@wolflotter „Ich recherchiere bunt, groß und breit“ – Arbeiten in der Ablenkungsgesellschaft #NEO15


Wolf Lotter von brandeins auf der IBM BusinessConnect in Köln

Wolf Lotter von brandeins auf der IBM BusinessConnect in Köln

Die Software-Industrie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten einseitig den Prinzipien des Industriekapitalismus unterworfen und Unternehmen auf Effizienz getrimmt.

Das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert, kritisiert Wolf Lotter in seinem Vortrag “Arbeiten in der Ablenkungsgesellschaft” auf der IBM Bussiness Connect in Köln.

“Wir kommen aus der Fabrikgesellschaft, aus der Industriegesellschaft und denken die Digitalisierung immer noch falsch. Wir organisieren uns in den Routinen der Industrialisierung.”

Seit den sechziger Jahren verliert die Massenproduktion, die nach den Regeln von Hamsterrad-Taktungen funktioniert, an Relevanz. Eine Antwort, wie wir in der postindustriellen Ära arbeiten werden, sucht das Notiz-Amt vergebens.

Die Industriegesellschaft würde, das stand für die meisten Vordenker dieser Zeit fest, durch die sogenannte Informationsgesellschaft abgelöst werden, die eine Art Übergangsregierung zur Wissensgesellschaft werden sollte, bemerkt Lotter.

“Die Informationsgesellschaft war also stets nur als Provisorium gedacht, an dem man lernen sollte, wie man mit der großen Komplexität umgeht, um sie dann, im nächsten Schritt, richtig und gewinnbringend für alle zu nutzen. Was dabei herauskommen sollte, die Wissensgesellschaft, würde viel smarter sein als die Welt der Industrie.”

Daraus wurde aber nichts. Man baut Computer, so wie man schon immer Maschinen baute. Sie verarbeiten Daten schneller und steigern die Komplexität der Anwendungen. Das sei der Knackpunkt: Die Einstellung zum Computer und zur Informatik.

“Man zwingt die Benutzer in einen Zustand kontinuierlicher Anpassung. Heute leiden die meisten unter der antiquierten Idee von Dateien und Verzeichnissen. Viele Benutzer finden die Information nicht wieder, die einmal digital abgelegt worden ist. Aber Paradigmen, die dieses Problem beheben könnten, konnten sich nicht durchsetzen”, moniert Brightone-Analyst Stefan Holtel, der dieses Thema in seiner Session auf der Next Economy Open bearbeitet.

Wir wandeln als Aktenknechte in Pfadabhängigkeiten. Die Informationsgesellschaft sei nach Auffassung von Lotter nicht das Verbindungsglied zwischen Industrie- und Wissensgesellschaft, sondern nur jener “Superindustrialismus”, den der Zukunftsforscher Alvin Toffler in den Siebzigerjahren vorhersah.

“Organisationen, Kultur und Gesellschaft bleiben dabei in den alten Bahnen des Fabrikzeitalters.” Es geht um die Routine-Dressur in den Maßstäben der Industriearbeit. Die Digitalisierung müsste uns aber die Zeit freischießen, um geistig arbeiten zu können. Das komme im öffentlichen Diskurs zu kurz, resümiert Lotter.

Eine Maschine darf nicht im Takt interner Regeln und im eigenen Tempo arbeiten – das macht den Anwender zum Befehlsempfänger. Sie müsste im Gleichklang mit den Denk- und Aktivitätsrhythmen eines Menschen ticken.

“Dann tritt der Wissensarbeiter in einen wertschöpfenden, kognitiven Dialog mit seiner Denkmaschine und es entsteht auf wundersame Weise eine Symbiose zwischen wissendem Mensch und Wissensmaschine”, erläutert Holtel.

Digitale Werkzeuge müssen sich den Gewohnheiten der Anwender anpassen. Wolf Lotter recherchiert seine brandeins-Prologe sehr bunt, sehr groß und sehr breit.

„Dann folgt die Ruhe und Konzentration aufs Schreiben. Während dieser Zeit mache ich nichts anderes. Das ist ein altmodischer Ansatz, der aber noch sehr modern wird.“

Wir müssen wohl wieder lernen, uns neu zu konzentrieren. Digitale Maschinen sollten das unterstützen.

Ausführlich nachzulesen in meiner Notiz-Amt-Kolumne für die Netzpiloten.

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Über gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.
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2 Antworten zu @wolflotter „Ich recherchiere bunt, groß und breit“ – Arbeiten in der Ablenkungsgesellschaft #NEO15

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf #NEO15 Matchen, Moderieren, Managen rebloggt und kommentierte:

    Thema auch auf der Next Economy Open in Bonn.

    Gefällt mir

  2. Pingback: [DE] Digitale Transformation, das Middle Management und der Traum vom selbständig handelnden Mitarbeiter | Digital Naiv

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