Altpapier des Tages: Wir sollten den Forsa-Chef einfach vergessen – Über die Partikular-Interessen eines „Meinungsforschers“


Die neuen Meinungsbildner
Die neuen Meinungsbildner

Ich weiß nicht, welchen Clown der Forsa-Chef Manfred Güllner zum Frühstück verspeist hat, aber mit seinen Rundumschlägen gegen die öffentliche Meinung des Netzes beweist der „Demoskop“ seine Inkompetenz bei der Beurteilung der Meinungsbildung, die nun nicht mehr von Massenmedien bestimmt wird. Es ist wohl kein Zufall, dass seine Warnungen in den gedruckten Ausgaben von Lokalzeitungen erscheinen und online bislang nicht zum Abruf bereitgestellt wurden. Stefan Niggemeier hat sich der Anstrengung unterzogen, die Offline-Ergüsse von Güllner netzöffentlich zu machen:

„Der Forsa-Chef wettert gegen ‚das Netz‘ und vor allem gegen das Missverständnis, dass es sich bei der großen Zahl von Bloggern, Kommentatoren, ‚Followern‘ und ‚Freunden‘ um einen ‚auch nur annähernd repräsentativen Querschnitt des gesamten Volkes‘ halte: Die angeblich den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkenden ‚Communities‘ bestehen überwiegend aus Vertretern von Partikular-Interessen — die ja durchaus legitim sein mögen -, meist aber aus Extremisten jedweder Couleur, Querulanten, in der Gesellschaft zu kurz Gekommenen — wie jenes ‚Medienjournalisten‘ (wer da wohl gemeint ist? gs), bei dem es zu einem ordentlichen Journalisten nicht gereicht hat — oder selbst ernannten Advokaten, die unter dem Deckmantel ‚hehrer Ziele‘ nur ihre ideologischen oder persönlichen Süppchen kochen wollen — zum Beispiel solch undurchsichtigen Gebilden wie ‚Lobby-Control‘ (die haben es gewagt, Forsa zu kritisieren – billige Retourkutsche, gs), etc..“

Das Volk von Herrn Güllner

Die im Netz vorzufindenden Äußerungen und Kommentare werden nach Ansicht von Güllner von politischen und gesellschaftlichen Eliten als Meinung „des Volkes“ missinterpretiert, obwohl es sich ja in der Regel nur um völlig abwegige Artikulationen von Minderheiten handelt. Wer in erster Linie auf das „Netz“ höre, verliert schnell das Gespür dafür, was „das Volk“ insgesamt wirklich umtreibt, bewegt, besorgt oder beunruhigt. Damit aber verärgere man die große Mehrheit des Volkes nachhaltig.

„Zu Recht beklagen ja die immer zahlreicher werdenden Nichtwähler, dass die politischen Akteure sich zu sehr an den Meinungen und Interessen von Minoritäten orientieren, die Interessen der großen Mehrheit des Volkes aber unberücksichtigt lassen.“

Die Motivation für diesen Rant halte ich für profan: Der Forsa-Chef fürchtet wohl eher um seine eigene Deutungsmacht gegenüber den Auftraggebern aus Politik und Wirtschaft. Die Aufmerksamkeitsregeln waren vor dem Aufkommen des Social Webs recht übersichtlich, so der Soziologe Niklas Luhmann: „Was wir über die Welt wissen, das wissen wir durch die Massenmedien.“ Die als „thematische Struktur öffentlicher Kommunikation“ bezeichnete öffentliche Meinung ist deshalb wesentlich das Ergebnis von Selektion auf der Basis von „Aufmerksamkeitsregeln“.

Und dieser Nachrichten-Flaschenhals wurde von bestimmten Auswahlkriterien geprägt, die bewusst oder unbewusst zu einer Vereinheitlichung des Medientenors führten – in der empirischen Sozialforschung spricht man von Konsonanz.

Die Vorahnungen der Kanzlerin

Medientenor und öffentliche Meinung sind nur selten auseinander gefallen. Aber selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel ahnte schon vor einigen Jahren, dass sich die Theorie der öffentlichen Meinung wandelt und die alten Eliten in Politik, Wirtschaft und Verlagswesen ihre Deutungsmacht im massenmedialen Zirkus verlieren. Güllner sollte dringend das Gespräch mit der Regierungschefin suchen.

Durch diesen „sehr großen technischen Wandel“ sei es schwerer geworden, „alle Menschen, alle Generationen zu erreichen, denn diese nutzen die einzelnen Medien mittlerweile sehr unterschiedlich“. Erkenntnis der CDU-Politikerin:

„Es gibt nicht mehr nur eine Öffentlichkeit, sondern viele Öffentlichkeiten, die ganz verschieden angesprochen werden müssen.“

In der empirischen Sozialforschung machte man bislang um dieses Phänomen einen großen Bogen. Schließlich geht es um eine neue Theorie der öffentlichen Meinung, die über die Arbeiten von Luhmann, Noelle-Neumann, Kepplinger & Co. hinausgehen. Jan Schmidt erwähnt zwar in seinem Opus „Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0.“ den Begriff „persönliche Öffentlichkeiten“, legt aber keine empirischen Befunde vor. Etwas ergiebiger ist die Schrift „Digitalkompakt“ der Landesanstalt für Medien NRW (LfM). Die Vorahnungen der Kanzlerin finden hier eine erste Bestätigung.

Die etablierten Player der Öffentlichkeit, allen voran Journalisten und Politiker, seien durch die rasante Verbreitung sozialer Netzwerke in Zugzwang geraten:

„Wenn Medienkonsumenten und Wahlbürger sich zunehmend in ihren ‚persönlichen Öffentlichkeiten‘ aufhalten und sich dort so viel Zeit und Energie konzentriert, muss jeder, der ihre Aufmerksamkeit erringen möchte, auch dort Präsenz zeigen“, so die LfM.

Die Metamorphosen der öffentlichen Sphäre

Aber das ist dann eher die Perspektive der etablierten Medien, um wieder Bodenhaftung zu bekommen. Soziale Netzwerke stehen vor allem für eine fundamentale Veränderung der öffentlichen Sphäre. Öffentliche und individuelle Kommunikation verschwimmen. Und ob ich nun mit meiner eigenen Teilöffentlichkeit wenige oder sehr viele Menschen erreiche oder nicht, vorher war es schlicht unmöglich, ohne großen Aufwand eine eigene Öffentlichkeit herzustellen, die über den Nachbarzaun reichte.

Die neuen Beteiligungs- und Vernetzungsmöglichkeiten verändern die Bildung öffentlicher Meinung, konstatiert die LfM und fragt sich, wie eine Gesellschaft angesichts der Inflation persönlicher Öffentlichkeiten noch zu kollektiv verbindlichen Entscheidungen kommen könne.

Ohne die Gatekeeper in den Massenmedien gibt es also keine verbindlichen Entscheidungen mehr? Wie oft rauscht der einheitliche Medientenor an der Wahrheit vorbei? Wie oft lassen sich die etablierten Medien an der Nase herumführen, etwa bei der vermeintlichen Karstadt-Rettung durch den selbst ernannten weißen Ritter Nicolas Berggruen? Oder bei der Kriegspropaganda von NATO und Bundesregierung Ende der 1990er-Jahre? Es gab schon häufig ein kollektives Versagen der klassischen Medien.

Wenn also Mediennutzer autonomer durch den Nachrichtenstrom surfen, kann das für die Meinungspluralität nur nützlich sein.

„Sie werden zunehmend selbst zum ‚Gatekeeper‘ von Informationen, selektieren und empfehlen Informationen aktiv weiter und orientieren sich auch bei ihrem Medienkonsum am Verhalten und den Hinweisen befreundeter Nutzer. Damit verändert sich die Verbreitungsdynamik von Nachrichten in der Gesellschaft, Freunde und Bekannte bekommen mehr Einfluss auf die Wahrnehmung der Welt als früher und laufen klassischen Autoritäten der öffentlichen Sphäre möglicherweise den Rang ab“, schreibt die LfM.

Immer relevanter für die Bildung von öffentlicher Meinung wird das Verhalten der Social-Web-Nutzer beim Kommentieren, Weiterleiten und Empfehlen von Nachrichten. Die Rezeption von Nachrichten ändert sich und geht weit über das hinaus, was der Forsa-Chef als Majestätsbeleidigung im Netz wahrnimmt.

„Der Wiener Kommunikationsforscher Axel Maireder untersuchte 2011 den deutschsprachigen Twitter-Raum und fand heraus, dass von allen Tweets mit einem Link auf einen Medienbeitrag über die Hälfte einen individuellen Kommentar oder eine Wertung enthielt“, schreibt die LfM.

Weniger Meinungs-Einheitsbrei

Die Nutzer seien also keineswegs neutrale „Transmissions-Riemen“ für journalistische Produkte, sondern liefern ihrem Publikum auch individuelle Schemata für die Deutung der Beiträge. Das war allerdings schon vorher so. Nur beschränkte sich die Multiplikator-Funktion auf Arbeitskollegen, Familie und Freunde.

Es sei durchaus möglich, dass in den persönlichen Öffentlichkeiten der Netzwerke strittige Themen anders bewertet und gedeutet werden als in den Massenmedien oder im Bundestag. Das von der Demoskopin Noelle-Neumann beobachtete „doppelte Meinungsklima“ – also das Auseinanderdriften von Bevölkerungsmeinung und Medientenor – kommt immer häufiger vor. Mehr Pluralität und weniger Meinungs-Einheitsbrei sind die Folgen.

„Die Dynamik in sozialen Netzwerken ist nicht so sehr geprägt von tradierten Hierarchien und Jahrzehnte alten Rollenmustern, sondern von den kurzfristig aufsummierten Handlungen vieler Menschen“, so Maireder.

Damit fallen allerdings die alten Machtstrukturen und Meinungsmacher nicht unter den Tisch.

„Die Potenziale, Deutungsmacht zu erlangen, sind sehr viel breiter verteilt als früher, nicht nur auf klassische Öffentlichkeitsberufe wie Journalisten und Politiker“, bemerkt Maireder.

Wie sich öffentliche Meinung in sozialen Netzwerken bildet, sollte von Demoskopen untersucht werden. Die Abrechnungen von Güllner kann man getrost ins Altpapier schmeißen, da landen die betreffenden Lokalzeitungen ohnehin.

Advertisements

Autor: gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

1 Kommentar zu „Altpapier des Tages: Wir sollten den Forsa-Chef einfach vergessen – Über die Partikular-Interessen eines „Meinungsforschers““

Es lebe die Diskussion!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s