Das #NotizAmt plädiert für eine Luhmann-Suchmaschine – Entwickler sollten nach Bielefeld fahren @paderta #sck15


Luhmann statt Google
Luhmann statt Google

Das 760 laufende Meter umfassende Tessiner Archiv des legendären Ausstellungsmachers Harald Szeemann wird von einem Chaos der Ordnungen in allen Ebenen beherrscht. Zettel an Schnüren von der Decke, Karteikästen mit Registern auf Tischen, Schubladenschränke, Regale, Kisten und Tüten, Versuche des Reihens und Stapelns, der Serien- und Haufenbildungen. „Unordnung ist eine Quelle der Hoffnung“ steht unter einem Regalbrett: „Das Wichtigste ist für mich, mit geschlossenen Augen durchzugehen, und meine Hand wählen zu lassen.“

Szeemann baut also einen Zufallsmechanismus in seine analoge Sammlung ein. Im wissenschaftlichen Kontext geht man bekanntlich anders vor. Wenn Forscher sehr sicher sind, was genau sie wissen wollen, entsteht dabei zwischen Lesen und Schreiben keine große sachliche und zeitliche Lücke.

„Man bibliografiert, welche Beiträge geleistet worden sind, und notiert sich, was ihnen entnommen werden kann“, schreibt Jürgen Kaube in seinem Beitrag „Luhmanns Zettelkasten oder Wie ist gedankliche Ordnung möglich? im Ausstellungskatalog „Serendipity – Vor Glück des Findens“, erschienen im snoeck-Verlag.

Nachdenken, Weiterlesen, Rechnen, Experimentieren, Datenausschöpfen, Fragen und Antworten formulieren. Die Lektüre und Recherche erfolgt zielgerichtet.

Der berühmte Zettelkasten, den der Soziologe Niklas Luhmann schon im Alter von 25 Jahren anlegte und bis zwei Jahre vor seinem Tod 1998 geführt hat, um seine Gedanken und Lektüren zu dokumentieren, funktioniert anders. Eine Erkenntnis wollte er nicht in Stein meißeln, sondern auf verschiedene Wege weiterführen. Wie Szeemann entscheidet eher der spontane Griff in den Zettelkasten das Sucherergebnis. Bei einer Suchmaschine müssen wir irgendeinen Begriff in die Tasten kloppen und werden angetrieben von einer zielgerichteten Suche. Oder sollte man vielleicht eingeben „Ich will mich von Dir überraschen lassen, liebwerteste Google-Suchmaschine“. Beim Flanieren in der Bibliothek, beim Stöbern im Zettelkasten, beim Durchblättern eines Buches oder irgendwelcher Notizen findet man Dinge, die man eigentlich gar nicht gesucht hat. Genau das leisten Google und Co. nicht:

„Je besser die Algorithmen von unseren Suchmaschinen werden – in der Regel Google -, desto weniger stoßen wir auf neue Sachen. Wir bekommen nur das geliefert, was ganz viele andere User schon eingegeben haben“, bemerkt Damian Paderta beim stARTcamp Köln.

Zudem kommt noch die personalisierte Analyse bei Google dazu, in dem das Verhalten des Suchenden in der Historie getrackt und gespeichert wird. Auch das verringert das Serendipity-Phänomen.

Die Google-Funktion „Auf gut Glück“ befördert nur mäßig das Zufallsprinzip.

Luhmann’s Zettelkasten ist besser als der Google-Algorithmus.

Baut doch in Europa eine Suchmaschine im Geiste des Bielefelder Soziologen. Ausführlich nachzulesen im Notiz-Amt der Netzpiloten.

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Autor: gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

3 Kommentare zu „Das #NotizAmt plädiert für eine Luhmann-Suchmaschine – Entwickler sollten nach Bielefeld fahren @paderta #sck15“

  1. BTW: Der “Auf gut Glück-Button soll Google angeblich Millionen gekostet haben.

    siehe: http://www.focus.de/digital/videos/auf-gut-glueck-dieser-button-kostete-google-millionen_id_4786046.html

    Man hat gar keine Chance mehr, den Knopf auf die ursprünglich angedachte Weise zu nutzen.


    Ich verhunze Luhmann jetzt an der Stelle etwas: „Suchmaschinen trennen stärker als Körper, sie machen die Differenz zur Information und zum Anlaß der Fortsetzung der Information.“

    Na dann. 🙂

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  2. Nett umgedichtet. Habe heute die Google-Funktion mal ausprobiert nach Deinem freundlichen Hinweis und sofort gemerkt, wie blöd das funktioniert. Es lebe also die virtuelle Zettelkasten-Maschine. Als Sortiersystem gibt es das Luhmannsche System ja bereits. Aber da muss mehr kommen 🙂

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