macht, ist ungerecht, falsch und für die Diskussion unproduktiv.

    Ich freue mich jedenfalls auf die Goethe-Verschwörungen!

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