Mit @stporombka und Adorno-Adiletten die digitale Gegenwart ändern: Über Gamification und den Nutzen der Torheit #Gamescom15 #NEO15


Eine vom Fluch der ständigen Erreichbarkeit genervte Familie.

Eine vom Fluch der ständigen Erreichbarkeit genervte Familie.

Man spürt die Verkrampfung vieler Führungskräfte der Deutschland AG, wenn sie sich mit Dingen beschäftigen müssen, die sie nicht kapieren. Der Grafiker Quentin Fiore formuliert das in seinem Opus „Das Medium ist die Massage“ mit drastischen Worten: Ein Überleben sei heute unmöglich, wenn man sich seiner Umwelt, dem sozialen Drama, mit einer starren, unveränderlichen Haltung nähert – eine geistlose, immer gleiche Reaktion auf das Verkannte.

„Leider begegnen wir dieser neuen Situation mit einem riesigen Ballast überholter intellektueller und psychologischer Reaktionsmuster. Sie lassen uns h-ä-n-g-e-n. Unsere eindrucksvollsten Wörter und Gedanken verraten uns. Sie verbinden uns mit der Vergangenheit, nicht mit der Gegenwart“, schreibt Fiore.

Den neuen Technologien begegnet man mit den Reizreaktionsmustern der alten. In Phasen des Übergangs sei daher ein Zusammenprall unvermeidlich:

„In der Kunst des ausgehenden Mittelalters erkennen wir bereits die Angst vor der neuen Technologie des Buchdrucks, die im Motiv des Totentanz ihren Ausdruck fand“, so Fiore.

Es ist der absurde Versuch, die von der neuen Umwelt geforderten Aufgaben mit dem Rüstzeug von gestern zu erledigen. Heute wird der Untergang des Buchdrucks mit kulturpessimistischen Tönen bekleidet:

Etwa die Idee von Amazon, das Lesen von eBooks nur noch nach angeklickten Seiten zu bezahlen. Das Buch als Ganzes wird aufgelöst.

„Und das ist für die Verfechter der alten Buchkultur natürlich schlimm. Das Buch hat uns ja erzogen, die Sachen als abgeschlossen zu verstehen, als festes Gegenüber. Die neuen Formen des Lesens interessieren sich weniger für das Abgeschlossene. Es geht um Aneignung und um Weiterbearbeitung. Das heisst, dass sich Bücher in Texte verwandeln – und die wiederum erscheinen eher als Material, mit dem man etwas machen kann. Damit verfallen dann eine ganze Reihe von festen Regeln, die uns mit dem Lernen der Buchlektüre beigebracht worden sind“, sagt Literaturprofessor und Twitterat Stephan Porombka.

Letztlich sind es lustvolle und kombinatorische Gegenwartsexperimente, die die Gegenwart nicht nur beobachten, sondern sie verändern. Erfolge habe schließlich NICHT in erster Linie der Erfinder oder kreative Zerstörer, sondern jener, der das Neue am besten organisiert und kombiniert, bemerkte der Ökonom Joseph Schumpeter in seiner Zeit an der Bonner Universität.

Schumpeter richtig zitieren.001

Als wahrer Pionier der kombinatorischen und experimentellen Gegenwartskultur erweist sich Porombka. Selbstporträts macht er nicht mit Selfie-Stab, sondern mit einer autonom fliegenden Drohne, die Fotos sogar in heiklen Momenten bei der Bettlektüre von Werken schießt wie „Josefine Mutzenbacher – oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“.

Die tägliche Rasur der Geheimratsecken, die zum professoralen Habitus von Porombka zählen, bleibt der Drohne nicht verborgen. Man sieht ihn auch bei frühsportlichen Übungen in der Disziplin „American Bookball“. Ein extrem hartes Buchtraining mit literarisch ausstaffierten Schulterpolstern im Stil der 1980er Jahre.

Legendär ist auch der vierarmige Pullover mit dualem Stinkefinger für langweilige Konferenzen. Wegweisend sein achtjähriges Forschungsprojekt beim Abpausen des Gesamtwerkes von Franz Kafka. Das Gerüst von Heideggers Opus „Sein und Zeit“ hat der Twitteratur-Trendsetter mit Streichhölzern nachgebaut. Den Silberstreif am Horizont gibt es in der innovativen Porombka-Werkstatt in mobiler Version zum Mitnehmen.

Zudem offeriert er ein Brot mit USB-Schnittstelle und für den intellektuellen Sauna-Gang Adiletten mit Theodor W. Adorno-Plateausohlen. Smartphone-Hüllen mit dem Wittgenstein-Hauptwerk „Tractatus logico-philosophicus“ reduzieren die Blödheit beim öffentlichen Einsatz dieser mobilen Geräte.

Technologien der Torheit

Vielleicht sollten die Unternehmensentscheider im Umgang mit den digitalen Technologien dem Weg von Porombka folgen oder sich an dem amerikanischen Organisationspsychologen James C. March orientieren, der für eine „Technologie der Torheit“ plädiert. Er meint damit aber nicht Albernheit, sondern Verspieltheit, um Raum für Experimente zu schaffen. Organisationen kommen nicht ohne Wege aus, Dinge zu tun, für die sie keine guten Gründe haben. Es existiert in allen Entscheidungssituationen eine Menge Unsicherheit und Konfusion, die von den traditionellen Managementkonzepten und verstaubten BWL-Theorien ignoriert werden. Klugheit im Durcheinander der Vernetzung speist sich nicht aus dem kümmerlichen Geist des Controllings.

„Torheit – oder das, was danach aussieht – beruht zum Teil darauf, Ideen aus anderen Bereichen zu stehlen“, erläutert March im Interview mit Harvard Business Review.

So könne der Spieltrieb genutzt werden, um die Torheit zu fördern:

„Beim Spielen gibt es keine Hemmungen. Wenn wir spielen, können wir Dinge tun, die uns sonst nicht erlaubt sind. Wenn wir aber nicht spielen und die gleichen Dinge tun wollen, müssen wir unser Verhalten rechtfertigen. Gelegentliche Torheit erlaubt es uns, Erfahrungen mit einem möglichen neuen Ich zu machen – aber bevor wir eine Veränderung dauerhaft in die Realität umsetzen, müssen wir Gründe dafür liefern.“

Vielleicht bringt die Gamification mehr Leichtigkeit ins Wirtschaftsleben. Wir sollten nicht alles so bedeutungsschwer auf die Waagschale legen. Schließlich sei das Streben nach Bedeutsamkeit und Wichtigkeit die Illusion des Unwissenden, betont March. Recht hat er.

Darüber wollen wir reden – auf der Gamescom am 6. August, um 12:30 Uhr. Und natürlich auch auf der Next Economy Open im November. Man hört, sieht und streamt sich 🙂

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Über gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.
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2 Antworten zu Mit @stporombka und Adorno-Adiletten die digitale Gegenwart ändern: Über Gamification und den Nutzen der Torheit #Gamescom15 #NEO15

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf http://www.ne-na.de rebloggt.

    Gefällt mir

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