Ohne Bürgerbeteiligung scheitern Großprojekte – Lehrbeispiel #Festspielhaus in Bonn


Beethoven Denkmal

Das Scheitern des Festspielhaus-Projektes zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven war absehbar. Es ist die unendliche Geschichte von Planungschaos und Überheblichkeit der Bonner Honoratioren.

Fragte man die Festspielhaus-Freunde nach der Beteiligung der Bonner Bürgerschaft beim Wettbewerbsverfahren, bekam man den Verweis auf die private Trägerschaft. Fragte man nach der Notwendigkeit des Prachtbaus, argumentieren die Klassik-Fans mit den Interessen der Stadt. Ein sehr schönes dialektisches Spielchen auf Kosten der Allgemeinheit, auf Kosten der Kleinkunst und der Graswurzel-Kulturszene.

„An diesem Beispiel wird deutlich, weshalb wir als Zivilgesellschaft solche unabhängigen Institutionen wie die Werkstatt Baukultur Bonn oder das Haus der Architektur Köln dringend benötigen. Aus dem System selbst heraus (d.h. Politik, Verwaltung, Architekten, Berufs- und Wirtschaftsverbände, Investoren) sind die Stimmen einfach zu schwach, die sich für eine höhere Planungsqualität und Prozesskultur einsetzen. Eine transparente, nachvollziehbare, öffentlich geführte Debatte solch hochöffentlicher Bauvorhaben verhindert nicht etwa Qualität, sondern ist integraler Bestandteil der erfolgreichen und von weiten Teilen der Stadtgesellschaft mitgetragenen Umsetzung“, kommentiert Christian Wendling vom Haus der Architektur in Köln.

Wie gut ist doch Wikipedia bei der Dokumentation der planerischen Peinlichkeiten, die sich in den vergangenen Jahren um den neuen Musen-Tempel abgespielt haben. Hier nur die „Highlights“:

Im Juni 2007 hieß es in einem Beschluss des Rates der Stadt:

„Das neue ,Festspielhaus Beethoven‘ soll in unmittelbarer Nähe zur bestehenden Beethovenhalle errichtet werden. Hierbei sind planerische Lösungen für die Anbindung zum Komplex der bestehenden Beethovenhalle vorzuschlagen. Als Baufenster vorgesehen ist das östlich angrenzende Grundstück am Ufer des Rheins zwischen den Straßen Wachsbleiche im Norden und Theaterstraße im Süden.“

Im April 2008 vollzog die damalige Oberbürgermeisterin Dieckmann einen Schwenk: das Festspielhaus sollte weder neben der Beethovenhalle oder gar an einem anderen Standort gebaut werden.

„Das wäre mit 75 Millionen Euro nicht zu machen“, zitierte sie der „Bonner General-Anzeiger“ am 19./20. April 2008.

Sie setze sich nun für eine „integrative Lösung“ ein. Danach sollten Außenansicht und Dach der Halle „weitgehend erhalten bleiben“, der Innenraum aber völlig umgebaut werden mit zwei Sälen und der Verlagerung des Haupteingangs zum Rhein hin. Zu diesem Konzept würden nun auch die Bauherren tendieren.

Drei Monate nach der Wahl eines neuen Stadtrates und eines neuen Oberbürgermeisters im September 2009 teilte der Bonner Stadtdirektor Volker Kregel mit, der gleichzeitig städtischer Projektleiter für das Festspielhausprojekt war, dass es hinsichtlich des Standortes eine Alternativ-Planung gebe. In Absprache mit Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch werde laut darüber nachgedacht, „die Entscheidung für den Standort auf dem Gelände der Beethovenhalle aufzugeben“. Als Alternativstandort nannte Kregel ein Grundstück neben der Telekom-Zentrale, auf dem sich derzeit noch das „Landesbehördenhaus“, das ehemalige Bonner Polizeipräsidium, befindet.

In einer Stellungnahme vom Februar 2010 erklärte die Verwaltung, es gebe „keine Pläne zum Standortwechsel, sondern lediglich den Hinweis auf andere Optionen“. Zwei Wochen später teilte Oberbürgermeister Nimptsch mit, dass „die Projektpartner jetzt Alternativen“ prüften, „die am Rhein liegen: am Alten Zoll, im Park zwischen Villa Hammerschmidt, Kanzlerbungalow und Palais Schaumburg. Und in der Rheinaue.“

In der dem Projektbeirat im März 2010 vorgelegten „Ergänzenden Standortbewertung“ kam die Verwaltung für den Standort Rheinauenpark/Rheinpavillon zu der Bewertung „sehr eingeschränkt geeignet“, die drei anderen seien nicht geeignet. Ähnlich kurios ist die Bauplanung verlaufen.
Kein offener Wettbewerb

Das privatrechtlich ausgerichtete Vergabeverfahren aus dem Jahr 2008 war kein ordentlicher, offener Architektenwettbewerb, wie er bei öffentlichen Aufträgen vorgeschrieben ist. Zu Beginn des Auswahlverfahrens, Mitte Oktober 2008, nannte die Deutsche Post AG für die drei Unternehmen elf internationale Architekturbüros, die mit Entwürfen für den Bau beauftragt wurden. Drei Leitlinien galten für sie:

Das neue Haus soll sowohl architektonisch als auch akustisch Weltniveau haben, das Investitionsvolumen maximal 75 Millionen Euro betragen. Als „Option“ vonseiten der Sponsoren hatten die Architekten, die Beethovenhalle einzubeziehen oder abzureißen, womit die Sponsoren die vom Rat beschlossenen „städtebaulichen Rahmenbedingungen“ ignorierten. Die „städtebaulichen Rahmenbedingungen“ gehen von einem Nebeneinander von alter und neuer Halle aus, nicht von einem Abriss.

Provinz bleibt Provinz

Vertreter der Stadt und der Bürger waren bei der Expertenanhörung, so Andreas Rossmann in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) vom “16. Februar 2009, „Zaungäste“”. Die Entscheidung, welche Entwürfe ausgewählt wurden, trafen alleine die Sponsoren. Am 16. Februar 2009 berichtete die „FAZ“, dass die vier ausgewählten Entwürfe der Sponsoren nicht identisch seien mit vier Entwürfen, die das Expertengremium favorisierte.

Die Zeitung beruft sich auf Landeskonservator Udo Mainzer, der als Experte an der Anhörung teilnahm. So seien von den Sponsoren zwei Entwürfe, die von Schuster & Schuster und von David Chipperfield, „plötzlich“ ausgetauscht und durch die Entwürfe von Hermann & Valentiny und Arata Isozaki ersetzt worden. Begründungen für diese Entscheidung wurden vonseiten der Sponsoren nicht gegeben. Ebenfalls sei kein Wettbewerbsprotokoll geführt worden.

Und wie trefflich urteilt doch der „FAZ“-Redakteur vor sechs Jahren (Stichwort „Bilbao-Illusionen“):

„Zwar zeichnet sich inzwischen ein Ende der Spektakel-Architektur ab, doch die Post möchte in Bonn damit hinterherkleckern. So insistiert die Provinz darauf, Provinz zu bleiben. Zeitgebunden wie sie sind, dürfte jeder der vier Entwürfe, so er gebaut wird, in zwanzig Jahren älter aussehen als die Beethovenhalle von Siegfried Wolske“, die übrigens vor fünf Jahrzehnten von Experten der Musik- und Architekturszene bejubelt wurde – bis sie von der Stadt heruntergewirtschaftet wurde und von den Festspielhaus-Honoratioren in den vergangenen Jahren schlechtgeredet wurde.

Das Abo-Publikum verlangte halt einen neuen und edlen Rahmen, um die Abendgarderobe aus dem Schrank zu holen.

Nach dem Ausstieg der Post steht man nun in Bonn mit leeren Händen da. Dann sollte wenigsten die Beethovenhalle saniert werden, um im alten Glanz zu erstrahlen. Viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum Beethoven-Jubiläumsjahr 2020.

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