Live-Hangout über Daniel Kahneman und die Selbstüberschätzung von Managern #NEO15


Kahneman Session

Führungskräfte perfektionieren Methoden der Täuschung, sie bauen Fassaden, basteln an netten Fünfjahres-Verträgen mit horrenden Abfindungssummen, suchen Sündenböcke, wenn mal etwas schief geht, hauen andere in die Pfanne und erfinden für dieses Ego-Management nette Fantasie-Namen wie Reengineering, Shareholder Value-Management oder Scorecard-Leadership-Schnick-Schnack.

„Es beginnt das ‚Tower-Denken’ und die Burgmentalität. Die Leistungen des Ganzen werden dadurch nicht besser. Man wird wohl wieder vom verbliebenen Rest die Unterdurchschnittlichen entlassen müssen. Todesspirale“, schreibt Gunter Dueck in seinem Buch „Supramanie – Vom Pflichtmenschen zum Score-Man“.

Die Bilanzskandale in einigen großen amerikanischen Firmen waren dafür das erste Leuchtfeuer einer Entwicklung, die auch vor den Toren der „weltweit führenden“ Industrie-Riesen in Deutschland nicht halt macht.

Das „allein richtige“ System

Diese Systeme leben noch mit ihrer Taylorseele, erläutert Dueck. Gemeint ist Frederick Winslow Taylor (1856 bis 1915), der das „Scientific Management“ begründete, also der wissenschaftlichen Betriebsführung. Der Taylorismus oder das Taylorsystem studiert und plant die genauen Zeit- und Arbeitsverläufe. Es wird für Arbeiten eine „allein richtige“ Bewegungsfolge gefunden. Die Einhaltung dieser allein richtigen Bewegungsfolge wurde von sogenannten Funktionsmeistern ständig kontrolliert.

Dieses Wissen um die „allein richtigen Bewegungsabläufen“ erscheint in amtlich vorgeschriebener Ziegelstein-Form („allein richtig“) in Lehrplänen, Managementkursen, Standardlehrbüchern, e-Learning-CDs.

„Wissen wird in Ziegelsteine verwandelt, schön genormt. Das sind die sogenannten Lektionen, Lehreinheiten, Kursmodule. Daraus bauen die Wissensmitarbeiter Mauern für Systeme. Die Menschen müssen die vorgeformten Wissensbausteine schlucken. Sie lernen und pauken und speichern alles auf ihrer Festplatte, wo es abgerufen werden kann, um wirksam zu werden“, führt Dueck aus.

So denkt das Taylorhirn. In Wahrheit wird heute aber kein Wissen mehr fertig.

Aura der Unbesiegbarkeit als Fantasie-Produkt

Was die Taylorianer immer schon unterschätzt haben, sind die Faktoren Zufall und Glück, die der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman so trefflich geschildert hat. Besonders von Top-Managern wie Winterkorn wird die Rolle von Können und Geschick maßlos überbewertet. Sie landen in der Falle der Maßlosigkeit und der Selbstüberschätzung. So wollten die Google-Gründer nach einem Jahr ihr Unternehmen für eine Million Dollar verkaufen, aber dem potenziellen Käufer war der Preis zu hoch und der Deal platzte. Weil jede folgende Entscheidung des Suchmaschinen-Giganten mehr oder weniger positiv ausging, deutet die Geschichte auf ein beinahe makelloses Vorauswissen hin – „aber Pech hätte jeden einzelnen der erfolgreichen Schritte zunichtemachen können“, bemerkt Kahneman.

Die Aura der Unbesiegbarkeit und des Heldentums im Management ist in Wahrheit ein Werk der Göttin Fortuna. In der Rückschau neigen wir zu Scheinkorrelationen, die sich bei eingehender Betrachtung als Hirngespinst herausstellen. Die meisten Vorstandschefs beeinflussen den Erfolg ihres Unternehmens nur minimal. Das interessiert aber die Konstrukteure von Geschichten über Sieger oder Verlierer nur minimal. Das gilt vor allem für den Wirtschaftsjournalismus. Man könne sich nur schwer vorstellen, dass sich Menschen in Flughafenbuchhandlungen anstellen würden, um ein Buch zu kaufen, das euphorisch die Methoden von Topmanagern beschreibt, deren Leistungen im Schnitt nur geringfügig über der Zufallsrate liegen, meint Kahneman. Die Öffentlichkeit lechzt nach eindeutigen Botschaften über die bestimmenden Faktoren von Erfolg und Misserfolg im Wirtschaftsleben, und sie brauchen Geschichten, die ihnen Sinnzusammenhänge vermitteln, auch wenn sie noch so trügerisch oder verlogen sind. Krampfhaft versuchen die „Siegertypen“ des politischen und wirtschaftlichen Systems, ihre Handlungen und Intentionen umzuschreiben. Da werden Ursachen den Wirkungen zugeordnet, obwohl es diesen Zusammenhang gar nicht gibt.

Höchste Zeit, dieses Regime der Selbstüberschätzung zu sabotieren und dem Rat von Harald Martenstein zu folgen:

„Je länger du nachdenkst, desto weniger Gewissheiten hast du, desto misstrauischer wirst du in Bezug auf dich selbst. Und eine Welt, in der alle an ihren Gewissheiten zweifeln, wäre tatsächliche eine bessere Welt.“

Nachzulesen in der von Gerhard Steidl so vorzüglich gestalteten Ausgabe des Zeit-Magazins mit dem Schwerpunkt Literatur. Eine Liebeserklärung an das bedruckte Papier – aber in einer Form und mit unterschiedlichen Duftnoten, die sich deutlich von den Gestern-Zeitungen unterscheiden.

Auf den Spuren des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman mache ich morgen, also am Montag, den 19. Okotber, mit dem Biologen und Wissensarbeiter Erich Feldmeier einen furiosen Ritt durch die Geschichte beliebter und weit verbreiteter Entscheidungs-Irrtümer. Es geht um Zufall, Glück und die Selbstüberschätzung im Management, in der Politik und im täglichen Leben.

Eine Vorbereitungssession für die Next Economy Open am 9. und 10. November in Bonn.

Wir starten mit dem Live-Hangout um 14 Uhr. Würde mich freuen, wenn Ihr kräftig mit diskutiert. Entweder über den Frage-Button auf der Google+ Eventseite am Webplayer rechts oben oder über Twitter mit dem Hashtag #NEO15.

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Autor: gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

3 Kommentare zu „Live-Hangout über Daniel Kahneman und die Selbstüberschätzung von Managern #NEO15“

  1. Die Süddeutsche Zeitung schrieb am 25.10.08 über Kahneman und sein Buch ‚Schnelles Denken, Langsames Denken“:
    „Die menschliche Phantasie hat schon bemerkenswerte Kreaturen ersonnen… Das mächtigste all dieser fiktiven Wesen ist der homo oeconomicus. Ausgestattet mit übermenschlichen mathematischen Fähigkeiten sind seine Entscheidungen stets von bestechender Logik… Niemals lässt sich der homo oeconomicus launisch zu einer Eskapade hinreißen. Und er beherrscht die Weltwirtschaft. Als stets rational handelnder Marktteilnehmer bildet der homo oeconomicus das Fundament der modernen Ökonomie. Das einzige Problem ist: Mit realen Gegebenheiten hat er nichts zu tun… Erstaunlich ist auch, wie stur die Menschen selbst dann sind, wenn man ihnen die Zusammenhänge vor Augen führt und etwa Experimente wiederholt. „Was einen umhaut ist, wie wenig Menschen lernen”, sagt der Nobelpreisträger Daniel Kahneman“, SZ, 25.10.08

    Die betriebswirtschaftlichen Folgen für VW sind beispielsweise noch gar nicht absehbar/planbar.
    Wie wenig Menschen (und Organisationen) lernen, ist deshalb gerade am Beispiel VW erstaunlich; nach zwei katastrophalen Fehlentscheidungen bei General Motors / Opel hat sich die Marke in 10 Jahren praktisch nicht mehr erholt!
    vgl. Ignacio Lopez: http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/JoseIgnacioLopez_brandeins_de

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